vie-dissolue 20.11.2017, 22:49 Uhr 1 1

Fire

Unsere Intensität lässt sich vielleicht kaum anders ertragen. Inseln der Vergangenheit die ein fadenscheiniges Konzept von Sicherheit versprechen.

Ich liege in einem schmal geschnittenen New Yorker Hotelbett. 4:36 am. In meinem Kopf räkelt sich der Sechsstundenjetlag und vor den verrostetenen Schienenfenstern fällt der Morgen über die Stadt. 

Ich hänge mich aus dem halboffenen Fenster, 10 m Hausfassade bis zum Boden, über meinem Kopf Stromkabel die den Himmel zerschneiden.

Ich zünde mir heimlich eine Zigarette an. In einer Stadt die niemals schläft, kann ich nicht schlafen. Fucking chliché. 

Mein Jetlag, eingefärbt von Gedanken an ein Paar tiefdunkler Augen.

Eine Leitung summt, elektrizitäres Knistern, dazwischen hupend beschleunigende Taxen. Das ächzende Geräusch der Subway die tief und schwer in den Gleisen liegt. Der Hotelboden vibriert, die eisernen Waggons kriechen behäbig über die Manhattan Bridge, draußen auf der Straße wimmeln Asiaten, fleißig und geschäftig in zu großen silbernen Sportschuhen über rote Ampeln. 

Die vermüllten Straßenzüge eingerahmt von Obst- und Gemüseständen, die sich langsam füllen, dazwischen rote Backsteinmauern, viktorianisch eingezäunte Verandas und verrostet-schwere Feuertreppen.   

Ich stehe vor den Absperrungen bei den Arrivals, an einem winzigkleinen Terminal in Newark. Flug 1489 hat Verspätung. 

Wir haben uns seit mehr als 2 Monaten nicht gesehen, deine Stimme ist längst in meinen Erinnerungen verblasst. 

Ich kann nicht mal mit Sicherheit sagen, ob ich am richtigen Flughafen stehe, am richtigen Terminal bin, ob der Flug aus North Carolina tatsächlich deiner ist. Die Minuten ziehen sich in die Länge, verdichtet-zäh wie Kaugummi. 

Und dann taucht dein Gesicht zwischen all den Ankommenden auf. 

Du siehst nicht mehr vertraut aus. 

Deine Haut ist dunkler geworden unter der Sonne Arizonas, deine Wangen schmaler, von tiefdunklen leichtgelockten Haaren umrahmt. 

Du bist ungeschminkt, siehst müde aber entspannt aus. Langsam gehe ich auf dich zu, nehme die Sonnenbrille ab, lass meine Tarnung auffliegen und warte, bis du direkt auf mich zu läufst. Der Ausdruck auf deinen feinen Gesichtszügen verändert sich schlagartig, dein Mund halbgeöffnet, du bleibst stehen und starrst mich an. 

Und ich kann in diesem Moment selbst nicht wirklich glauben, dass du tatsächlich in dieser Maschine saßt. Flug 1489. Wir stehen voreinander.

Die Sekunden beschleunigen sich zusammen mit meinem Herzschlag. 

Fuck. Ich bin scheiße-nervös. 

Irgendwann nehme ich dich in den Arm. Du zitterst. 

Ich kann die Unsicherheit in deinen Beinen spüren, in deinen Worten, auf deiner Haut. 

Du glaubst mir nicht. Glaubst nicht, dass ich vor dir stehe. Glaubst nicht, dass ich dich abhole. 

Zu viel habe ich in den letzen Wochen getan, um dein Vertrauen zu zerstören, unserer Geschichte die Unschuld zu nehmen, dich von mir wegzutreiben. Zu wenig habe ich gesagt.

Und dann ist da diese andere Frau. Mit dunkelwirrem Haar, schmal und kleiner als ich, mit blauangemalten Augenbrauen und breitem amerikanischen Akzent. Ihr habt eine Geschichte miteinander. 

