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Ein Schritt vor oder tausende zurück - Ein Beinaheabschiedsbrief
Ich bilde mir ein, ein Tropfen zu hören. Stetig wie ein kaputter Wasserhahn. Ein Geräusch, das einen auch dann nicht mehr loslässt, wenn es gar nicht mehr da ist. Was sich in irgendeinem kleinen Bereich des Hirns festgesetzt hat und sich von allein immer wieder zurückspült um von vorne anzufangen. Ich weiß, dass es in Wirklichkeit überhaupt nicht existiert. Der Tropf ist leise. Schickt jede Minute eine kleine Portion Flüssigkeit in den dünnen Schlauch, in dem sie sich dann seinen Weg nach unten sucht, die Kanüle in deiner leblosen Hand überwindet und schließlich irgendwo in deinem Blut verschwindet. Das alles passiert lautlos, aber in meinem Kopf ist das Tropfen.
Vielleicht weil ich bei jeder kleinen Perle flüssigen Medikaments, das da in deine Adern schlüpft, hoffe, dass es die entscheidende ist. Als ich irgendwann eingeschlafen war heute Nacht, verwandelte sich das Tropfen in ein Saugen. Dieses fiese Geräusch, wie das vom Sauger des Zahnarztes. Im Traum hatte der Tropf seine Funktion geändert, langsam saugte er alles Leben aus dir heraus, bis es mit einem schmatzenden Geräusch ganz verschwand. Schweiß lief mir über die Stirn und weckte mich endlich. Als ich mitten in der Nacht dann vor Zimmer 203 stand, wollte die Schwester mich wieder nach Hause schicken. Aber ich musste den Tropf sehen und dich, dass du noch atmest, wenn auch schwach.
Ich glaube, ich werde allmählich verrückt, Linus. Du weißt wie pessimistisch ich bin. „Wenn man vom Schlimmsten ausgeht, kann es nur besser werden.“ Wie oft hast du über diesen Satz gelacht, oder einfach nur den Kopf geschüttelt oder mich sogar für diese Einstellung beschimpft. Am Ende hast du mich jedenfalls immer in deine Arme gezogen und damit ein bisschen von meiner allgemeinen Angst vorm Leben verdrängt.
Aber jetzt kann es kaum noch schlimmer werden. 'Noch ein Schritt bis zum Abgrund…' Wie du solche Sätze hasst. Du bist derjenige von uns, der Geschichten schreibt. Der Wort um Wort aneinanderreiht und jedes Klischee dabei zu vermeiden versucht. Es tut mir Leid, Linus. Ich bin nicht so gut darin wie du, mit Wörtern durch Erlebnisse zu hüpfen. Etwas anderes als 'Noch ein Schritt bis zum Abgrund' fällt mir nicht ein. Es gibt nur noch diesen einen Schritt für dich in die eine Richtung. Oder tausende zurück in die andere, aus der du hergekommen bist. Es fällt mir schwer mich an sie zu erinnern. Und genau das meine ich damit, dass ich langsam verrückt werde.
Denn es ist doch erst ein paar Tage her, dass alles so normal war. Und ich weiß jetzt, dass es nie normal war. Nicht normal im Sinne von selbstverständlich.
Ja, ich weiß, jetzt würdest du wieder lachen, wenn du könntest. Im Nachhinein bekommen Erinnerungen immer einen leichten Orangestich. Als wären sie mit einer alten Superacht-Kamera gedreht worden und hätte man sie als Filmsequenzen auf weiße Rauhfasertapete projiziert, mit dem Surren des altmodischen Abspielgerätes im Hintergrund.
Verwackelte lachende Gesichter sieht man dann. Augustnachmittage im Schwimmbad, glänzende Kinderaugen an Weihnachten, Geburstagskaffee bei Oma. Ich sitze hier und höre immer noch das Tropfen in meinem Kopf und tausend andere Nebengeräusche. Das Quietschen der Birkenstocksandalen des Pflegers auf dem Linoleum. Das Scheppern des Servierwagens auf dem Flur. Der röchelnde Atem des alten Mannes im Bett neben dir. Und das Schluchzen deiner Mutter, die nicht aufhören kann zu weinen, wenn sie dich sieht. Kein Surren. Was war vor ein paar Tagen?
Vor ein paar Tagen hattest du den Auftritt mit deiner Band. Lachend und schwitzend bist du am Ende von der kleinen Bühne zu mir runter gesprungen. Und wir haben uns gemeinsam über die drei Mädchen in der ersten Reihe lustig gemacht, die dich die ganze Zeit so angeschmachtet haben Vor ein paar Tagen haben wir mal wieder zwei Stunden in der Cafete, statt in unserem Proseminar verbracht und du hast mir davon erzählt, wie das war, als du auf deiner ersten Uniparty vor drei Jahren so betrunken warst, dass du deinen Dozenten mit deinem besten Freund verwechselt hast. „Ich weiß, Linus, ich war dabei.“ hab ich gesagt. „Ach ja. Manchmal vergesse ich dass wir uns schon so lange kennen.“ hast du mit einem Lachen geantwortet. Und ich dachte, dass das doch eigentlich gut ist, weil immer noch alles neu und aufregend ist.
Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Sollte man sich nicht der Zeit, die man mit einem Menschen verbracht hat, immer bewusst sein? Vor ein paar Tagen haben wir dein ganzes Bett mit Chipskrümeln bedeckt, während wir die komplette erste Staffel deiner Lieblingsserie auf DVD geguckt haben und am nächsten Morgen bin ich wach geworden, weil du deinen Kopf auf meine Schulter gelegt hast und mich deine warmen zerzausten Haare am Kinn kitzelten.
