justanotherpicture 30.11.-0001, 00:00 Uhr 43 52

Fake Plastic Trees

Wir sitzen auf deinem Bett und alles scheint wie immer. Bis auf diese undurchdringliche Wand aus Enttäuschung und zerstörten Erwartungen zwischen uns.

In der Hand hältst du deine Lieblingstasse, aus der kleine Wolken aus Dampf emporsteigen. Ich schätze, dass es grüner Tee ist, da dir deine innere Uhr gebietet, nach 16 Uhr keinen Kaffee mehr zu trinken. Auch mir hast du eine Tasse Tee angeboten, sie steht unangetastet auf der Fensterbank, neben dem Geschenk meiner Eltern, das ich dir von ihnen unbedingt übergeben sollte. Sie wissen noch von nichts. In der Ecke neben deinem alten Fernseher leuchtet der hässliche, kleine Plastik-Baum, den du wieder einmal liebevoll weihnachtlich dekoriert hast. Wie oft ich dich schon gebeten habe, das Ding endlich zu entsorgen. Erschöpft lasse ich mich neben dir aufs Bett fallen.

Der Wind peitscht Regentropfen ans Fenster, ein begnadeter Regisseur scheint schon seit Tagen ein Endzeit-Drama ohne absehbares Ende in den grauen Häuserschluchten der Stadt zu inszenieren. Als ob es draußen nicht schon dunkel genug wäre, hast du auch in deinem Zimmer auf Beleuchtung verzichtet, neben dem Baum erhellen nur ein paar Kerzen spärlich den Raum. Zur Abrundung der Inszenierung des Endzeit-Dramas in unseren Köpfen läuft auf deinem Laptop irgendein Track von Bright Eyes. Eigentlich ein romantisches Setting, Schmuddelwetter, dampfende Heißgetränke, Kerzenlicht, zwei Menschen, die nur wenige Zentimeter von einander entfernt auf dem Bett sitzen. Wie viele Abende haben wir schon gemeinsam hier verbracht, abgeschottet von der Welt, nur uns brauchend? Und doch fühlt es sich nun an, als trennten uns nicht nur wenige Zentimeter Bettdecke. Innerlich sind wir tausende Meter von einander entfernt, unermüdlich haben wir diese Distanz aufgebaut, unsere Herzen haben wir eingemauert, weggeschlossen und die Schlüssel weggeworfen. Heute feiern wir nicht wie alle anderen Weihnachten - wir zelebrieren die Bankrotterklärung unserer Beziehung.

Du siehst müde aus. Dein Haar glänzt, du warst heute sicher zu kraftlos, es zu waschen, dein Kopf ist gesenkt, wortlos blickst du in deine Tasse, als könne sie das Sprechen für dich übernehmen, wenn du sie nur lange genug anschaust.  

„In der Tüte ist ein DM-Gutschein von meinen Eltern“, eröffne ich das Gespräch, „dreißig Euro.“
„Danke. Sag ihnen danke von mir.“, erwiderst du, ohne aufzusehen.
„Wie geht es dir?“, frage ich dich und möchte mir im selben Moment die Zunge abbeißen. Du hebst tatsächlich den Blick und quittierst meine Frage mit ungläubigem Kopfschütteln.
„Warum bist du eigentlich hier?“, entgegnest du, während ich die Antwort auf meine Frage von deinen Augen ablesen kann.
„Ich… ich weiß nicht. Ich dachte mir, das wäre nur fair. So sollte es nicht enden.“
„Nein?“, sagst du und ich kann hören, wie Tränen in dir aufsteigen und dir die Stimme nehmen. „So soll es nicht enden? Wie denn dann? Es ist doch schon vorbei.“
Ich zucke mit den Schultern. Eine Bewegung, die so symptomatisch für unsere Beziehung geworden ist.
„Ich weiß es auch nicht. Ich denke mir nur, dass du es so nicht verdient hast. Dass wir es so nicht verdient haben. Dass wir in Ruhe vielleicht noch mal über alles reden können.“
Tränen fallen in deinen Tee und bilden konzentrische Kreise. Du schaust wieder in die Tasse und sitzt einfach nur stumm da und weinst dein lautlosen Weinen, das mir die Kehle zuschnürt. Ich versuche, meinem Gehirn den Befehl zu geben, den Arm um dich zu legen, scheitere aber an meinem Hochmut und der unsichtbaren Mauer zwischen uns.

So sitzen wir eine Weile da. Du wortlos, zusammengesunken und leicht zitternd, ich neben dir, den Blick auf den Boden gerichtet. Ich versuche, mir der Tragweite der Situation bewusst zu werden, finde in mir aber nichts als Leere. Schon seit Tagen wütet ein schwarzes Loch in meinem Inneren, es frisst meine Gedärme, meine Gefühle, meine Emotionen. Das Gefühl der Leere in mir wird plötzlich so übermächtig, dass ich Angst habe, mich aufzulösen und mit mir auch du, der Plastik-Weihnachtsbaum, die Teelichter, der Laptop, die Tassen, das Geschenk meiner Eltern, dein Zimmer, die Vorstadt und der Rest der Welt. Hier bei dir zu sein fühlt sich an, als versuchte ich, den Brand in mir mit Benzin zu löschen. Ruckartig stehe ich auf.