Eine besondere Verbindung. Eine, die mit Freundschaft angefangen hat, bis es nicht mehr nur Freundschaft war. 

Die Stimmung zwischen euch könnte ich mit Händen greifen. Stattdessen umschließe ich mit meinen Fingern nur mein Whiskeyglas, zermahle wortlos Eiswürfel zwischen den Zähnen. 

Du versuchst mich zu beruhigen. Mir ein gutes Gefühl zu geben. Unterbrichst mich. Machst Versprechungen und viele Worte. 

Ich glaube dir, was du sagst. Solange du vor mir stehst und ich abgelenkt bin. Von deinen sanften Mandelaugen, deinem intensiven Augenaufschlag, deinem Temperament und deinen vollen, dunkelrot angemalten Lippen. 

Aber sobald ich wieder alleine bin, beschleicht mich das Gefühl, von dir nur eine geschönte Version eurer Geschichte zu erfahren. Eine Beta-Version. Für mich entworfen, beschnitten, gekürzt. 

Eine Version, die mich beruhigen und mich in Sicherheit wägen soll. Weil ich zu deiner Kölner Realität gehöre. Weil ich ein Teil deines Lebens werden könnte. Weil ich dieses "Potenzial" habe, von dem du ständig sprichst. 

Weil ich gut passe. Zu dir. Neben dich. An deine Seite. In deine Wohnung. In dein Bett. Weil ich nicht verheiratet bin. Weil zwischen uns keine 6000km liegen, sondern nur 2.

13 Minuten zu Fuß. Weil ich da bin. Ohne Umwege zu machen. Ohne Ausreden zu erfinden.

Vielleicht sollte mir das reichen. Vielleicht sollte ich das Bild ihrer von deinem Lippenstift rotgefärbten Oberlippe vergessen. Die Nächte vergessen, in denen du in meinem Bad verschwunden bist, um New Yorker Ferngespräche zu führen. Ich sollte vergessen, wie ihr euch verabschiedet habt. Wie sehr du geweint hast, als du dein Gesicht in ihrer Schulter vergrubst. (Blende 3, Verschlusszeit 1/250) Ich sollte vergessen, dass sie kurz davor war, sich scheiden zu lassen. Deinetwegen. Sollte vergessen, wie du von ihr gesprochen hast, nachdem sie im Winter zurück über den großen Ozean geflogen ist. Wie du jetzt über sie sprichst und kein anderes Thema mehr kennst. Wie du Sie immer wieder zwischen uns holst. Zwischen das Geschirr auf den Tisch, zwischen unsere Blicke, in deine Wohnung, in unsere Stadt, in die nebelgrauen Spaziergänge, in unser Schweigen. 

Wir streiten. Ich bin genervt, bin müde. Du schreist, deine Verzweiflung entlädt sich ungebremst. Du sperrst dich, streust Gedanken in meinen Kopf, konturlose Eifersucht, die ich nicht greifen kann. 

Ich will Gegenwart, will in die Tage hinein leben, mit dir zusammen, nicht darüber reden, was war. 

Du hängst hinterher, erlebst unsere Realität durch einen Schleier der Vergangenheit. Wir verpassen uns. Reden aneinander vorbei. Wir funktionieren nicht, kämpfen nur noch. 

Ich Visionär. Du Reaktionär. 

Ich stehe vor der verregnet-deutschen Ampelkreuzung nur einen Steinwurf von deiner Wohnungstür entfernt. Es bin nicht ich, die verhindert hat, was zwischen uns nie anfangen  konnte. In den kalten Wintertagen unseres Kennenlernens hast du in das Fundament unserer Geschichte gegossen, was ein Jahr später selbsterfüllende Prophezeiung wurde. 

