leggerezza dell'essere 11.10.2011, 01:54 Uhr 5 11

(Fluss)abwärts

Und wir laufen weiter, immer weiter, immer am Wasser entlang. Die Sonne strahlt an diesem letzten warmen Herbsttag mit voller Kraft.

Es könnte alles so schön sein, könnte.

___

Zwei Stunden ist es nun her, dass ich mit zitternden Händen, weichen Knien, einem flauen Gefühl im Magen und so vielen Fragen in meinem Kopf an unserem Treffpunkt stand.

Drei Stunden ist es nun her, dass ich in einem Anfall von – ja, von was eigentlich – deine Nummer in das Display tippte und grußlos knapp verkündete, ich hätte gerade Zeit und Lust auf einen Kaffee am Fluss. Es muss eine Mischung aus Sehnsucht, temporärer geistiger Umnachtung, Trotz, Sentimentalität, Stolz und einer zu großen Portion Hoffnung gewesen sein.

Zwei Wochen ist es nun her, dass du mir aus heiterem Himmel gesagt hast, du würdest nichts für mich empfinden. Das Warum bliebst du mir schuldig.  

Eine Woche ist es nun her, dass du mir diese unglaublich lächerliche Nachricht geschrieben hast.Ich sei dir als Mensch so wichtig - du wärst gerne weiter mit mir befreundet. Was heißt das eigentlich, wenn man jemandem als Mensch wichtig ist? Soll das ein Almosen sein? Willst du dir eine Hintertür offenlassen, weil du dir deiner Entscheidung nicht sicher bist?

Ich hasse dich, hatte ich dir geantwortet.

___

Auf dem Wasser ziehen die Schiffe vorüber. Und du redest. Irgendwie ist es befremdlich vertraut. Wieder leuchtet dieses Fünkchen Hoffnung in mir auf und ich hoffe, dass du erkennst, was du da eigentlich kaputt gemacht hast.

Meinen Kaffee durften wir nicht in einem der vielen Cafés am Ufer trinken. ‚To-go‘ hast du vorgeschlagen und so halte ich einen dieser blöden Pappbecher mit Deckel in meinen Händen.    

Wäre dir die Enge eines Cafés zu beklemmend gewesen? Hattest du Angst, ich würde dir bei all der Warterei auf den Kellner, an einem Ort ohne Fluchtmöglichkeit, die Fragen stellen, deren Antwort du nicht kennst? Oder bist du in den letzten Tagen auch so rast- und ruhelos wie ich?

Du hast nicht gefragt wie es mir geht. Nein. Aber das hast du nie, noch nicht einmal als rhetorische Frage zur Begrüßung oder Floskel in einer Nachricht. Es hat dich wohl noch nie wirklich interessiert. Würdest Du mich richtig ansehen, würdest du merken wie es hinter der glatten, überschwänglich gut gelaunten Fassade aussieht, hättest die tiefdunklen Schatten unter meinen Augen bemerkt.

Die Sonne glitzert auf der Wasseroberfläche und ich gebe mir alle Mühe, mit ihr um die Wette zu strahlen. Ich will, dass du weißt wie unglaublich gut es mir geht – ohne dich.  Den Triumph, dass du mich verletzt hast und ich leide, will ich dir nicht geben. Ich hoffe, dass es dir wenigstens einen Stich gibt, wie schnell ich dich auch aus meinem Leben gestrichen habe.

Wir laufen am Fluss entlang und ich erzähle dir all die tollen Dinge, die ich in den letzten zwei Wochen unternommen habe – ohne dich. Jeden Abend unterwegs, umringt von Freunden, ohne Pause.

Als ich mich selbst so reden höre, klingt der Marathon der letzten Wochen tatsächlich nach ausgelassener Zeit und schönen Momenten. Nicht nach dem panischen Verplanen jedes Fitzelchen freier Zeit, in der mich sonst die Erinnerung an uns auffrisst.

Wir laufen weiter und du redest, deine Worte plätschern dahin wie der Fluss. Ich wünschte, du würdest auch etwas sagen. Dein Inneres ist wie immer verschlossen, ich höre Belangloses über Politik, Gesellschaft, Kunst, Kultur und Natur.

Irgendwann umhüllt uns Dunkelheit und wir laufen im Schein der Laternen an der Uferpromenade. Lass uns zurückgehen sage ich. Nein sagst du, lass uns noch ein bißchen laufen, am Fluss entlang.

___

6 Stunden ist es nun her, dass sich mein Leben wieder ein kleines bißchen normal angefühlt hat. Wir sind wieder am Ausgangspunkt angekommen. Zeit für den Abschied, oder?

Ich habe noch eine Frage sagst du und mein Herz setzt für zwei Schläge aus. Ich strahle dich an, voller Zuversicht, diesmal kostet es nicht so viel Anstrengung wie in all den Stunden zuvor.

Ist das okay, wenn ich mich jetzt wieder bei dir melde, höre ich dich fragen. Mehr nicht.

Ich erstarre, kann nicht glauben, dass das alles war. Die Leere in mir plustert sich auf, ich denke für eine Moment dass sie mich zerreißt. Zu kaputt von all dem Hoffen und Bangen, zu müde, zu enttäuscht, zu verzweifelt, zu perplex und zu geschockt um noch etwas zu sagen, fühle ich, wie mein Kopf zustimmend nickt - während er eigentlich noch verarbeitet, was du da gerade gesagt hast.

Der Tag hat so viel Kraft gekostet. Weil ich die Fassade langsam nicht mehr halten kann, drehe ich mich um und gehe. Den Triumph meiner Tränen gönne ich dir auch jetzt nicht.

Zurück bleibt die Hoffnung, dass du nur halb so sehr leidest wie ich.


Tags: Entlieben
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5 Antworten

Kommentare

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    sehr schön! und im letzten satz vermisse ich ein 'mindestens'....

    " jaja, du bist trotzdem ein wertvoller mensch. soll ich dir noch einen schokokeks dazu geben, damit du nicht mehr so traurig guckst...?"

    13.10.2011, 00:17 von GanzAmRande
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    genau so geht es mir im moment mit dem arschloch von typen auch!

    12.10.2011, 13:31 von Rhana1208
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    Der Typ hat so ein wunderbares wesen wie dich einfach nicht verdient!

    12.10.2011, 12:44 von Killepitsch77
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    Vergiss den Typen, der ist es nicht wert!

    11.10.2011, 20:47 von Benedita
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    traurig schön! :'(

    11.10.2011, 20:41 von Thomazzz
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