Vor ein paar Tagen saß ich abends in einem weißen Krankenhausflur mit grauem Linoleum und kam mir vor wie in einem schlechten Film. Und der Arzt sagte: „Er lebt, aber knapp.“
Ich habe schon einmal einen Menschen verloren. Vor acht Jahren, aber ich kann immer noch diesen einen Moment spüren, in dem sich weiche runzelige Haut an meine Wange geschmiegt hat, die so sauber roch, und eine Stimme, die sagte: „Da bist du ja meine Kleine. Hab ich lange geschlafen? Du hättest mich doch ruhig wecken können.“ Es heißt immer, man würde mit der Zeit vergessen, wie jemand war. Wie seine Stimme klang, wie er roch, welche Mimiken und Gesten er gemacht hat. Aber nach acht Jahren weiß ich immer noch, wie ihre grauen Löckchen an meiner Wange kitzelten oder wie sie mir das Lied von dem Hasen im grünen, grünen Gras vorsang, wenn ich mal wieder nicht einschlafen konnte.
Vielleicht ist das diese Sache mit diesem Imherzenweiterleben, die die Erinnerung rettet. Ich spüre Trost bei dem Gedanken. Und Angst. Angst, die vom Kopf in den Bauch runterklettert. Weil man Erinnerungen nicht leben kann, sondern nur anschauen.
Angst davor, dass ich mich bald nicht mehr nur an runzelige Haut und altmodische Faltenröcke erinnern muss. Dass ich ein neues Gedankenpuzzle spielen werde. Mit Teilen aus Dreitagebartgesicht und löchrigen Turnschuhen und Händen, die Geschichten tippen und einer Stimme, die ins Mikro schreit und grauen Augen, die noch lange nicht genug Falten in den Winkeln zeigen. Du lebst, aber knapp. Und ganz automatisch bohren sich meine Fingernägel in meinen Arm und steigen mir Tränen in die Augen, wenn ich mir vorstelle, wie du dich umdrehst und einfach diesen letzten Schritt tust und wie ich dann allein durchs Leben weiterlaufen muss. Ohne jemanden, der mich in die Seite knufft und sagt, dass alles nur halb so schlimm ist und ich mehr lachen soll.
In den nächsten Tagen reihe ich Filmsequenz um Filmsequenz aneinander. Spule zurück und manchmal auch vor. Wobei ich das Vorspulen versuche zu vermeiden, weil ich unweigerlich bei einer Szene lande, wo weiße Blumen dumpf auf Holz und Erde treffen. Du liegst ja nur da, blass und stumm und ganz fremd, wie verkleidet mit all den Verbänden und Wunden und Kanülen. Ich flüchte mich in die orangestichigen Erinnerungen, weil die weiße Realität auf grauem Linoleum mich wahnsinnig macht. Der alte Mann neben dir stirbt, deine Mutter hört auf zu weinen, die Birkenstocksandalen des Pflegers quietschen immer noch, die Tropfen fallen in deinen Arm. Irgendwann werde ich abgelenkt. Als ob jemand die Rolläden hochgezogen hätte und das Bild auf der Leinwand verblasst, um der Realität um mich herum zu weichen. Alles wird schneller, lauter und bunter.
Und irgendwann finde ich mich viele Wochen später an einem orangefarbenen Sommerabend auf einer Parkbank wieder. Das Tropfen ist verschwunden. Die letzte Sequenz wird von Vogelgezwitscher und Blätterrascheln begleitet. „Mein Gott, wie klischeehaft.“ sagt jemand neben mir. „Den Rest der Geschichte schreibst besser du.“ antworte ich. „Oh ja, ich hätte mich ganz bestimmt nicht tot gesehen. Tssss.“ „Du warst knapp tot.“ „Oder knapp lebendig, wie man’s sieht. Hätteste mal positiv gedacht.“ Du knuffst mich in die Seite, schnappst dir deine Krücken und mit klackernden Geräuschen humpelst du neben mir die vielen tausend Schritte zurück.





Kommentare
richtig schön
30.05.2007, 22:33 von LimettcheOhje, hab ich gezittert. Ein Text, der wirklich ans Herz geht. Ohne Happy-End hätte mein Tag vermutlich keine Chance gehabt, in die Rubrik der glücklichen Tage zu gelangen.
19.04.2007, 13:54 von MarieStarein wirklich superschöner text, hätte nicht mehr mit einem positiven ende gerechnet.
20.02.2007, 12:03 von mewboah. ich war schwer gerührt. good stuff.
09.02.2007, 21:27 von Montawow...super text... und dann noch das happy end... ich konnte mir die tränen nicht verkneifen..... großes kompliment an dich....
09.02.2007, 16:15 von miss.allysehr schöner Text...
09.02.2007, 13:33 von stellalunaanfangs beim ersten blick dachte ich ja... nee der text ist jetzt echt zu lang. aber irgendwie konnte ich nicht umhin, ihn zuende zu lesen! keine erwarteten längen, wunderschöner stil und... kompliment!
08.02.2007, 23:29 von Anschowiunfassbar guter text.
08.02.2007, 23:16 von Junge_Heldenschön beschrieben....
08.02.2007, 16:32 von Jahn.."wir" sind doch sehr "Vergangenheitsgeprägt"..