helge_timmerberg 11.02.2010, 13:31 Uhr 0 1

Fernbeziehung

Nichts stellt die Liebe so sehr auf die Probe wie der erste URLAUB MIT DEM PARTNER. Das spricht nicht unbedingt gegen eine gemeinsame Reise.

Es gibt drei Standardsituationen bei der ersten Reise mit dem neuen Partner. 1. Beide sind noch voll ineinander verliebt. 2. Die Glücklichen haben es geschafft, dass aus dem Verlieben bereits Liebe geworden ist. 3. Irgendwas stimmt nicht zwischen den beiden, und man will es durch die Reise stimmiger machen.

In der ersten Kategorie gibt es eigentlich überhaupt keine Probleme, außer dem, dass es raus geworfenes Geld ist. Verliebte sind überall überglücklich, selbst zu Hause, in der U-Bahn und im Regen. Vor allem im Regen, weil mit durchgeknallten Hormonen die Lichter in den Pfützen wahnsinnig schön sind. Wenn Frischverliebte zusammen Urlaub machen, wird?s immer nur ein Trip von schön zu schön, weil sie ohnehin nur ineinander reisen, und Ficken ist daheim einfach billiger.

Außer diesen rein ökonomischen Einwänden ist natürlich alles paletti, wenn zwei mit rosaroten Brillen durch die Gegend ziehen. Weil sie wirklich ALLES rosarot sehen. Versiffte Hotelzimmer, fette Kakerlaken, betrügerische Taxifahrer, nichts kann ihnen die Laune verderben. Flug-Zug-Busverspätungen knutschen sie weg, also was kann da passieren? Kleiner Überfall? Jetzt kann der Mann zeigen, dass er wirklich ein Held ist. Danach trotzdem kein Geld mehr? Was soll?s, wir brauchen keinen Pfennig zum Glück. Der Flieger stürzt ab? Okay, das wäre Mist, aber immerhin hält die neue Liebe in diesem Fall mal wirklich bis ans Ende des Lebens.

Zweite Kategorie. Nicht Verliebte, sondern Liebende sind unterwegs. Jetzt macht die Reise wieder Sinn. Jetzt gibt?s wieder was zu sehen. Verliebte sehen ja nur sich selbst. Erst wenn du zur Liebe durchgebrochen bist, kommst du zurück zu dieser Welt. Ohne rosarote Brille gefällt ihnen durchaus nicht mehr alles, was sie auf ihrer Reise sehen und erleben, aber sie ertragen besser, was ihnen nicht gefällt. Viel besser, als wenn sie allein wären. Das gemeinsame Ertragen vertieft dann ihre Liebe, und so weiter und so fort. So eine Reise ist gesegnet. Sie wird Früchte tragen, deren Samen neue Früchte wachsen lassen. Man wird sie nie vergessen. Kleines Beispiel?

Fliegen macht keinen Spaß. Auf den Flieger zu warten, macht auch keinen Spaß. Securitycheck, Passkontrolle, langweilige Restaurants, Rauchverbot. Alles kein Spaß. Aber sie erzählte mir von ihren neuen Schuhen, und so hielt ich es aus. Im Flugzeug bekam sie den Platz in der Mitte. Das ist der schlechteste, wenn die Reihe voll ist. Ich bot ihr meinen Gangplatz an, das ist der beste. Sie lehnte ab, und für mich war das ein hübsches kleines Zeichen dafür, dass sie mich liebte.

Sie schloss die Augen, sie seufzte, sie stellte sich auf zwei Stunden Zwangsmeditation ein, unterbrochen von schlechten Gerichten. Ich dagegen hatte ein gutes Buch dabei, etwa zur Hälfte gelesen, und der »Fänger im Roggen« von Salinger ist so ungefähr das Beste, was man dabeihaben kann. Ich gab es ihr, und sie fraß es dann beim Start, über den Wolken und während der Landung begeistert in sich hinein. Es stand also eins zu eins im Gleichgewicht der guten Taten.

