bunteschaos 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 3

Fremdheit

Ich hätte nie gedacht, dass einer meiner Texte einmal diesen Namen tragen würde. Vom Dasein, Vom Wegsein, Vom Niewiederkommen.

Vor einem Jahr und drei Monaten habe ich meine Beine in die Hand genommen und bin gerannt. Ich bin gerannt, so schnell ich konnte, und so fern ich konnte. Herausgekommen bin ich in einem neuen Leben, das so regenbogenfarbenbunt ist, dass ich mich manchmal frage, ob ich eines Tages morgens erwache, und alles entpuppt sich als toter Traum.

Ich hätte nie gedacht, dass einer meiner Texte mal von der Fremdheit handeln und ihren Namen tragen würde. Schließlich erinnere ich mich zu gut an den Text eines Menschens aus einem Kodakfilmmoment, der unter meiner Haut brennt.

Aber hier bin ich und ich merke, dass mein Horizont sich verschoben hat. 
Ich habe mich aus einer Haut herausgeschuppt, die mir immer zu eng war. Die mir nie ganz gepasst hat. Ich war schon immer mehr als diese Haut, großer, weiter, tiefer. Ich war schon immer mehr als ich selbst. Und als ich in diese weit entfernte, große, wunderbare, dunkle Stadt gezogen bin, hat sich dieses Mehr an die Oberfläche gekämpft. Ich habe begriffen, dass Träume gelebt werden wollen. Ich habe verstanden, dass ich mein Wertesystem neu definieren muss. Ich habe über Loyalität gelernt, über Solidarität, über Verlust, über Gewinne.

Weshalb also Fremdheit?
Ich kehre zurück in diese Stadt. Diese Stadt, die mich an das Leben erinnert, das ich panisch zurück gelassen habe. Und es stimmt, ich bin kein Held. Ich bin einfach fortgegangen von dem Chaos, dem dunklen Scheiterhaufen, das mein Leben dargestellt hat. Eine Ruine, wenn man es möchte, so baufällig dass sich jeder daran die Haut aufschürft und den Kopf anschlägt. So instabil, dass sich niemand getraut hat, sich in meinem Leben zu bewegen. Und so dunkel, dass sich jeder verirrt hat. Und dann geht man, man geht entweder laut oder leise, und ich war eines Tages einfach verschwunden.
Feige könnte man das nennen. Ich nenne es meinen einzigen Ausweg.
Aber hier bin ich. Zurück in diesem Leben auf Zeit. 
Und ich fühle mich fremd.
Fremd der Stadt - und fremd der Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin. Ich passe nicht mehr zu ihnen. Unsere Weltbilder passen nicht mehr übereinander, sie überlappen an den Enden und fransen aus. Wir befinden uns nicht mehr in derselben Schnittmenge und während ich mich auf den einen Pol zubewege, bewegen sie sich auf den Gegenpol zu. 

Fremdheit.
Ist ein wahnsinnig seltsames Gefühl. Eines, das einen vermutlich einsam stimmen würde, hätte man nicht an einem anderen Ort bereits das Gegenteil gefunden: Ein Zuhause. 
Ich schätze, diese Fremdheit hat sich schon in meine Züge geschlichen, in den letzten Monaten an diesem Ort, an dem es in mir immer und immer und immer dunkler wurde.
Doch jeder sucht immer nur nach dem Licht und wer sagt, dass nicht auch dunklen Orten ein gewisses Leuchten inneliegt? Und wir alle, wir spielen doch so schön, dass sowieso niemand weiß, wie es in uns aussieht.

Ich muss nicht spielen, dort wo ich mein Regenbogenleben führe. Aber hier? Hier geschieht es immer wieder. Wie ich den Kopf zurücklege und ein Lachen herauspresse. Wie meine Blicke durch die vergilbten Wände von traurigen Cafés wandern. Ich gebe mir die größte Mühe, nicht in die alten Fußabdrücke zurückzufallen, die ich hier hinterlassen habe und die nicht vergehen. 

Und ich verstehe, was Fremdheit aus einem Menschen machen kann und ich verstehe wie fremd man Menschen werden kann, die man einst geliebt hat. Und das ist irgendwie das Traurigste an allem. Dass es völlig irrelevant ist, wie gut und tief man jemanden kennt. Man kann immer, wirklich immer, in den Ausgangszustand der Fremdheit zurückkehren.

Vielleicht stehen wir uns fremd ja am Unschuldigsten gegenüber.

Was sagst du dazu, Fremder? 


Tags: Fremdheit, Freunde
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