hannabell 30.11.-0001, 00:00 Uhr 5 7

Ganz in weißichnicht

Die Braut in Weiß schreitet zum Altar. Und ich komme mir vor wie ein Misanthrop, der versehentlich in einem Rosamunde-Pilcher-Film gelandet ist.

Ich dachte immer, spätestens mit Anbruch der Post-Postmoderne sei die Zeit der Hochzeiten in Weiß für Menschen meines Alters vorbei. Doch hier saß ich nun, auf einem weißen Stuhl, um den eine goldene Schleife gewickelt war. Die Kulisse war märchenhaft: englisches Schlosshotel (der Rosamunde-Pilcher-Vergleich liegt also nahe), grüne Wiesen, weiße Tauben, Blumenmädchen in niedlichen Kleidern und natürlich die Braut: Kleid mit Schleppe, Schleier und Swarowski-Glitzersteinchen. Genau die Art von Märchenhochzeit, die ich mit acht Jahren ganz toll gefunden hätte. Heute hingegen fühlte ich vor allem eines: Beklemmung. Ich war total fehl am Platz. Es waren auch nicht meine Freunde, die da heirateten. Meine Freunde heirateten nicht. Sie hatten One-Night-Stands, Poly-Night-Stands, Affären oder bestenfalls Fernbeziehungen. So wie wir. Seit einem dreiviertel Jahr pendelten wir zwischen Russland und Deutschland hin und her. Alles, was von meinem spärlichen Berufseinsteiger-Gehalt übrig blieb, investierte ich in Flugtickets Russland-Deutschland/Deutschland-Russland. Ich kannte mich sowohl auf dem Moskauer als auch auf dem Münchner Flughafen inzwischen besser aus als in meiner Heimatstadt. Dabei war die viel kleiner als so ein Flughafen. Dein Gesicht war mir als verschwommener Video-Fleck in meinem Skype-Fenster vertrauter als in echt.

Eigentlich war ich ganz zufrieden damit, wie es war. Ich war immer stolz darauf gewesen, keines dieser pflaumenweichen Mädchen zu sein, mit ihrem ichliebedich, ichbrauchedich, eristüberhauptnichtromantisch, bittegehnicht, schatzlassunsmalwiederinskinogehen. Zwar hätte ich Dich schon lieber jeden Tag um mich gehabt. Naja, vielleicht nicht jeden Tag, aber so vier bis fünf Mal die Woche. Aber ich mochte es auch, Sonntag morgens mit meinem Computer und einem Kaffee im Bett zu liegen, Du am anderen Ende, 2000 Kilometer entfernt, und doch so nah, wie mir noch nie jemand zuvor war. Ich mochte es, wenn Du mir abends etwas vorlast, ich dann irgendwann einschlief und am nächsten Tag immer noch der Bildschirm flimmerte, Dein Foto auf dem Desktop. Außerdem gibt einem eine Fernbeziehung auch ein nicht zu unterschätzendes Maß an wertvoller Freiheit. Ich war zum Beispiel schon ewig nicht mehr beim Friseur gewesen und sah aus wie einer dieser Hunde mit den langen, braunen Ohren. Das konnte man über die Skype-Kamera aber nicht erkennen, weswegen es mir egal war. Als ich es Dir dennoch in einem schwachen Moment erzählte, lachtest Du nur: „Du meinst Cockerspaniels.“ Ich sagte: „Keine Ahnung. Ich kenn mich mit sowas nicht aus. Ich mag keine Tiere.“ „Du magst keine Tiere?“ Sogar über Skype konnte ich sehen, dass Du verwundert die Augenbrauen nach oben zogst. „Es sei denn, sie liegen verzehrfertig auf meinem Teller“, ergänzte ich. In solchen Momenten wusste ich selbst nicht genau, ob ich bloß eine Show abzog, um ihm zu demonstrieren, dass ich ganz anders war als die anderen Mädchen. Eine Frau nämlich.

