SirMCPedta 02.08.2006, 20:07 Uhr 19 31

"Freak"

murmelte der Polizist und schüttelte den Kopf, als er weiterging, um ein undefinierbares Stück Blech aufzuheben.

Ich schaue wieder auf das Bild. Das mache ich öfter als sonst in letzter Zeit. Lang lasse ich meinen Blick darauf verweilen. Du hast gezielt, abgedrückt und mitten ins Herz getroffen. Ob mit Absicht oder nicht weiß ich nicht genau zu sagen. Mein Herz rast, wie immer, wenn ich Dich ansehe und sei es nur das Bild. Meine Hände zittern leicht, aber unübersehbar.
Um das Zittern zu beenden, trommel ich nervös mit meinen Fingern auf die silbergraue Motorhaube des Renaults, die mir seit einer geschlagenen Stunde als Sitzplatz dient. Es ist bereits dunkel geworden und mit Verschwinden der Sonne ist auch schnell Kälte eingezogen. Ich nehme einen letzten Zug von meiner Zigarette, so dass die Glut hell aufleuchtet, bevor ich sie wegschnippe und den Qualm durch die Nase ausatme. Das Bild in meiner linken Hand hat mal ein Freund von dir gemacht. Du warst dir nicht sicher, ob Du dich dafür bedanken solltest. Brachtest mich zum Schmunzeln, deiner beinahe naiven Unentschlossenheit und der Gedanken um Kleinigkeiten wegen, die Du dir machst.
Ich stehe von der Motorhaube auf und öffne die Fahrertür, knie mich auf den Fahrersitz und lege das Bild behutsam auf den leeren Beifahrerplatz neben meine rote Schachtel Pall Mall. Nach einer Drehung des Körpers ziehe ich meine Beine nach, setze mich fahrbereit ins Auto und schließe die Tür. Jetzt trommeln meine Hände ungeduldig am Lenkrad. Ich atme aus. Unendlich weit und langsam aus. Deine glänzenden Augen schauen mich mit ihrer dunkelbraunen, nahezu schwarzen Farbe von dem Bild auf dem Beifahrersitz an, als wolltest Du fragen: "Fahrn´ mer jetz los?" Mir rutschte fast eine Antwort heraus doch es ist nur dein Bild, was mich stumm ansieht. Du bist immer noch makellos. In meinen Augen. Du hast mich mal gefragt, ob mich der Altersunterschied zwischen uns nicht stören würde. Dachte erst, das sei ein Scherz. Ich lache leise vor mich hin und lebe in Gedanken die Situation noch einmal durch. "Was sind gerade mal Vier Jahre Altersunterschied gegen das Gefühl und die Tatsache, dass Du in jeder Hinsicht liebens- und bewundernswert, ja eine ideale Lebenspartnerin bist? Du glaubst es vielleicht nicht, doch gibst Du mir weit mehr als ich nehmen kann." erwidere ich. Und fühle mich schäbig, einem Dialog wie aus einem schnulzigen Liebesfilm nachzuahmen. Eine Stimme in meinem Kopf, die mir bekannt vorkommt, sagt mit einem belustigtem Unterton ruhig und bestimmt: "Du bist verliebt?!" Wahrscheinlich grinst die Stimme richtig höhnisch, als sie das sagt. Etwas krabbelte mich auf einmal im Bauch, bis es in den Kopf wanderte. Ich liebe dieses Gefühl. In den folgenden Sekunden treffe ich eine Entscheidung, die mich keineswegs traurig macht. Du wärst glücklicher damit, sage ich mir. Ganz sicher.

Ich weiß jetzt ganz genau wo ich hin will, an einem bestimmten Ort. Es kommt mir vor, als habe ich davon geträumt und folge nun diesem Traum. Ich fühle, ich muss dort hin. Jetzt.

