annajulia 30.11.-0001, 00:00 Uhr 34 51

Für sensible Ärsche

Das Klopapier ist für empfindliche Haut, für sensible Ärsche, sagst du. Und fragst: Dann ist das doch irgendwie genau das Richtige für mich, oder?

Die Situation könnte absurder nicht sein. Vor einer Woche haben wir uns getrennt, jetzt stehen wir zusammen im Drogeriemarkt und kaufen Toilettenpapier. Genauer: Du kaufst Toilettenpapier. Ich schaue dir dabei zu. Weil ich für die Drogeriemarkt-Kette arbeite und unter anderem Texte über Klopapier verfasse, habe ich eine Rabattkarte, von der du gerne profitieren möchtest. Zehn Prozent lohnen sich durchaus, wenn ein Großeinkauf ansteht. Eigentlich hätte ich dich fragen sollen, ob du noch ganz klar im Kopf bist, als du mich vier Tage nach unserer Trennung gefragt hast, ob denn die Option eines gemeinsamen Drogeriemarkt-Besuchs bestünde. Habe ich aber nicht. Stattdessen habe ich mich gefreut. Immerhin sehen wir uns dann, habe ich mir gedacht. Erbärmlich.

Wir werden von einer alten Dame beobachtet. Bestimmt hält sie uns für ein Liebespaar. Verwunderlich wäre es nicht: Ich himmle dich an, du musst lachen, als ich mir mit der Zunge über die Lippen fahre, wie ich es so oft tue. Das ist dir damals sofort aufgefallen. Du hast mich von Anfang an damit aufgezogen. Und tust es immer noch. Und wenn du mich fragst, schaust du mich sogar verliebt an, während du mich darauf aufmerksam machst. Obwohl du sagst, dass du mich nicht genug liebst. Oder vielleicht gar nicht. Du weißt es nicht. Wie du so vieles nicht weißt momentan. Ich weiß, dass ich dir nicht glaube, dass da zu wenige Gefühle sind. Und noch mehr weiß ich, wie ich diese ganze Klopapier-Geschichte und unsere Situation finde: scheiße.

Das Klopapier hier ist für empfindliche Haut, für sensible Ärsche, sagst du. Und fragst: Dann ist das doch irgendwie genau das Richtige für mich, oder? Ich antworte nicht. Ich starre dich nur an. Du fragst mich, ob ich okay bin. Eine rhetorische Frage, nehme ich an. Ich verneine und bekomme feuchte Augen. Nicht hier, sagst du.

Wir gehen zur Kasse. Du hast Zahnseide vergessen. Ich hole sie dir. Ich räume deine Einkäufe ein. Und frage mich währenddessen, wo eigentlich das Problem ist und wieso du nicht kapieren willst, dass es keinen Grund dafür gibt, dass es uns jetzt nicht mehr gibt. Vor zwei Wochen waren wir noch zusammen am anderen Ende der Welt. Einen Monat lang. Es war schön. Jetzt stehen wir hier und kaufen Klopapier, das wir nicht gemeinsam benutzen werden.

Dann gehen wir essen. Und danach zu mir. Du hast noch ein paar Sachen da, die es mitzunehmen gilt. Dein Parfüm, deine Schlafsachen, den Wein. Letzteren lässt du mir da, obwohl ich eigentlich lieber das Parfüm behalten hätte. Das sage ich dir, dann fange ich zu weinen an. Einen halbstündigen Monolog später weißt du, warum ich dich zurückhaben möchte. Du hörst mir aufmerksam zu, sagst nichts, weil ich keine Fragen stelle. Du nimmst mich in den Arm. Du weinst. Es tut dir leid. Alles tut dir leid. Ich tue dir leid. Du hast Mitleid. Und Schuldgefühle, die hast du auch. Hättest mir schließlich auch früher sagen können, dass ich nicht die bin, die ich so unbedingt für dich sein wollte und immer noch sein möchte.  

Du sagst, du gehst jetzt besser. Dann stehst du auf. Wir stehen vor meiner Tür. Du lässt mich eine ganze Weile nicht los, gehst irgendwann aber doch. Natürlich. War doch jedem klar. Außer mir. Genauso, wie es jedem klar ist, dass du genau das richtige Toilettenpapier gekauft hast. Nur mir nicht, denn ich stimme nur bei sensibel zu. Vielleicht kapiere ich irgendwann, dass du auch ein Arsch bist. Bis dahin denke ich mir: Immerhin hast du keine Kondome gekauft. Erbärmlich.  

51

Diesen Text mochten auch

34 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich find den Text sehr gut! Über welch' banale Dinge man sich Gedanken macht wenn das Herz auf dem Spiel steht und welch' paradoxe Situationen sich auftun wenn Zeit wichtig ist.

    27.10.2013, 10:05 von Mercrediapresmidi
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Klopapier, das wir nicht gemeinsam benutzen werden
    Nee, hoffentlich nicht. Klopapier gemeinsam nutzen? Da gehen Bilder durch meinen Kopf...

    27.10.2013, 06:55 von schmonz
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 2

      Ich verstehe, dass du den Text langweilig findest und die kurzen Sätze auf dich lieblos wirken.

      19.10.2013, 23:13 von Tora
  • 1

    gefällt mir sehr. gut geschrieben!

    14.10.2013, 17:22 von Initcha
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Romantik wäre da, wenn die Geschichte keine Tagebuchromantische Anlehnung an "Ich liebe dich doch noch" - Texte hätte.