Doch diese Hochzeit kratzte an meiner walnussharten Schale, brachte mich irgendwie innerlich in Aufruhr. Schon als die Einladung kam, geriet ich ins Schlingern. Du riefst mich an: „Freunde von mir heiraten. In England. Sie haben geschrieben, ich könne ruhig jemanden mitbringen. Hast Du Lust?“ Alles in mir schrie: „Hochzeit? Lust? NEIN!“ Aber sogar über 2000 Kilometer Entfernung konnte ich spüren, dass Du mich gern dabei haben wolltest. Also sagte ich sowas wie: „Muss erstmal gucken, wieviel die Flüge kosten und ob es Probleme mit dem Visum gibt.“ Ich legte auf. Und überlegte. Ich hatte wirklich keine Lust auf diese Hochzeit. Aber nicht, weil Menschen, die mit 25 heirateten mein post-postmodernes Selbstverständnis auf unangenehme Weise erschütterten. Es war etwas anderes. Es störte mich, dass ich ein „jemand“ war. Soll heißen: Du hattest Freunde, die nicht von mir wissen. Oder zumindestens meinen Namen nicht kenne. So sollte das nicht sein, fand ich. Sondern ganz anders.

In etwa so: Ich stehe morgens auf, in UNSERER Wohnung, gehe zu UNSEREM Briefkasten, hole einen Briefumschlag heraus, auf dem UNSERE Namen stehen, sage: „Schatz...“ - wobei, ne, eigentlich finde ich „Schatz“ trotz großer Liebe irgendwie scheiße, also einfach nur: „Schau mal, der x und die y heiraten und wir sind eingeladen.“ Dann buchen wir gemeinsam die Tickets, gehen zusammen ein Kleid für mich kaufen und ein Hochzeitsgeschenk für x und y. Natürlich würde ich mich trotzdem darüber lustig machen, dass Deine Freunde reaktionäre Spießer sind, die Hochzeitseinladungen mit silbernem Aufdruck verschickten. Aber darauf kam es ja letztlich nicht an.

Aber so war es ja nunmal nicht, ein Umstand, der mich in eine mittlere Krise stürzte. Aufgebracht stürmte ich in das Zimmer meiner Mitbewohnerin. Sie telefonierte gerade mit ihrem Freund, der in Berlin wohnte. Noch eine Fernbeziehung also. Doch darauf konnte ich jetzt keine Rücksicht nehmen. „Ich will eine Briefkasten-Beziehung“, platzte ich heraus. Meine Mitbewohnerin und ihr Freund starrten mich verwundert an. Sie in echt, er über Skype. „Was?“ fragte sie. Ich erzählte ihr die ganze Geschichte. Sie sagte, was gute Freundinnen in solchen Momenten zu sagen haben: „Kleines, was willst Du denn mit einer Briefkasten-Beziehung? Sowas kannst Du noch Dein ganzes Leben haben. Dir wäre es doch nach ein paar Wochen langweilig!“ Ich seufzte. „Und was machst Du jetzt?“ fragte sie weiter. „Na, auf die Hochzeit gehen natürlich. Dann kriege ich auf der nächsten Einladung wenigstens einen Namen.“ „Unwahrscheinlich, dass die Beiden so schnell nochmal Hochzeitseinladungen verschicken, oder?“ Meine Mitbewohnerin lachte. Dann schaute sie mich nachdenklich an: „Du solltest aber vorher unbedingt was mit Deinen Haaren machen. Du siehst aus wie einer dieser Hunde mit den großen Ohren.“ „Die heißen Cockerspaniels“, sagte ich so würdevoll wie möglich.

Und da saß ich nun. Mit neuer Frisur, ohne Cockerspaniel-Ohren. Fror in meinem blauen dünnen Kleid. Wer veranstaltet auch schon in England im Mai eine Open-Air-Hochzeit? Vorne hatten Braut und Bräutigam inzwischen Ringe und Treuegelöbnis ausgetauscht, die Hochzeitsgesellschaft schniefte. Ich kräuselte die Nase. „Was ist denn los?“ fragtest Du. „Weißichnicht“, murmelte ich. Dann konnte ich mich aber doch nicht zurückhalten. „Ich würde nie in Weiß heiraten“, flüsterte ich. Allerdings etwas zu laut. Die Mutter des Bräutigams, eine feine englische Lady, drehte sich mit gerunzelter Stirn um. „Warum?“ fragtest Du. „Wenn man eine bestimmte Anzahl an Sexualpartnern überschritten hat, dann finde ich das irgendwie unpassend“, flüsterte ich. Du sahst mich an. Ich wusste, dass Du nicht gern über meine ehemaligen Affären sprachst. Was ja ganz natürlich war. Warum hatte ich das also gesagt? Ich fühlte mich augenblicklich wie ein schlechter Mensch. Miese Freundin. „Außerdem sehe ich in Weiß aus wie eine fette Zwölfjährige“, flüsterte ich deswegen rasch hinterher. Du lachtest leise: „So ein Quatsch.“

