Freulein_Taktlos 27.12.2012, 13:42 Uhr 54 4

Fesseln aus Vernunft

"Ist etwas?" "Nein, es ist nichts. Schlaf weiter!"

Es ist dunkel. Nur ein einzelner, milchiggelber Lichtstrahl dringt durch die zugezogene Jalousie, so als hätte er sich hier im Zimmer verirrt und würde verzweifelt den Weg hinaus auf die Straße suchen.
Sie legt den Kopf an seine Schulter neben sich, zählt langsam von 100 rückwärts und wartet bis er beginnt, gleichmäßig zu atmen. Dann schlägt sie die schwere, warme Bettdecke zurück und steht auf. Läuft barfuß über die kühlen Holzdielen ins Wohnzimmer, wohl wissend, welche sie auslassen muss, um ein Knatschen, das ihn wecken könnte, zu vermeiden.
Sie öffnet das Fenster, stellt sich mitten in den Durchzug und schließt die Augen. Spürt, wie die kalte Winterluft sie umschließt, herzlich umarmt, als sei sie ein alter Freund, den man lange nicht gesehen hat. Sie ignoriert die Eiseskälte und holt tief Luft. Es fühlt sich an wie ihr erster Atemzug an diesem Tag. Sie braucht einen Moment, bis sie klar denken kann. Dann kommen die Gedanken, die sie den gesamten Tag über verdrängt hat. Bis hier hin. Bis zur Nacht, wenn es still ist. Bis sie wieder hier steht und die Winterluft sie umarmt.

„Wo bist du?“ Die Frage aus dem Schlafzimmer.
„Ich trinke nur etwas. Bin gleich zurück.“ Die Lüge aus dem Wohnzimmer.

Wieso kann sie nicht ehrlich sein? Wieso kann sie nicht zufrieden sein, mit dem, was er ihr gibt? Er ist gut zu ihr. Schenkt ihr ein anständiges Leben, Geld, ein Zuhause, einen Kuss auf die Stirn vor Freunden. Verlangt dafür allein, dass sie sich neben ihn stellt und lächelt. Sie muss ihn weder stützen, noch verstehen. Sie soll nur nicken und einverstanden sein. Sie hasst sich selbst dafür, es nicht richtig machen zu können.

Sieht an sich herunter und blickt auf ein klaffendes, schwarzes Loch, an der Stelle, an der ihr Herz einmal seinen Platz hatte. Sie erinnert sich, dass es einst kirschrot in ihrer Brust pulsierte, bei jedem Lachen einen kleinen Hüpfer machte. Es klopfte dort unaufhaltsam, bis sie sich entschloss, es zu verschenken.
Sie gab es der Liebe. Im Sommer hatte sie sie getroffen. Sie hatte sie von ihren standhaften Beinen gerissen, aus dem vernünftigen Leben gezogen, an die Hand genommen, nur um ihr an der nächsten Ecke überraschend ins rote, wirre Haar zu fassen und sie zu küssen. So lang bis sie nach Luft rang, so schön, dass ihre Lippen kitzelten.
Dann war die Liebe einfach gegangen. Hatte ihr Herz mitgenommen und eine Wunde hinterlassen, die jede Nacht aufs Neue anfing zu bluten.

„Kommst du?“
„Ich komme.“
Sie schließt das Fenster, geht zurück ins Schlafzimmer und legt sich hin.
„Ist etwas?“
„Nein, es ist nichts. Schlaf weiter!“.

Ein letzter Gedanke. Sie weiß, dass es vernünftig ist, hier zu sein. Ihr wird es gut gehen, auch wenn das Glück woanders wartet. Vielleicht wird sogar ein Tag kommen, an dem sie sich nicht mehr nachts ans Fenster stellen muss, um zu denken. Vielleicht kommt ein Tag, an dem sie endlich vergessen kann, loslässt und feststellt, dass solch ein Mann, wie er hier in ihrem Bett liegt, ausreicht für ein Leben.

Ihr Blick fängt den funkelnden Stein ein, der seit dem vergangenen Abend ihren Ringfinger schmückt. Dann schläft sie ein.
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54 Antworten

Kommentare

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    • 0

      Das ist eine Interpretation, die sogar der Verfasserin gefällt.

      02.01.2013, 21:45 von Freulein_Taktlos
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    • 0

      Es pocht in Fräuleins Brust.


      Es war nicht meins.

      03.01.2013, 13:37 von Freulein_Taktlos
  • 1

    Ich weiß auch nicht, hier werden zwei Themen (Vernunftbeziehung und Versorgungsaspekt) vermischt, was den Text unnötig altbacken wirken lässt, dabei ist er gar nicht mal so schlecht geschrieben sonst.

