Filmriss
Die letzte Nacht war anscheinend vollkommen außer Kontrolle geraten. Aber irgendwas war diesmal anders als sonst.
Ein Blick auf die Uhr sagte mir mehr als mir lieb war. 2:13 stand in großen roten Ziffern auf dem Wecker neben meinem Bett, und die Sonnenstrahlen die ihren Weg vorbei am Vorhang in die billige Absteige fanden ließen keine Zweifel daran aufkommen, dass der Sonnenaufgang schon lang hinter mir lag. Das mit dem Motel war nicht meine Idee. Eigentlich organisierten die Jungs im Büro ordentliche Unterkünfte. Aber wir mussten eine Woche überbrücken und so kam es, dass ich mir mit meinem Kollegen dieses kleine Zimmer irgendwo in den Vororten Melbournes teilte.
"How you doin, lad?" tönte es aus dem Bad. Keith war also auch hier. Ich erinnerte mich vage daran, ihn letzte Nacht noch gesehen zu haben bevor er seine Freundin besuchen ging. In meinem Kopf drehte sich alles und ich überlegte kurz einfach weiter zu schlafen, doch die Fender Stratocaster die mich vom anderen Ende des Zimmers in Daphne Blue anlachte hielt mich zurück. Eine kurze Konversation mit meinem Zimmergenossen brachte zutage, dass es sich wohl nicht um seine handelte, und ich nicht der Einzige war der keine Ahnung hatte wo das Teil herkam. In der Hoffnung auf einen nützlichen Hinweis wühlte ich mich durch den Berg an Klamotten der sich neben meinem Bett aufgebaut hatte, aber alles was ich fand war die Telefonnummer eines Mädchens, dass offensichtlich auf den Namen Jade hörte. Duschen schien plötzlich eine gute Idee zu sein.
Jade. Jade. Ich murmelte den Namen vor mich hin, während heißes Wasser meinen Rücken runter lief. Meine Erinnerung fand langsam den Weg zurück in mein alkoholverseuchtes Gehirn. Jade hatte ich die Nacht zuvor in einem Club in Melbournes Innenstadt kennengelernt. Das muss kurz vor meinem Filmriss gewesen sein. 11:30 schien eine gute Option zu sein dieses Ereignis temporär zu fixieren. Aber wo kam die Stratocaster her? Irgendwo zwischen 11:30 und 2:13 musste ich mehr oder minder glücklicher Besitzer dieses Stücks Rock 'n' Roll geworden sein. Ich rief Jade an.
Alles was sie wusste, war dass ich mehrmals davon sprach eine Gitarre kaufen zu wollen. Ihr Londoner Akzent erinnert mich an den Grund für ihre Anziehungskraft auf mich, und ich lies das Gitarrenmysterium ruhen um mich mit ihr zu treffen.
Fünf Bier und drei Kondome später saß ich wieder in meinem Motel. Die Stratocaster lehnte unverändert als stummer Zeuge meines nächtlichen Vollsuffs an der Wand. Mahnend und einladend zugleich. Ich nahm sie in die Hand und spielte ein paar Akkorde. Sie fühlte sich gut an und war allem Anschein nach ordentlich gestimmt. "Fuck it," Dachte ich mir, als ich beschloss die Herkunft ungeklärt zu lassen "irgendwie bekomm ich das Teil schon nach Deutschland.“


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