Später am Abend saß ich gelangweilt an einem der weiß-gold gedeckten Tische. Ich kam mir vor wie Julia Roberts in der Schlussszene von „Die Hochzeit meines besten Freundes.“ Nur, dass ich nicht groß, schlank und rothaarig war. Die Cover-Band spielte gerade „I just called to say I love you“. Eigentlich ein Lied, das besser zu uns passte als zum Brautpaar, dachte ich. Du standest ein paar Meter entfernt und unterhieltst Dich mit einem Paar, das ich nicht kannte. Was nicht weiter komisch war, ich kannte ja ohnehin niemanden auf der Party. Ich ging zu Dir. Du legtest Deinen Arm um mich und sagtest: „Das ist meine Freundin. Sie ist Journalistin in Moskau.“ Das hörte sich wirklich cool an. Ich musste lächeln. Ihr unterhieltet Euch weiter darüber, wieviele Hochzeiten es doch auf einmal gäbe. Ich sagte: „Ja, mein schwuler französischer Ex-Mitbewohner will jetzt auch seinen russischen Lover heiraten, damit er ihn mit nach Paris nehmen kann.“ Ihr saht mich ratlos an. „Ich darf Brautjungfer sein“, redete ich weiter. Und grinste. Du grinstest auch. Dann fingst Du an zu lachen. Du zogst mich in Deine Arme: „Komm, lass uns tanzen gehen.“ Auf der Tanzfläche sahst Du mich an: „Du Katastrophenkind, obwohl ich noch nicht weiß, ob ich überhaupt ans Heiraten glaube – mit Dir könnte ich es mir vorstellen.“ Als ich noch überlegte, ob das nun gut oder schlecht war, schobst Du noch hinterher: „Aber natürlich nicht in Weiß. Sondern in Rot. Oder Lila. Irgendwo am Strand.“ „Oder in der Wüste“, murmelte ich in Deine Brust. „Was hast Du gesagt?“ fragtest Du. „Ichliebedich“, sagte ich.

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5 Antworten

Kommentare

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    Ich bin so ähnlich wie du: Ich liebe meine Freiheit. Und ich liebe es, dass man sich einschränken und freilassen kann, wann und wie man will, wenn man nicht zusammen wohnt. Aber auch, dass man diese Freiheit hat. Eine Fernbeziehung wäre deshalb nichts für mich. Ich muss wenigstens in der selben Stadt wohnen. 

    Man muss ja nicht in weiß heiraten, ich denke, da nimmt man diese Bräuche unverhältnismäßig schwer, oder nicht? Wenn ich allerdings mal heiraten würde, würde ich einen großen Spaß daraus machen und ein Haute Couture Hochzeitskleid kaufen für meine Angebetete, am besten eins der Brautkleider Hamburg, die immer so pompös daher kommen, ich würde alle nach Fiji einladen und am besten eine Yacht mieten. Ich würde Blumen überall hinstreuen. Schon der Antrag müsste ganz groß aufgefahren werden, wie in den Youtube Videos mit den "Vom Dach fallen" Anträgen. Hach ja... Sowas eben. Das würde sich dann nach mir anfühlen. 

    19.09.2017, 15:42 von Christofff
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      Sehr schön...

      Dann hoffe ich sehr, dass dein Wunsch genauso in Erfüllung geht.

      :)

      19.09.2017, 17:08 von Fentimans
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    Mag ich, der Titel ist der Knaller.

    02.07.2009, 11:09 von Jubeljulia
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    Sehr schön. Ich glaub ich verstehe und mag was du meinst :)

    01.06.2009, 20:20 von Don-negro
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

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