Milani 07.12.2016, 19:08 Uhr 3 17

Finowstraße

Hommage an mein altes Zuhause

Ich stehe vor der Badewanne, beuge mich vor und beginne mit kreisenden Bewegungen zu schrubben. Im Hintergrund läuft das siebzehnte Mal dasselbe Lied. „You always hurt the one you love“, hallt es durch die leere Wohnung. Ich schäme mich dafür, Frau F. kocht sicher schon vor Wut. Eine Macke von mir, ich kann mich nie satt hören, wenn mir eine Melodie gefällt. Ich denke an R., wie er in Shorts Saxophon spielt, die Balkontür weit offen, die Sonne knallt auf die makellosen Dielen. Ich stehe im Türrahmen und nehme ihn auf, er sieht mich an und verzieht das Gesicht, wir lachen. Wir sitzen uns gegenüber, zwischen uns ein Umzugskarton, das erste Abendessen in der neuen Wohnung, wir sind ein bisschen glücklich und ich frage mich, wann ich mich hier wohl zuhause fühlen werde. Ich denke an H., wie er in den Flur reinkommt und „Aaalter, fette Butze“, ruft. Er nimmt mich in den Arm und drückt mich, wie immer einen Tick zu fest. Er trägt seine Polizeiuniform und ich sage, dass er sexy aussieht. Ich denke an J., wie sie in der Küche sitzt, mit einem Glas Wein in der Hand, M. steht vor dem Herd und schwenkt die Pfanne, er erklärt mir euphorisch, was beim Gitarrenbau wichtig sei, sein Wissen scheint unermesslich. Ich höre ihm gerne zu, er ist der Mann, der meine beste Freundin seit Jahren aufrichtig liebt. Ich denke an meine Schwestern, wie sie lachen und vor meinem Spiegel tanzen. F. trägt meinen Hut und S. lässt ihre nackten Brüste hüpfen, um uns zu provozieren. Wir kiffen als gäbe es keinen Morgen mehr und schaffen es nicht tanzen zu gehen, weil wir lieber kuscheln und uns Geschichten erzählen. Ich denke an P., wie er mich anschaut und mein Gesicht in die Hände nimmt, überhaupt sind seine Hände immer überall, er lacht aus vollen Lippen und die Gewissheit, dass ich das nicht lange aushalte, lungert in allen Ecken. Ich denke an W. und P., wie sie in der Küche Gitarre spielen und alte Lieder aus Ecuador singen. Das Bier ist seit Stunden leer, aber das kümmert keinen, sie berauschen sich an ihrer Musik. Ich denke an den Bootsbauer und wie er auf der Waschmaschine sitzt und Geschichten aus Norwegen erzählt. Der Alkohol macht ihn sympathischer, mein Blick verliert sich in seinen Tattoos und ich freue mich auf die Nacht. Ich denke an A. und ihr großes warmes Lächeln. Ich frage nach ihrer kleinen Tochter. Bei ihrem Vater bekomme sie Spaghetti - gar nicht gut, „Kinderkotze kann sehr sauer riechen.“

Ich sehe den Kapitän, wie er das erste Mal vor meinem Bett steht, die Hände seitlich in die Rucksackschlingen geklemmt. „Déjà-vu“, sage ich am darauffolgenden Abend und bin neugierig. Es klingelt und klingelt, der Franzose kommt in den Flur, „du bist schön“, er spritzt ab, ich rufe ein Taxi. D. raucht in der Küche und erzählt, dass er mit gespielter Einfühlsamkeit jede Frau rumkriegt, ich schaue ihn angewidert an, er grinst. Ich packe meinen Rucksack und habe Angst, dass ich den Wecker nicht höre, ich freue mich auf Köln. Ich mache ein Foto von mir und tippe „dieses Jahr verschenke ich mich“ ins Handy, meine Schwestern jubeln. Ich denke an den Franzosen, er sitzt da mit langen übereinandergeschlagenen Beinen, er hat im Handgemenge mein Weinglas umgeworfen, mein Laptop schwimmt, „wirklisch“, zischt es aus seinem Mund und ich sage, „ja, wirklisch, verpiss disch“. Ich denke an P. und wie wir halbnackt im Bett sitzen und uns von unseren Orgasmen erzählen, ich frage mich, ob ihre Muschi wohl so groß ist wie ihr Mund. Ich denke an mich, wie ich aus London zurückkehre und erschöpft die Wohnungstür hinter mir zuschlage, mein Zimmer betrete und tief einatme, den Duft nach Holz, Parfum und Altbau, ich bin untröstlich traurig, mein Bett zieht mich tief in seine kalte Mitte. Ich denke an den Kapitän, wie er neben mir schläft, mit der gespreizten Hand auf der Brust. Ich sehe mich besoffen mit meinem Vater telefonieren, in R.s Zimmer schreien, wie ich gegen die Wand trete und in der Küche laut lache, die Beine auf der Heizung, in den Hof starrend, mein Nachbar ist da, endlich sehe ich ihn nackt. Ich drehe die Musik lauter, K. stöhnt, S. singt, L. spielt Gitarre, J. liegt mit meiner Sonnenbrille auf der Luftmatratze und sagt „i feel home“, der Kapitän drückt meinen Kopf in seinen Schoß, der Hausverwalter schnalzt mit der Zunge und bittet um ein Glas Wasser – lass mir doch bitte dieses Zuhause. Ich denke daran, wie ich mit offenem Mund auf den Laptop starre, ich sitze gekrümmt in der Küche und habe den letzten Film von Gaspar Noé gesehen, ich nehme mir vor, auch so zu lieben. P. sieht mich an und fragt, was ich habe, er wird das erste Mal laut, ich sage nichts, ich bemühe mich nicht mehr um Antworten. Ich denke an A. und den Spanier und wie er mit großen Augen jede meiner Bewegungen beobachtet, wir reißen die letzte Tüte Chips auf und trinken zu viel Jägermeister. B. sagt, es gäbe kein zu viel, alles sei eine Sache der Übung. Ich denke an J. und F. und wie wir besoffen in mein Zimmer fallen, J. sagt, er möchte ein Kind von F., ich muss schmunzeln und meine Schwester schreit, „it takes two to tango“ und kratzt sich die Beine blutig. Ich schlafe nachdenklich ein. Ich wache auf und sehe Nachrichten von T., „was treibst?“, ich antworte „nichts, ich genieße mein Zuhause“. Wir trinken Kaffee, R.s Eltern sind da, sie mögen mich immer noch und ich sie auch. „Schön habt ihrs hier“, wir sind lange kein Paar mehr, aber so ganz haben sie es wohl noch nicht verinnerlicht und ich nehme es ihnen nicht übel. Wir gehen später ins Museum, ich fühle mich wie ihr Kind und R. ist mein großer Bruder.

