Columbia 17.06.2004, 19:53 Uhr 5 0

Feierabend

Der Ventilator surrte und der Luftzug an den Beinen versprach ...

... mehr Abkühlung als er einhalten konnte. Es war einfach zu heiß, um sich auf irgendwelche Projekte, Statistiken oder Notizen zu konzentrieren. Die Geräuschkulisse im Kopf, bestehend aus dem sanften Rotieren der Festplatte, den Fingern auf der Tastatur und dem Tröpfeln der Kaffeemaschine machte Lust auf Meer. Viel Meer.

Kollegen kamen und gingen wieder in Urlaub. Braungebrannt und mit exotischen Geschichten. Abgekämpft vom Familienstress und dankbar für die Rückkehr an den Schreibtisch. Verliebt und Sitzengelassen. Urlaub schien über Sein oder Nichtsein zu entscheiden. Jeder wünscht sich die freien Tage im Jahr. Und das, obwohl sie Geld, Zeit und Nerven kosten. Manchmal auch die Ehe. Selten nichts. Oft die Gesundheit.

Kein Paradies unter Palmen kann so schön sein wie das Dasein im Büro unter der Juccapalme. Aircondition inklusive. Lustvolles ablegen, erotische Kantinengespräche, heiße Protokolle und eiskalte Abrechnungen. Für jeden etwas dabei. Wer denkt da schon an den Robinson-Club?

Das Ticken im Kopf erscheint immer lauter und beschwörender. Der Blick schweift immer wieder zur Uhr. Eine Stunde kann sehr lang sein, vor allem wenn sie sich in den Feierabend zieht. Feierabend. Das klingt nach Party all the time. Feiern am Abend. Die Realität sieht anders aus. Stau. Im Parkhaus. Auf der Straße. Im Supermarkt. Auf dem Parkplatz. Vor dem Haus. Der Begriff Shopping macht das Einkaufen am Abend auch nicht reizvoller. Tour de Konsum. Einkaufen, um dann letztlich doch eine Pizza vom Italiener an der Ecke zu ordern. Inklusive Italiener, wenn es die Libido zuläßt. Und die Nerven.

Abgekämpft und wider jeder Werbung kein fröhlicher Single und keine Happy Family. In sekundenschnelle alles im Kühlschrank verstaut, die Schuhe in die Ecke gefeuert. Seufzend in die Couch gesunken. Titanicstimmung. Mit letzter Kraft wird durch die Kanäle gezappt. Visio und Audio übertreffen sich. Man kann und mag sich gar nicht zwischen all dem Müll entscheiden. Die Fernbedienung findet ihren eigenen Platz: Auf dem Fußboden, neben den Schuhen. So fühlt sich ein Feierabend an. Das Abendprogramm schon im Kopf: Duschen, die Blumen gießen, Banküberweisungen ausfüllen, Waschen, ein paar Blusen bügeln. Feierstimmung kommt da nicht auf. Am Abend.

Ein schrilles Läuten holt einem noch kurz vor dem Untergang von der Titanic runter. Die Eltern. Na? Ja. Und? Doch. Man sieht sich gar nicht mehr. Das schlechte Gewissen wird gepflegt.

Kurz vor Mitternacht werden die Lider schwerer, die Musik wiegt in den Schlaf. Der Tag ist vorbei. Die Stunden gezählt. Die Augen schließen und süße sechs Stunden nichts tun. Schlafen. Bis ein neues Surren an das Ohr dringt. Der Wecker.

5 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Der Alltag, den du da beschreibst, trifft auf einen großen Teil der westlichen Menschheit zu. Aber für mich bedeutet er nicht zwangsläufig Langeweile, auch wenn er zur Routine wird. Solange ich Zeit mit anderen Menschen verbringe, kommt mir auch die sinnloseste Beschäftigung ein bißchen sinnvoller vor.

    29.10.2004, 16:31 von Liane
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    Oh Gott, das ist so wahr! Genau so ist es! Danke!

    25.10.2004, 21:50 von prinzessin_of_chaos
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    Kommt mir verdammt bekannt vor :-) Ich weiß auch nicht, wie andere das machen, abend noch schnell hier und dahin. Bin froh und zufrieden, wenn ich 2x die Woche zum Sport gehe. Alles darüber hinaus schiebe ich auf's Wochenende und selbst da ist eine gewisse Zeit schon verplant für den allwöchentlichen Wahnsinn (Einkaufen, putzen, spülen...) Als Single wünsche ich mir so oft, dass jemand mir etwas abnimmt. Toll wäre z.B. wenn mein Freund ein Auto hätte, dann könnte man am Wochenende mal an die See oder auch ganz prakmatisch, er könnte mir Mineralwasser im Supermarkt kaufen gehen... so schleppe ich die Wasserflaschen am Samstag allein nach Hause und anstelle der See, wartet mein bester Freund, mein Bett auf mich.

    25.10.2004, 14:10 von dieElefantin
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    Eine schlichte, treffende, schön geschriebene Beschreibung dessen, was sich einschleicht, wenn man sie lässt:
    Die Monotonie des Alltages.
    Brich aus!

    Herzlichen Gruß
    Q.

    25.10.2004, 12:03 von Quergedacht
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      @Quergedacht ich hoffe deine tage sehen anders aus,w enn nicht: tu was!sofort!

      :)

      wie furchtbar!
      la rioja

      25.10.2004, 12:18 von rioja
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