„Du gehst schon?“, fragst du mit tränenerstickter Stimme.
Ich muss mich konzentrieren und hoffe, dass das schwarze Loch noch einen Rest Stimmbänder übrig gelassen hat.
„Es war wohl eine dumme Idee, herzukommen“, stammele ich, „das macht alles nur noch schlimmer.“
Wieder hebst du den Kopf, schaffst es aber nicht, mir in die Augen zu schauen und starrst stattdessen durch mich hindurch.
„Wahrscheinlich.“
„Wir können aber auch reden.“, sage ich, um mich selbst zu ermutigen und mir nicht ganz so jämmerlich vorzukommen. Dabei habe ich das Gefühl, dass ein Großteil der Worte in mir schon unwiderruflich ausgelöscht ist.
„Ja. Nein.“, sagst du. „Bitte geh jetzt.“
Ich versuche, auf dich zuzugehen, weil ich gehört habe, dass sich Menschen unter solchen Umständen zum Abschied umarmen, doch meine Beine versagen den Dienst. Vermutlich hat das Loch im mir gerade temporär die Verbindung zum vegetativen Nervensystem gekappt. Bewegungslos verharre ich vor dir, der Moment scheint sich bis in die Unendlichkeit zu dehnen.

„Okay. Ich gehe dann jetzt.“, sagt plötzlich jemand im Raum mit meiner Stimme. Wie in Trance drehe ich mich um. In meinen Ohren rauscht es. Ich hebe meine Jacke von deinem billigen IKEA-Drehstuhl auf und verlasse den Raum, ohne mich noch einmal umzudrehen. Den Weg zur Haustür bin ich schon hunderte Male gegangen. Als ich die Tür öffne, bemerke ich, dass ich seit etwa einer Minute die Luft angehalten habe und atme tief ein. Kalte, feuchte Luft flutet meine Lungen, doch kann sie die Leere in mir nicht verdrängen. In deinem Briefkasten klemmt eine Postkarte mit der Aufschrift „Merry Christmas“. Ich ziehe sie heraus, falte sie zweimal in der Mitte und esse sie auf. Dann schluckt mich die regnerische Nacht.




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43 Antworten

Kommentare

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  • 0

    bisschen viel ikea aber toll und ergreifend geschrieben, wie immer =)

    16.01.2012, 15:28 von kiwicat
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  • 0

    Hallo.

    Lehne ich mich zu weit aus dem sprichtwörtlichen Fenster, wenn ich sehr feinen und zynischen Humor aus dieser kleinen Geschichte herauslese?

    Es gibt Stellen, da muss ich einfach heftig und laut lachen! :)


    12.01.2012, 14:41 von hihihimmel
    • 0

      Dieser Zynismus (wusstest du, dass der Begriff dem griechischen Ursprung nach übersetzt "Hündigkeit" bedeutet?) muss unterbewusst entstanden sein.

      12.01.2012, 14:50 von justanotherpicture
    • 0

      Nichts für ungut (Ja.).

      12.01.2012, 19:29 von hihihimmel
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  • 0

    "wir zelebrieren die Bankrotterklärung unserer Beziehung."


    super!

    11.01.2012, 10:02 von LondonAfterMidnight
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  • 0

    bin ich wenigstens nicht die Einzige, die den Irrwitz wählte sich Weihnachten zu trennen. Grandioser Text.

    09.01.2012, 20:01 von Fegefeuer
    • 0

      Danke. Wie, Trennung nach den Ewige-Liebe-Texten auf deinem Profil?

      09.01.2012, 20:17 von justanotherpicture
    • 0

      falsches Thema. :)


      09.01.2012, 20:18 von Fegefeuer
    • 0

      Verstehe! ^^

      09.01.2012, 20:21 von justanotherpicture
    • 0

      nur weil du es besser weißt, kannst du ja auch nicht jeder fünfjährigen erklären, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt ^^

      09.01.2012, 20:24 von Fegefeuer
    • 0

      Der Unterschied scheint mir aber zu sein, dass du selbst an den Weihnachtsmann geglaubt hast, um die Metapher nochmal zu bemühen.

      09.01.2012, 20:33 von justanotherpicture
    • 0

      ja Mann. An den Weihnachtsmann. Die Liebe und den Weltfrieden. Hak doch drauf rum, dann brauch ich´s wenigstens nicht selbst zu tun :)

      09.01.2012, 20:35 von Fegefeuer
    • 0

      Eigentlich entlarvend, dass 90 % aller Texte hier einen autobiographischen Hintergund haben. Aber nun gut, ich leg' den Finger nicht weiter in die viel zitierte Wunde...

      09.01.2012, 20:40 von justanotherpicture
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  • 0

    Einfach wunderbar!

    06.01.2012, 22:18 von violett84
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  • 0

    Wunderbar gut.

    02.01.2012, 22:35 von hamstershit
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  • 0

    Der Anfang ist mir zu ruhig. Ab Mitte Aufschwung am Hochreck. Da geht es aus sich raus.

    28.12.2011, 15:07 von Kokomiko
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    ich hadere auch beim zweiten mal lesen. dennoch sind mir die letzten drei sätze das herz wert.

    28.12.2011, 13:46 von mo_chroi
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 2

      Ich bin ja gespannt auf den Text, in dem sich dein lyrisches Ich von deinem Göttergatten in der herrschaftlichen Villa, begleitet von zerberstendem Ming-Porzellan und umgeworfenen Plasma-Fernsehern, trennt. Bis dahin beschäftige ich mich mit Umständen, die meine Generation betreffen.

      29.12.2011, 02:39 von justanotherpicture
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Kennt man irgendwie ...
    Gut geschildert und eigentlich schon alleine aufgrund des Titels mögeswert.

    28.12.2011, 11:32 von Mr_Magpie
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