Ich denke an den Kapitän und wie wir lachen, er steht nackt an meinem Zimmerfenster und streckt die Brust raus. Ich mag es, wenn er mich fragt, welcher Tag es ist. Ich liege weintrunken im Bett und drücke das Kissen ins Gesicht und nehme einen tiefen Zug. H. schiebt sich stolz einen ganzen Kolben Sucuk in den Mund, J. umarmt mich mit gleichgültiger Miene, L. rümpft die Nase, ich schneide ihr den Pony, ihr Typ ruft an und sie starrt ungläubig. Meine Mutter ruft das dritte Mal an, ich gehe ans Telefon und schreie sie an. Ich denke daran, wie ich mit dem Rücken an der Heizung sitze, es ist Winter, R. hat Weihnachtsschmuck angebracht, damit ich mich freue, ich habe trotzdem keinen Bock. Y. weint und tröstet sich mit Essen, sie ist verliebt, aber er meldet sich nicht, „scheiß drauf, lass feiern“ und später knutschen wir mit Männern, die uns eigentlich nicht anmachen. Der Handballer drückt mich in die Matratze. Mein Vater sagt, „aus den Augen, aus dem Sinn.“ S. schmollt sie will nicht zurück nach Köln, „so schön hier“, ich versuche zu trösten. Mein Bett riecht nach Kapitän und das erste Mal verzichte ich darauf, dass Bett frisch zu beziehen. Ich presse die Beine zusammen, ich schlucke Sperma, meine Mutter schreibt, dass sie mich vermisse. Meine Schwester heult am Telefon, Oma ist tot, ich lege das Handy weg und esse erstmal auf, die Trauer erwischt mich Tage später im Bad und fegt mir unerwartet heftig die Beine weg. Ich nehme Pizza entgegen, R. schreit aus dem Wohnzimmer „bescheuert oder was?“ und ich tanze und tanze, immer wieder dieselben Schritte, zum selben Lied. Ich lache laut und rufe etwas ins Leere, meine Nachbarin klopft gegen die Wand. Es klingelt, mein Vater hat mir Blumen geschickt, wir telefonieren, er erzählt wie jedes Jahr an meinem Geburtstag vom Dammschnitt, der ihn so traumatisiert hat, was will er mir nur damit sagen? Wir trinken Haschischkakao und ich erlebe eine Welle längst vergessener Freuden und Sorglosigkeit, als das Gefühl nachlässt weine ich bitterlich. Ich koche und bin sehr glücklich, ich strecke die Arme aus und schaue zur Decke - danke für all das. Ich nehme ein Buch aus dem Regal und lege mich ins Bett, Murakami gib mir Kraft, ich schlafe sofort ein und träume, irgendetwas zerrt an mir, ich wache auf und habe Angst. Ich denke an den Kapitän und esse Reste aus der Pizzaschachtel und leere das schale Bier, mir dreht sich der Magen um, heiße Gefühle schneiden butterweich durch mein Fleisch. B. reißt die Ofentür auf und inspiziert den Fisch, der auf einem Totenbett aus Gemüse liegt, er zieht sein Shirt aus und L. grölt. Ich zeichne die ganze Nacht und nehme mir bei Morgengrauen vor damit berühmt zu werden, wenig später sitze ich in der Küche und packe alle Bilder in einen Karton und gehe zur Post – es ist ein Geschenk. Es weht sachte in mein Zimmer, ich höre die Vögel im Hof und schaue durch das offene Fenster zu den Wolken, Billy Holiday singt leise in der Küche, so muss es im Himmel sein, denke ich und drehe mich zur Seite. Das Bad funkelt und glänzt, so sauber war es hier noch nie, wie konnte ich mich so irren, ich denke an den Spruch im Treppenhaus.


 


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3 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Dein Schreibstil sorgt dafür, dass ich immer schneller lese. Ich werde nervös. Ganz hektisch.

    Am Ende mag ich es sehr.

    16.12.2016, 10:39 von Freulein_Taktlos
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    beim ersten "im türrahmen nehme ich ihn auf" hab ich noch an eine komische formulierung gedacht, aber dann später wars doch so gemeint. sowas find ich gut, wenn ich durch einen text geschickt werde und sich das dann flieend auflöst. ich hoffe, die neue bude bringt wenigstens ein bruchteil an leuten une erfahrungen.

    07.12.2016, 20:52 von libido
    • 1

      Danke!! Ich bin da tatsächlich später auch ein paar mal drüber gestolpert, aber bekams nicht übers Herz nochmal dran rumzufummeln, ich bereue es in der Regel, wenn ich so schreibe, dass andere alles verstehen. Ich mag es, wenn es intuitiv fließt

      07.12.2016, 21:04 von Milani
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