Fünf Meter Flur und zwei Glastüren
Gestern war es kein Problem für mich, Dich zu sehen.
Jeder Tag ist anders. Gestern war es kein Problem für mich, Dich zu sehen. Der Blick aus Deinen dunklen Augen ließ mich kalt, mit Dir zu sprechen war meine leichteste Übung. Heute könnte ich sterben, wenn Du Dich in meinem Augenwinkel auch nur einen Millimeter bewegst. Dein Lachen hallt über den Flur und fährt mir in den Magen. Du gehst an meiner Tür vorbei, verlangsamst Deinen Schritt. Doch als ich aufschaue, beschleunigst Du und ziehst Deine Tür hinter Dir zu. Unsere Blicke treffen sich, und wir grinsen beide. Sofort werde ich ruhiger. Ich hätte wissen sollen, dass Du noch auf meiner Seite bist, denn Du warst es immer. Und doch brauche ich jeden Tag dieses erste Lächeln als Bestätigung, dass wir noch ein bisschen wir sind.
Ich könnte sagen, es fing ganz harmlos an. Aber das wäre nicht ganz die Wahrheit. Von dem Moment an, in dem Du Deinen Platz zum ersten Mal eingenommen hast, waren meine Gedanken mit Dir beschäftigt. Eine Stunde bis zu unserer gegenseitigen Vorstellung, drei Tage bis zu unserem ersten Gespräch, sieben Tage bis zum ersten intensiven Blick, 30 Tage bis zum ersten offensichtlichen Flirt. Nach 37 Tagen der erste Kuss. Drei Stunden hatten wir darüber diskutiert, uns nicht näherzukommen. Wir waren uns einig. Und dann landeten unsere Lippen doch wie Magnete aufeinander. Schuldbewusst stießen wir uns voneinander ab und gingen getrennte Wege. Zwölf Tage Urlaubs-Funkstille. Dann wieder Blicke, Lächeln, kurze Gespräche, die immer länger wurden. Heimliche Verabredungen. Viel Alkohol, wie um zu entschuldigen, dass wir uns vorsichtig näherkamen. Die Woche im Ausland brachte die ersten gemeinsamen Nächte. Nächte, die mehr versprachen, die süchtig machten. Nächte, die verboten waren.
Es folgten Zeitinseln, die wir uns schufen. Manchmal voller Schönheit und Vielseitigkeit, manchmal grau und wolkenverhangen. Wir fanden Sekunden der Zweisamkeit, wenn es keine Minuten gab. Bauten Schutzwälle, nur um sie wieder einzureißen. Und manchmal blieb uns nur dieses eine Lächeln am Tag, weil alles gegen uns sprach. Nähe und Distanz wechselten sich so rasch ab, dass wir mit unseren Gefühlen oft nicht hinterherkamen. Ein ums andere Mal haben wir gekämpft. Uns versteckt, die Decke über den Kopf gezogen, gestärkt den nächsten Tag begonnen, nur um uns abends verzweifelt in die Arme zu schließen und nicht zu wissen, ob wir am nächsten Morgen noch dieselben sein würden.
Wir schufen unsere eigenen Gesetze, setzten uns über alle Regeln hinweg, trotzten jeder Vernunft, fühlten uns schlecht und trotzdem glücklich. Ab und zu fürchteten wir unsere eigene Arroganz. Den Mut und Übermut. Die Feigheit. Den Schmerz, den wir verursachten.
Die Chance, die Situation zu bereinigen, ließen wir sprachlos verstreichen. Unsere Teufelshörner, die anfangs nur nach außen zeigten, richteten wir zunehmend gegen uns selbst. Die Verletzungen gingen tiefer, und manchmal sahen wir uns erschrocken in die Augen, wenn es zu weit gegangen war. Und trotzdem fanden wir uns immer wieder.
Doch irgendwann kommt immer der Moment, in dem es nicht mehr weitergeht. Wir sahen ihn beide kommen, wollten ausweichen, ihn vor uns herschieben. Aber er fing uns ein, noch bevor wir atmen konnten. Und setzte alles zurück.
Die Wolken, die nie ganz rosa waren, sind noch da. Das Gefühl ist dasselbe. Doch plötzlich sind wir nicht mehr wir. Wir sind wieder Du und sie und ich und er. Zwei Faktoren zuviel in unserer Gleichung, die aufzulösen wir nie die Kraft gefunden haben.
Jeder Tag ist anders. Keine Zeitinseln mehr, keine verdrehten Gesetze. Doch was uns bleibt, sind fünf Meter Flur und zwei Glastüren, die uns ab und zu ein verstohlenes Lächeln erlauben.


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Kommentare
schön geschrieben und berührend....
07.07.2011, 16:18 von kiwicat