Forever not yours.
Es sieht so aus, als müsste ich drei Denkmäler abreissen. Oder zumindest von ihren gewaltigen Sockeln heben, das Blattgold abkratzen...
...und die Statuen auf den Boden stellen, dahin wo ich auch stehe.
Ich bin gerade dabei mich von den Idolen meiner frühen Erwachsenenzeit zu entlieben und stelle fest, daß es hierfür keine Anleitungen gibt und auch Werkzeug für die Demontage eines Schreins den ich jahrelang gepflegt und kunstvoll ausstaffiert habe ist im örtlichen Baumarkt leider nicht zu bekommen.
Mit bloßen Händen soll dann wohl das fein säuberlich abgetragen werden, was mühsam errichtet und seit mehr als 10 Jahren künstlich am Leben erhalten wurde. Die Denkmäler für die Verliebtheit zu drei Menschen, die bereits vor langer Zeit beschlossen haben nicht mehr in mich verliebt zu sein.
Ich stelle mir die Frage warum es eigentlich genau so gekommen ist. Vielleicht weil Andreas, Christopher und Stefan mir in unserer gemeinsamen Zeit immer das Gefühl einer unerschütterlichen Geborgenheit gegeben haben? Weil der Sex so furchtbar gut war? Weil diese drei Beziehungen die einzigen waren, in denen ich mich verstanden, akzeptiert und rundum geliebt gefühlt habe? Weil jedesmal ich verlassen wurde und nicht umgekehrt?
Spaßeshalber sagte ich mal zu meinem besten Freund, auf die Frage warum ich mir in vielen Beziehungen mehr gefallen ließ als mir eigentlich gut tat: “Treat me like shit, and I’m yours forever!”
Vielleicht war das gar nicht mal soweit hergeholt, nur daß das nicht nur für Beziehungen im allgemeinen galt sondern bei den 3 vermeintlichen Volltreffern sogar über das Ende der Beziehung hinausging. Mit viel Liebe zum Detail wurde die Erinnerung an die große Liebe gepflegt und konserviert und derjenige, der mit mir Schluß gemacht hatte, wurde zur Ikone erhoben und sein Antlitz sollte künftig mit Gold verziert auf einem Sockel stehen. Wenn man zu jemandem aufschauen muss, vereinfacht das die Anbetung erheblich.
Die Voraussetzungen dazu waren auch mehr als günstig. Jeder der drei Jungs war sozusagen direkt meinen geheimsten Wünschen entsprungen, verkörperte all das was ich unwiderstehlich fand und zeigte sich von mir gleichermaßen begeistert.
Umso verständlicher war es dann auch, daß ich selbst die guten Gründe des Gegenübers für das Beenden der jeweiligen Beziehung nachvollziehen konnte:
- Andreas (1995): “Wir sind altersmäßig zu weit auseinander (er 27 und ich 20) und du mußt dir erst mal die Hörner abstoßen!”
- Christopher (1997): “I do believe that I am too young (24) to share the rest of my life with just one man.
- Stefan (1999): Größtenteils unausgesprochen aber im im Endeffekt der Ersatz unserer wilden Romanze durch eine Freundschaft mit ihm und seinem Freund.
und den Heiligsprechungsprozess quasi umgehend einleitete.
In der Folge einer jeden Trennung wurden Handlungen des täglichen Lebens (Verwendung eines bestimmten Eau de Toilette, Tollfinden bestimmter Künstler, Zubereitung bestimmter Gerichte, usw.) exakt am Vorbild des unlängst verlorenen Ex-Freundes ausgerichtet und in religiöser Routine durchgeführt. Ich war sehr stolz darauf, im Frühjahr genau so frisch nach Kenzo zu riechen wie Andreas, Take That, Sade und Saint Etienne genau so toll zu finden wie Christopher und meine Thai-Currys ganzjährig genauso zuzubereiten wie Stefan das immer tat. Durch das permanente Wiederholen von Kleinigkeiten, die sich im Laufe unserer Beziehungen ereignet haben, fühlte ich mich den dreien unverändert nah und musste mich auch nie von Ihnen trennen. Warum auch, wenn das Festhalten an eigentlich banalen Dingen zur Tradition erkoren wird.
Was ich dabei völlig übersehen hatte, war, daß ich nach Überwinden der initialen Trauer mit einer vereisten Windschutzscheibe bei hoher Geschwindigkeit auf der Route d’Amour in Richtung Desaster unterwegs war. Keiner der Nachfolger von Andreas, Christopher und Stefan konnte es dank der stetig anwachsenden Blattgoldauflage mit seinenVorgängern an Großartigkeit aufnehmen und in der Folge ging die Schlacht “Normalsterbliche gegen Heilige” erwartungsgemäß nicht besonders gut für die irdische Mannschaft aus.
Heute, 10 Jahre nach der letzten Heiligsprechung, sehe ich, daß ich mir damit keinen Gefallen getan habe. Daß ich Teile meiner eigenen liebenswerten bis bescheuerten Macken hinter geborgten Handlungsweisen versteckt habe und bereitwillig meine eigenen Rituale geopfert habe um fremde Schreine zu pflegen.
Ich werde also meine emotionale Erinnerung auf das reduzieren, was tatsächlich geschehen ist, mich von der Verliebtheit in drei Ikonen verabschieden und den Platz, auf dem bisher die Denkmäler standen für Sinnvolleres zu nutzen. Wie zum Beispiel eine Wiese mit weichem Gras, in die man sich legen kann und die Wolken am Himmel vorbeiziehen sieht.
Und die Schatten von drei ollen Denkmälern würden da wirklich stören.


.jpg)


Kommentare
sehr schön geschrieben und weise noch dazu :-)
26.08.2010, 17:38 von der_MAgnostikergrandios..!
18.09.2009, 08:53 von kate222