    12.10.2013, 14:26 von marco_frohberger
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 4

    Bin ich eigentlich die einzige, die diesen Satz:

    Jetzt stehen wir hier und kaufen
    Klopapier, das wir nicht gemeinsam benutzen werden.


    seltsam findet? Und seltsam ist da noch positiv ausgedrückt!

    Text ist ansonsten ziemlich mittel.

    12.10.2013, 09:09 von Tanea
    • 2

      Dein Kommentar hat mich neugierig gemacht (danke), nun habe den Text gelesen. Na, ich mag mich Benders Meinung anschliessen.

      Ja, Du hast recht, der Satz ist merkwürdig, wenn man ihn so für sich nimmt. Aber merkwürdige Gedankenanstösse gibt es es genug ... beispielsweise lese ich die Startseitenüberschriften gern und hänge sie zusammen. Aktuell: 'Angekommen: für sensible Ärsche (auf dem) Mount Whaterest in Liebe tauchen'.
      Sowas inspiriert doch sich eine Kurzgeschichte auszudenken um sie dann gleich wieder zu vergessen :)

      12.10.2013, 11:09 von Cyro
    • 0

      Neihein, nich vergessen... aufschreiben und mit uns teilen !!!

      13.10.2013, 09:53 von Tanea
    • 0

      ich find den Satz super. trifft den Nagel auf den Kopf find ich.

      15.10.2013, 17:01 von Schmalzstulle
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Schließe mich an, der teaser ist klasse!

    Aber ich hab leider vergebens auf auf irgendeinen Wendepunkt in der Geschichte gewartet
    Schade

    11.10.2013, 22:17 von DearMissGarland
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Oh je. Du bist noch jung, richtig?

    Erster großer Fehler: Du hättest nie mit ihm und deiner Rabattkarte einkaufen gehen sollen.

    Dann wären sich anschließende Fehler nie eingetreten!

    Damit er zu seinen restlichen Klamotten kommt und du und deine Wohnung sie los wirst, hättet ihr euch verabreden können - und du hättest sie einfach - wenn er dann bei dir geklingelt hat - vor deine Tür gestellt. Fertig ist der Salat! ;)

    11.10.2013, 20:18 von Tora
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Doch, aber man muss nicht alle negativen Erfahrungen mitnehmen, wenn man vorher vernünftig handelt.

      Und: man muss in deinem Fall das "das" mit Doppel-s schreiben! ;)

      11.10.2013, 21:34 von Tora
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Sieh's nicht so eng - ich hatte nicht vor damit "anzugreifen". Habe vor ein paar Jahren ähnlich (naiv) gedacht. Heute bin ich der Ansicht "einmal Knacks drinnen, wird das nix mehr" was Beziehung angeht. Außerdem bist du doch hier gar nicht die Schreiberin, hm.

      11.10.2013, 21:46 von Tora
    • 5

      Oh je, Tora. Diese Sätze à la "als ich in Deinem Alter war" und meinen dass das naiv sei usw.... da stehen die Wenigsten drauf. Ich finde die Haltung auch ein bisschen herablassend. 


      Hast Du Homo Faber gelesen? Die Protagonistin erklärt darin sehr schön, warum Erfahrungen Anderer ihr nichts bringen, sie sie selbst machen muss, auch wenn alles schon mal gelebt wurde, da es sonst nicht in ihrem Gefühlt ist.

      So, und dass hier nur noch auf Kommentare geantwortet werden darf, wenn man den Text selbst verfasst hat, ist mir neu. Sollen wir es in die Neon-Regeln aufnehmen, direkt neben der, dass nur positiv kommentiert werden darf?

      12.10.2013, 12:22 von miss_mel
    • 0

      Ohje, das hat doch ganz und gar nichts mit herablassend zutun, da - wie ich schon schrieb und du ja auch mich mal - jeder durch diese Erfahrungen geht.

      Aber ja, das sagts ja auch schon, wie auch das Buch.. Da kann man Menschen vor bewahren wollen, wie man will - jeder muss selbst das dabei erlebte Gefühl durchleben, sonst ist die Hemmung nicht groß genug, es wieder zutun.

      12.10.2013, 12:31 von Tora
    • 0

      Ich denke mir, dass Du es nicht herablassend meinst, wollte Dir aber sagen, dass es so rüber kommt.


      Andere wollen vielleicht auch gar nicht behütet werden... Also nicht alle...

      12.10.2013, 12:35 von miss_mel
    • 0

      von mir aus, verständlich. Mein guter Wille zum Menschen kommt oft falsch an - ich bins gewohnt.

      12.10.2013, 12:40 von Tora
    • 0

      Das war bisher immer mein Ansatz: Kontaktabbruch und nie wieder mit dem Menschen treffen/reden. Heute seh ich das anders. Heute glaub ich auch nicht mehr, dass eine Beziehung unrettbar ist, sobaldf ein Knacks drin ist, denn dann reduzierst du deine Erfolgsaussichten auf eine erfolgreiche Beziehung auf unter 1%. Ist aber nur meine Erfahrung und ob das immer so ist kann ich nicht beurteilen.

      15.10.2013, 17:05 von Schmalzstulle
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      neh!


      du etwa ?

      19.10.2013, 22:48 von Tora
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Spaß. Selbst wenn diese Story hier - wie natürlich etliche andere auf Neon - nicht gerade oder überhaupt der Autorin passiert ist, sie passiert da draußen täglich, so. ;)

      19.10.2013, 22:50 von Tora
    • Kommentar schreiben
  • 0

    super Text!

    11.10.2013, 19:41 von Mann_vom_Meer
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare