Middleman 14.05.2013, 17:31 Uhr 0 4

Farben der Seele

Es war kein Gefühl, das mich zu dir zog, es war die Vorfreude auf ein Gefühl.

Eigentlich kenne ich dich nicht. Nicht wirklich. Vielleicht ist es gerade das, was mich so in deinen Bann zieht. Das Unbekannte, das Mysterium, all die wunderbaren Vorstellungen, die man sich von einem Menschen macht, bis die Realität den Reiz des Unbekannten mit Fakten ersetzt. Das muss nichts schlechtes sein, denn Jemanden wirklich zu kennen, mit all seinen Fehlern, Macken und kleinen liebenswerten Eigenheiten, ist ein befriedigendes und wertvolles Gefühl. Aber nichts ist so einnehmend wie dieser erste kleine Funke, die absolute und romantische Übersteigerung in unserer Fantasie. So geht es mir mit dir. Ich kann mich gut an den Abend erinnern als wir redeten bis die Sonne aufging und die Vögel anfingen ihre Lieder zu trällern. Ich weiß noch wie gespannt ich war, wie ich an deinen Lippen hing und jedes Wort aufsog, das du sagtest. Jeder Satz eine neue Farbe, die sich langsam auf die Leinwand meines Bildes von dir auftrug. Und mir gefiel das Bild, das sich da von selbst in meinem Kopf malte, die feinen, sanften Linien wenn du über deine Musik gesprochen hast und die heftigen, festen Pinselstriche, wenn du dich über die Ungerechtigkeit aufregtest, die du erfahren hast. Die vielen kleinen Farbnuancen, die deinen Charakter ausmachen, das strahlend helle deiner Freude und das tiefe Schwarz deiner Trauer. Aber mehr noch als alles andere freute ich mich, wenn ich über die weißen leeren Stellen blickte und mir vorstellte womit du sie füllen würdest.

 

Ich war nicht verliebt, dir nicht verfallen, wäre nicht für dich gestorben. Aber trotzdem gehörten ich und meine Gedanken dir. Es war kein Gefühl, das mich zu dir zog, es war die Vorfreude auf ein Gefühl. Der Gedanke an mehr. Ich wollte, dass du dich mit Worten vor mir ausziehst, bis ich alles an dir kenne. Ich wollte, dass du meine Leinwand füllst mit all den atemberaubenden Dingen, die ich noch nicht über dich wusste. Ich wollte, dass du dir ein Bild von mir machst und meine Freude teilst, es mit deinen eigenen Farben malst und mich kennst wie niemand sonst. Dass du nachts, wenn du allein bist, über die Oberfläche der getrockneten Farbe streichst und die Eigenheiten spürst, die nur ich habe. Ich wollte tausend dieser Nächte mit dir, und mir am Ende dein Bild ansehen, das nun mehr Farbe als Leere besitzt.

 

Dazu kam es nie. Vielleicht war es etwas, das ich sagte. Vielleicht war es auch ein anderer, der dir den Blick auf mich versperrte. Meine letzte Erinnerung an dich ist das Autodach, als ich versucht habe romantisch zu sein und dir die Kleinigkeiten zeigte, die ich über die Sterne wusste. Ich fühlte etwas in diesem Moment, doch er war schneller vorbei als er begann. Du hast nur geschwiegen und auf meinem Arm liegend in den Himmel geblickt. Ich habe mich gefragt was du denkst, was dich davon abhält wirklich mit mir hier zu sein. Dann war es vorbei. Du wolltest zurück auf die Party und ich bin dir durch die Dunkelheit gefolgt. Ich wusste in diesem Moment, dass du mir nie die Dinge zeigen würdest, die ich so unbedingt an dir sehen wollte. Ich nehme nicht sofort Abschied, warte auf ein Zeichen von dir und halte an meinem Bild fest in der Hoffnung du kommst zurück und malst es mit mir zu Ende. Aber du kommst nie zurück.

 

Ich stelle dein Bild nicht in mein Regal, zu den anderen von meinen Freunden und meiner Familie. Ich gehe die Reihe entlang und sehe all die unterschiedlichen Charaktere, all die Farben, all die Formen. Manche Bilder sind leerer als andere, Bilder von alten Freunden setzen Staub an und fangen an zu bröckeln. Dein Bild gehört nicht hier her. Deine Leinwand ist eine besondere, denn ich habe sie nur ein einziges Mal. Ich sehe mir dein Bild noch lange an, bis die Farben beginnen zu verblassen und es schließlich ganz verschwunden ist. Ich habe diese Leinwand nicht ohne Grund für dich ausgesucht und vielleicht hätte ich sie eines Tages, gefüllt mit dir, in meinem Herzen aufgehängt. Ich stelle mir vor wie dein kleines Bild von mir in einer Ecke deines Regales steht und langsam verstaubt, so wie es manche von meinen tun. Das ist in Ordnung, denn wenn es wirklich so ist wäre ich nie mit dir glücklich gewesen. Was mir bleibt ist eine schöne Erinnerung und die Gewissheit, dass mir die Farbe niemals ausgehen wird. 


Tags: farbe, liebe, Sehnsucht, Leinwand
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