    27.12.2012, 17:05 von EliasRafael
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    • 0

      Vernunft = Nehme mir einen Partner, der mir auch gut tut. Hört sich nicht verkehrt an. Check.

      27.12.2012, 18:18 von EliasRafael
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    • 0

      Da kenn ich aber einige bescheuerte... Liebe muss halt mit der Zeit wachsen, hab ich mal gehört ;-)

      27.12.2012, 18:25 von EliasRafael
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    • 1

      Bisschen mehr Fantasie bitte, du schreibst doch Geschichten ;-)

      27.12.2012, 18:30 von EliasRafael
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    • 0

      Stimmt, das muss ich nochmal lesen, das Epos, spielen da auch Kannibalen mit?

      27.12.2012, 18:34 von EliasRafael
    • 1

      Vernunftbeziehung ist ein komischer Begriff, aber eigentlich geht es doch darum, daß Träume und Ängste gegeneinander ausgespielt werden.

      So manch einer verwirklicht materielle oder andere Träume (Kinder, Status, Freiräume) auf Kosten des Ideals Traumfrau/Traummann. Wüßte nicht, warum ich das verurteilen oder bemitleiden sollte (auch wenn das nicht mein Entwurf ist). Insofern ist der Text für mich eine nicht unzeitgemäße Erfahrungsvariante.

      27.12.2012, 18:36 von LudwigMartin
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    • 0

      Altbacken heißt ja nicht unzeitgemäß

      27.12.2012, 18:48 von EliasRafael
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    • 0

      Am besten für jeden Zweck eine Beziehung

      27.12.2012, 19:09 von EliasRafael
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    • 1

      Dafür dann einen Arzt

      27.12.2012, 19:11 von EliasRafael
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    • 0

      hm, ich mach nix, auch kein Browser back oder so

      27.12.2012, 19:15 von EliasRafael
    • 0

      Hm, von Hilde bekomme ich aber auch ständig welche

      27.12.2012, 19:18 von EliasRafael
    • 0

      Beschwert euch nicht, ich komme online und habe 68 DingDongs ;-)

      27.12.2012, 19:42 von Freulein_Taktlos
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  • 0

    Geschrieben 1950?


    Vielleicht kommt ein Tag, an dem sie endlich vergessen kann, loslässt und feststellt, dass solch ein Mann, wie er hier in ihrem Bett liegt, ausreicht für ein Leben.

    Wie hochmütig ... 

    Klingt insgesamt unfair dem Mann und unnötig der Protagonistin gegenüber.

    27.12.2012, 16:17 von B.tina
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    • 1

      Oh, ich schreibe nur Lügengeschichten. Auch wenn in ihnen ganz sicher auch ein kleines bisschen Wahrheit steckt ;)


       

      27.12.2012, 15:37 von Freulein_Taktlos
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      Stirnkuß - wenn alternativlos und regelmäßig - empfinde ich als Erwachsenen-Kind-Verhältnis, distanziert dazu.

      Sehr paternalistisch und degradierend.

      Nicht vor anderen rumzuknutschen, mag rücksichtsvoll sein, aber der gegenseitige Mundkuß ist einfach mal ein Symbol (auch vor anderen), daß hier zwei aus freien Stücken ja zueinander sagen. (vgl. Hochzeitsritual)

      27.12.2012, 18:32 von LudwigMartin
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  • 1

    Blödsinn.. seit ihr Frauen oder Gefangene... vielleicht sollte man EMMA lesen...

    27.12.2012, 14:46 von Mara88
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      so lange es nicht BILD DER FRAU ist dann ist alles OK :-)) und wenn du Kopfkino hast und viel Phantasie dann ist EMMA toll und "Das Alte Testament" ein Thriller... :-))

      02.01.2013, 17:40 von Mara88
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      aber das wird bunter mit wichsvorlage... wie bei Verona bei H und M.... wie können auch die nette Frau Schröder nehmen... ups.. ne, bei der wird eine kotzvorlage.... sorry...
      Purismus (lat.: purus = „rein“; frz.: le purisme =
      „der Purismus“) bezeichnet eine Geisteshaltung, die nach Reinheit
      geistiger Schöpfungen strebt und versucht, sie von „fremden“ Zutaten zu
      befreien...


      REIN MÖCHTE ICH NICHT SEIN... lieber schmutzig und lustig und lebendig... REIN war die Schneekönigin.. :-)

      02.01.2013, 17:50 von Mara88
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    Du sprichst mir aus der Seele-wie gehst du mit dieser Situation um?

    27.12.2012, 14:22 von violett84
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