Selbstsabotage. Zu groß deine Angst, vor dem, was sein könnte, vor all den ungeschriebenen Konjunktiven. Deine Angst vor mir, dem neuen Kapitel, vor all den leeren Seiten. Deine Angst, was ich für dich sein könnte. Sie lähmt dich. Lässt dich an mir vorbeischauen, durch mich hindurch. Du redest darüber, wegzugehen, in andere Städte, andere Länder, redest über glasklare Sternenhimmel an anderen Enden der Welt. Über Rucksäcke, die du packen und was du alles hinter dir lassen möchtest. Unsere Intensität lässt sich vielleicht kaum anders ertragen. Inseln der Vergangenheit die ein fadenscheiniges Konzept von Sicherheit versprechen, in Zeiten schiffbrüchiger Zukunftsungewissheit. Du klammerst dich an strohhalmdünne Gedanken, die du nie gelebt hast. Die solange vielversprechend, allesversprechend sind, wie sie nicht zu Erlebnissen werden. So, wie du dich an die Frau mit den schwarzwirren Haaren klammertest, irgendwo in der Nähe der 7th Avenue vor einem Frühstückdiner, im newyorker Großstadtdschungel (Blende 3, Verschlusszeit 1/250). So, wie du dich an dein Handy klammertest, als wir uns im Frühling in deiner Wohnung wieder gegenüber saßen. 

Du hängst dich auf, spulst zurück an die Stellen, katapultierest uns zurück, in die Situationen, in denen ich gegangen bin. Weil ich keine andere Wahl hatte. Weil ich dich Gedanken sortieren und Ruhe finden lassen wollte. Du kannst mir nicht verzeihen. Bis heute nicht. Erst jetzt wird mir klar, dass es nicht Ich bin, dass es nicht meine vermeidlichen Fehltritte sind, die du nicht zu verzeihen bereit bist. Du bist nicht bereit. 

Vielleicht musst du die Erfahrung machen. Musst dich wegziehen lassen. Aus einer Stadt deren Realität für dich unerträglich echt geworden ist. Aus einem Leben, dessen Risiko du noch nicht bereit bist einzugehen. 

Ich weiß nicht, was du finden wirst. Am anderen Ende der Welt. Dort wo die Menschen eine andere Sprache sprechen, als Ich. Eine einfache Sprache. In einfach gedachten amerikanischen Lebenskonzepten. Wenn du ihre Sache sprichst, bist du ausgewechselt, jemand anderes. Ich kenne dich nicht und frage mich gleichzeitig, ob ich von dir jemals die Chance bekam, dich wirklich kennen zu lernen. Ein Gedanke, dessen Zündschnur kurz ist, gekürzt, beschnitten, wie die Geschichten die du mir erzählt hast. 

Kurz bevor du das Kapitel unserer Geschichte beendetest. 

Mit leeren Worthülsen, deren Tragweite und Bedeutung ich vergeblich in deinen dunklen Mandelaugen zu finden suchte. 

Ohne mir ein einziges Mal den Stift ausgeliehen zu haben, hast du mich aus deinem Leben radiert.

Weil ich Ballast bin. Und Erinnerung. 

Weil wir miteinander neue Geschichten hätten schreiben können, unbekannten Ausgangs, Geschichten die nicht in deinen neuen Rucksack passen. 

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Kommentare

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    sehr gerne gelesen!

    kleinigkeiten:

    Weil ich gut passe, Zu dir. Neben dir. ...

    in deine Wohnung, in unsere Stadt,... würde ich tauschen um eine verkleinerung der raumes zu erzeugen.

    nur einen steinvorwurf

    einen rückwurf gibt es nicht.

    früher funktionierte copy&paste von word auf neon.

    jetzt jedoch ergeben sich ungewollte absätze. diese lassen sich nur vermeiden, wenn der text vorher z.b. über den editor kopiert eingefügt werden. 


    wie gesagt,...

    kleinigkeiten ;)


    21.11.2017, 16:06 von jetsam
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