GartenVonGettis 10.11.2014, 18:58 Uhr 2 3

Ferngesteuert

Aber manchmal wache ich auch auf und stelle fest, dass das ja mein Leben ist, was ich da lebe.

Es ist anders als die letzten Monate. Ich bin irgendwie wieder da, fühle mich lebendig. Zumindest manchmal. Eine gute Sache.
Aber manchmal wache ich auch auf und stelle fest, dass das ja mein Leben ist, was ich da lebe. Und dass ich es ganz vergessen habe, weil es sich so unglaublich fremd anfühlt.
So lebendig am eigenen Leben vorbei.

Das ist ein bisschen schwierig zu verstehen, denke ich manchmal und senke den Kopf – entweder um einen Purzelbaum auf einer frisch-grünen Wiese zu machen oder um ihn unter dem Bett zu verstecken. Denn das wechselt. Sekündlich.

Einerseits geht es mir irgendwie gut. Oder ich weiß zumindest, dass alles so ist, dass ich mich gut fühlen sollte und schaffe es auch, mir das dann selbst einzureden.
Ich kann mich wieder freuen, über ziemlich viel sogar. Das ist neu.
Wenn die Sonne scheint, spüre ich die Wärme auf der Haut und genieße die Schönheit um mich herum. Ich schließe die Augen, um den Kaffee auf der Terrasse bewusst wahrzunehmen und manchmal esse ich einfach, weil ich Lust darauf habe. Ich plane und freue mich auf Ausflüge und Wochenenden. Ich kann mich wieder begeistern. Manchmal.

Und dann sind da wieder diese Momente, in denen mir klar wird, dass ich zwar funktioniere, jedoch keine Kontrolle habe. Eigentlich bin ich wie ferngesteuert und wer oder was auch immer mich lenkt, hat die Macht, mich Freude fühlen zu lassen oder einen brennenden Schmerz.
Oder schlimmstenfalls gar nichts, außer Leere.
Diese Passivität macht mir Angst, da ich nie weiß, was in der nächsten Sekunde passiert und ich fühle mich so ausgeliefert, obwohl ich genau weiß, dass es ganz allein meine eigene Schuld ist, dass ich nicht selbst das Steuer in der Hand habe: Ich bin nicht bereit, Entscheidungen zu treffen.

Und deswegen schaukel ich wie ein Schiff bei der kleinsten Windböe und sobald ein Sturm kommt, bin ich dem Untergang geweiht. Oder darauf angewiesen, dass jemand anderes mich aus der Katastrophe lenkt.

Ich lasse einfach alles geschehen. Selbst die Passivität. Und in der einen Sekunde klappt es und alles ist in Ordnung und in der anderen Sekunde werde ich mir meiner eigenen Fremdheit bewusst und ich hoffe auf einen Eisberg, der mich erlöst, indem er entweder das Ende der Fahrt bedeutet oder mich wieder etwas spüren lässt, bevor die lähmende Leere mich auffrisst.

Und dann gibt es da diesen Hafen inmitten von all dem Chaos: Dich.
Und immer öfter komme ich dort an, weil es irgendjemand so will. Irgendjemand, der mehr Kontrolle hat als ich. Manchmal der Zufall. Und manchmal wohl auch du.
Und wenn du mich zu dir lotst, lasse ich das geschehen, weil du ja mein Hafen bist und weil ich weiß, dass ich ohne dich wohl schon tausendmal ertrunken wäre.
Du warst für mich da, ohne zu wissen, wie stürmisch es wirklich war und du hast mich aufgefangen, nicht selten ohne es zu wissen.
Wenn ich in den Hafen gepustet werde, dann bremst du mich und deswegen habe ich schon so oft da draußen auf dem Meer wenigstens ein bisschen Orientierung behalten. Weil ich wusste, dass du da bist und dass du einen Platz für mich hast, an dem ich in Ruhe und Sicherheit die Nacht verbringen kann.
Weil du mein Leuchtturm warst.

Aber es gibt auch Tage, an denen ich an Zuhause denke.
An diesen Heimathafen, der mir so lange verschlossen war und der jetzt plötzlich wieder nach mir ruft. Und ich kann mich nicht dagegen wehren, auch wenn ich weiß, dass es nicht richtig ist. Es ist so vertraut, dort zu sein.
Und der Hafen bildet einen Strudel, will mich zurück.
Ich tue nichts gegen die Strömung. Ich bin zu schwach, das Steuer zu übernehmen und eine Richtung festzulegen.

Und deswegen ist dieses Meer so verdammt unruhig.
Die Strömungen wechseln sich ab, bilden Strudel, verändern ihre Intensität.
Und das Schiff schaukelt und dreht sich und gibt ihnen nach, um nicht zu versinken.
Und ich schau ihm zu, so passiv.
Sehe, wie es an den Hafenmauern zerschellt. 


Tags: Entscheidungen, Passivität, Leere, Fremde, Liebeskummer
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2 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Sprichst du aus eigener Erfahrung? Mich interessiert das sehr, denn verstehen kann ich es noch nicht ganz, ist sie dir denn dermaßen zu perfekt dass du glaubst ihr nicht würdig zu sein?

    26.12.2014, 16:34 von Snowlove
    • 0

      dieser Kommentar ist an denen anderen Text gerichtet, sorry :D mein fehler - 

      26.12.2014, 16:36 von Snowlove
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