RAZim 09.07.2011, 10:23 Uhr 15 14

Für immer

Das Haar hing ihm in feuchten Strähnen ins Gesicht und nur eine einzige Frage legte seine Stirn in Falten.

Der Wind hatte nachgelassen, das Laub türmte sich hinter der Fußgängerbrücke auf und langsam bahnte sich die Sonne ihren Weg durch die blassgrauen Wolken.
Er begann schneller zu laufen und achtete dabei nicht auf Pfützen, die seine Lederschuhe durchnässten. Das Haar hing ihm in feuchten Strähnen ins Gesicht und nur eine einzige Frage legte seine Stirn in Falten.

Die Kirchenglocken verrieten ihm, dass es Sonntag morgen sein musste. Verrückt wie schnell zwei Nächte und der Tag dazwischen vergehen können. Von Weitem sah er bereits den großen See und seine Schritte verlangsamten sich, während er noch einen letzten Schluck aus der Flasche nahm und sie vorsichtig neben eine Bank stellte. Er kramte in seiner Sakkotasche und fand eine zerknickte Zigarette. Er brach den Filter ab und zündete sie sich an. Der warme, herzhafte Tabakgeschmack tat ihm gut.

Die ersten Jogger und Spaziergänger mit ihren Hunden kamen ihm entgegen und musterten ihn verstört. Dafür hatte er jedoch keinen Blick. Es war nicht mehr weit bis zu dem Ort an dem sie sich zum ersten Mal getroffen hatten und jetzt gab es kein zurück.

„Für immer!“ hatte er ihr versprochen, egal wohin.

Er versuchte diese eine bohrende Frage zu verdrängen, doch immer wieder und wieder stand sie wie mit Zaubertinte vor seinen Augen geschrieben. Die ersten Sonnenstrahlen machten die einzelnen Buchstaben sichtbar:

Was, wenn sie nicht dort ist, sie nicht wartet?

Er wischte sich mit der Hand über sein gerötetes Gesicht um die letzten Regentropfen aber auch diesen bohrenden Gedanken zu vertreiben.
Noch ungefähr 50 Meter, dann hatte er den Baum mit der Bank darunter erreicht. Wie die Zeit doch rast. Aber er konnte sich noch an jede Sekunde ihres Treffens damals erinnern. Das sollte nun Ansporn genug sein.

Es ging so schnell mit ihr, schneller als sie beide erwartet hatten. Doch in dieser Stadt konnte man alles auf die Schnelle besorgen. Noch dazu, wenn man die richtigen Leute kannte.

Er erreichte die Bank, schaute sich kurz um und konnte niemanden entdecken. Wie friedlich sie doch ausgesehen hatte. Wie sehr sie sich liebten.
Er lächelte kurz und drückte den Abzug.

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    also nein, das mit dem suizid hätte eigentlich nochmal überdacht werden müssen vom sakkoträger. also mehr, als nur -damals waren wir hier-bilder. traurig!

    17.07.2011, 02:56 von Berlinerin
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    Schön geschrieben, das steht nicht zur Debatte. Fesselnd. Joa. Aber das Thema Liebe-Tod... naja.

    12.07.2011, 13:37 von Die.mit.rotem.Haar
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    genialstens. wundervoll schaurig und bitter romantisch. toll!

    12.07.2011, 01:14 von Ghoulina
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    das plötzliche ende ist gut
    & zaubertinte ist ein schönes wort

    11.07.2011, 21:26 von alwaysthesame
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    "Es ging so schnell mit ihr, schneller als sie beide erwartet hatten."

    "Wie friedlich sie doch ausgesehen hatte. "

    Als diesen beiden Sätzen schließe ich so ein Mord-Selbstmord-Pakt-Dingens.

    Das "ihr" bezieht sich wohl auf die Waffe, und nachdem beide überrascht waren, lebte sie noch bzw. wusste sie davon.

    Und das mit dem firedlich aussehen - naja.

    Wieso - weshalb - warum bleibt aber weiter im Raum stehen...

    An sich packend geschreiben, aber es nervt mich (nicht falsch verstehen - persönliche marotte), wenn ich die hintergrundgeschichte dazu nicht kenne.

    11.07.2011, 14:57 von ruggamuffin
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      @ruggamuffin Ich finde es sehr erfirschend nicht alles zu wissen, das lässt Platz für Gedanken und macht den Text (noch) besser
      ...

      12.07.2011, 09:29 von kitschigerhimmel
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    .. mann, mann sich umzubringen hat für mich nicht vorrangig etwas mit liebe zu tun, sondern mit trauer und möglicherweise der angst, alleine weiterzuleben.

    .. ganz schön strange

    11.07.2011, 12:26 von ilofi
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