Anschließend nahmen wir vom Flughafen ein Taxi direkt in unsere Lieblingsbar und tranken dort etwa vier Stunden, um runterzukommen. End of story. Keine große Geschichte, ich weiß, aber eine sehr beruhigende. Die Botschaft dahinter ist: Wir können zusammen reisen. Weil jeder für den anderen Unterhaltungswert besitzt. Das ist etwas anderes als der Wahnsinn der Hormone, gewiss. Das sind erwachsen gewordene Gefühle. Das ist wirklich entspanntes Reisen mit dem neu en Partner in der zweiten Kategorie.

Nun zum Abenteuer. Reisende in der dritten Kategorie, man könnte auch sagen, Reisende in der dritten Klasse der Liebe, sehen sich dem Thrill ausgesetzt, als Paar loszufahren, aber möglicherweise nicht als Paar zurückzukommen. Weil die Reise das, was zwischen den beiden nicht stimmte, nicht stimmiger gemacht, sondern aufgedeckt hat. Nicht gekittet, sondern zerrissen. Frage: Woran liegt das? Antwort: Von einem vollkommenen Paar spricht man, wenn beide mit Körper, Seele und Geist gleichgewichtet kommunizieren, sich auf allen drei Ebenen treffen. Sind?s nur zwei von diesen Ebenen ist es immerhin noch die große Liebe. Und ist nur eine Ebene aktiv, nennt man das eine schlechte Affäre. Wer mit einer schlechten Affäre auf Reisen geht, ist mies beraten, denn die macht jede Reise zum Alptraum.

Man stelle sich vor, da sind zwei, die bisher eigentlich nur geredet haben. Der Frau gefällt das gut, für ihn ist es eher das Mittel zum Zweck. Der Zweck ist Sex. Den sie bisher nicht will. Der Typ macht deshalb mit ihr eine kleine Reise nach Thailand. An irgendeinem Strand im südchinesischen Meer, denkt er, wird?s dann geschehen. Dort geschieht auch was, aber nicht wie gedacht. Sie findet auf der Terrasse des Nachbarbungalows einen alleinreisenden Mann, mit dem sie gar nicht reden will, weil er sexuell so gut zu ihr passt.

Anderes Beispiel. Das umgekehrte. Ein Paar hatte vor der Reise eigentlich nur Sex. Also Sex, Sex, Sex. Während der Reise stellt dann der Klügere fest, dass der andere Stroh statt Gehirnzellen unterm Pony hat. Dass er mit einem Truthahn unterwegs ist. Dann ist auch diese Reise schiefgelaufen, oder nicht?

Woran zerbricht die Liebe unterwegs? In der Regel an den gleichen Dingen wie zu Hause. Auf der Reise, das ist der Unterschied, geht es schneller, weil das Leben konzentrierter ist. Man sitzt, steht, geht und liegt rund um die Uhr beisammen, viele Tage lang. Wochen.

Und womit gewinnt die Liebe - unterwegs und zu Hause? Sie gewinnt immer und überall, wenn es Liebe ist. Und wenn es nicht Liebe ist, hat es nicht sein sollen. Fatalistisch? In der Liebe kann man nur fatalistisch sein. Sie ist der Fatalismus per Definition. Das andere Wort dafür ist Hingabe. Unter den Palmen, unter den Sternen, an den versteckten Brunnen der Basare werden wir weinen und lachen, wenn wir uns ihr hingegeben haben. Das ist besser, als einander totzuschlagen. Versprochen.

Nicht versprechen kann ich, dass jedes Hotel einen Fitnessraum hat. Das »Grand Hotel de Londres« in Istanbul hat zum Beispiel keinen. Aber es hat große Zimmer mit großen Fenstern zum Goldenen Horn, dem kleinen Meer inmitten der großen Stadt, und dahinter wartet die Skyline aus Moscheen darauf, dass endlich wieder Abend wird, weil ihren weißen Minaretten der blutrote Sonnenuntergang so gut steht. Und wir werden dazu an dem großen Tisch vor dem großen Fenster sitzen und reden, Karten spielen und trinken. Wenn es Liebe ist. Wenn nicht, werden wir dasselbe tun und weiter davon träumen, dass es irgendwann mit irgendwem möglich wird.

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