Ganz oder garnicht
Die einsame Kunst der Verdrängung, oder: Der Blaubeermuffin im Kommunismus.
“Wir können so nicht weiter machen”. Mit äußerster Vorsicht streiche Ich ein paar Krümel meines Blaubeer-Muffins vom Sessel, um sie nicht aufzubröseln und somit den Arbeitsaufwand zu erhöhen. Immer effizient bleiben. Neben mir hackt ein bebrillter Mitt-Zwanziger auf sein Macbook ein. Was der wohl meint jetzt schreiben zu müssen. Ich lache ihn innerlich für seine ignorante Vorstellung aus, in einem Starbucks in Notting Hill arbeiten zu können. So beschränkt kann er nicht sein, nicht zu realisieren, dass sein Verhalten sich auf puren Selbstdarstellungsdrang zurückführen lässt. Und doch sitzt er da, und kommt diesem Drang in bester Manier nach. Was er wohl Wichtiges zu schreiben hat? Ich möchte es nicht lesen.
“Ich habe gemerkt, dass Ich mehr für dich empfinde als du für mich. Es funktioniert so nicht. Entweder ganz oder gar nicht.” Ganz oder garnicht. Eine viel zu häufig benutzte Redewendung, sie fällt der Inflation anheim. Ganz oder garnicht. Wie perfekt sie die Entscheidung umschreibt, die Ich seit dem ersten Kuss zu verdrängen gedenke. Ich nehme einen Schluck aus der Eimer-ähnelnden Kaffeetasse und verbrenne mir die Zunge. Jetzt schmeckt der halb-zerbröselte Muffin auch nicht mehr. Kann ich gleich den Rest auf dem Sessel verstreuen und vesuchen, ihn geschickt runterzustreichen. So könnte Ich immerhin ihren bohrenden Blicken ausweichen. “Ich dachte du wärst mit uns zufrieden. Ich dachte es wäre so am besten.” Ich dachte. Das liegt der Schlüssel begraben, der Schlüssel zur Erleuchtung. Egoismus ist zwar schön und gut, aber er funktioniert nicht. Man ist immer voneinander abhängig. Leider nicht so simpel wie im Kommunismus, der funktioniert auch nicht. Daher die Demokratie, man muss auf einen gemeinsamen Nenner kommen, Diskutieren ist das Sprichwort. Ich hasse diskutieren, man weiß von vorne rein, das man nicht bekommt was man will.
Wie viel Mühe Ich mir gemacht habe Ihr meine Idee einer offenen Beziehung zu erklären. Alles basiert auf der Verdrängung von Gedanken. Das simple einander Genießen ohne zu überlegen, zu zögern, zu interpretieren. Die Zeit nutzen die man hat, und dann vergessen. Eine Utopie. Sie haben es alle gesagt, alle. Es wird nicht funktionieren, so läuft es nicht. Doch Ich habe nicht gehört, habe sie überredet, habe meine Gedanken ausgeschaltet. Doch sie konnte nicht. Sie konnte nicht.
“Ich weiß, du willst keine richtige Beziehung. Aber Ich kann so nicht weiter machen, Ich halte es nicht aus. Ich ziehe vor, wir lassen es.” Ganz oder garnicht. Mein Ideengerüst fällt zusammen. Mein Turm zu Babel, der Versuch die perfekte Beziehung zu erschaffen, durch pure Ignoranz. Durch Leben, durch Vergessen, durch Genuss. Egoismus funktioniert nicht. “Ich hoffe, wir können wieder wie vorher sein. Wie Freunde”. Ich hoffe, mein Muffin könne sich wieder zusammensetzen und meiner heilen Zunge den geschmacklichen Genuss liefern für den Ich bezahlt habe.
Ganz oder garnicht.
Tags: Utopie, Egoismus, Diskussionen







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