Entschlossen lasse ich den Motor an, schalte Licht ein, löse die Handbremse und setze den Renault konzentriert und langsam in Bewegung, wieder zurück auf die Autobahn. Den heruntergekommenen, ungepflegten und somit hässlichen Rastplatz lasse ich hinter mir. Im Rückspiegel sehe ich ihn immer kleiner werden. Hinter meiner gelassenen, friedfertigen Fassade meines Gesichtes brodelt ein Vulkan aus Verwirrung, Fragen und Erinnerungen. Warum muss dein Bild auch ein so wahrhaft gigantisches Feuerwerk in meinem Kopf auslösen, dass ich nicht mehr recht weiß, wo unten und oben ist? Habe ich Angst vor dem Leben? Wenn ja, warum diese Angst? Über Mädchen wie Dich, schreiben doch die großen Stars der Musik ihre Hits. Kaum ein anderes Bild habe ich mehr vor Augen außer deinem. Ich bin fasziniert, ja, besessen. Beim Gedanken, zu spät zu dir zu kommen, trete ich das Gaspedal durch, als ob ich eine Katastrophe verhindern müsste. Als ob das jetzt noch einen Sinn macht, fällt mir bitter ein und ich schaue wieder kurz auf dein Bild, was noch immer unverändert auf dem Beifahrersitz liegt und mich schweigend anschaut. "Was würde ich für einen zarten, liebevollen Kuss von deinen weichen Lippen geben!" säuselt durch meinen Kopf. Eine unveränderbare Tatsache lässt die Schmetterlinge im Bauch zu schwer bestückten Bomberpiloten werden.

Ich habe ein Ziel, gebe Gas. Die Autobahn liegt mir und ich weiß genau, am Ende werde ich an der richtigen Stelle rauskommen. Die weiße Tachonadel vor dem dunklen Hintergrund steht bereits bei 195 km/h, klettert langsam, aber stetig weiter nach oben. 220 km/h. Baustellenschilder. Stop- Schilder. Kaum so, dass ich sie erkennen kann, rasen an mir vorbei. Sie sind für mich jetzt auch nicht mehr von Bedeutung. Ich bin Feuer und Flamme für diese Hölle. Für meine Hölle. Die Autobahn gleitet gleich einem rasendem Fluss vor meinen mittlerweile konzentriert auf den Asphalt gerichteten Augen. Tunnelblick. Jetzt weiß ich wieder, was das Wort bedeutet. Macht mir aber kaum Schwierigkeiten, die Straße ist ja jetzt vollständig leer. Gleich bin ich da. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. 230 km/h. Der 1,8 Liter- Vierzylinder mit seinen 121 PS schreit schon fast, als würde ein Automatik gewöhnter Fahrer die Handschaltung vergessen und rücksichtslos Gas geben.
Mein letzter Gedanke und Blick gilt dem Mädchen auf dem Bild, deren schöne Augen und dem leuchtendem Glanz der Unabhängigkeit, den nur ich darin sehen konnte.
Ein letzter kurzer Blick auf den Tacho, 238km/h. Hörbar ist die Höchstgeschwindigkeit von dem Fahrzeug erreicht. In nächster Nähe auch das Ziel. Der Motor kreischt. Ich mit ihm.

Der Renault zerschellt frontal mit einem explosionsartigem, berstenden Knall an der Betonmauer. Ich mit ihm.




Ich bin nun bei dir.

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19 Antworten

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    "Über Mädchen wie Dich, schreiben doch die großen Stars der Musik ihre Hits."
    Wirklich schön.

    11.10.2009, 22:20 von katakat
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    Wahnsinnstext!
    Am Ende bin ich kurz zusammengezuckt, als hätte ich den Aufprall gehört...

    30.09.2009, 23:51 von gedankenspiele
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    *schluck*

    08.10.2008, 21:18 von aufgerissen
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    ich bin beeidruckt. deine monologe gefallen mir sehr gut, die wirken "hautnah"

    08.10.2008, 21:12 von mmhh
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    wow.

    25.08.2008, 19:32 von pfuetzenhuepferin
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    Wahnsinnig toller Text, hat mir die Tränen in die Augen getrieben...

    01.11.2007, 22:06 von hanataba
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