Gedankentransparenz 11.06.2013, 20:42 Uhr 26 14

Ezechiel

Ich nehme alle Tabletten. Obwohl ich würgen muss reiße ich mich zusammen. Für Mama und Papa.

Bei starkem Regen können Engel nicht fliegen.

Wann immer ich in den letzten Monaten in der Wohnung gesessen habe und das triste Grau der Wohnsiedlung draußen betrachtete, suchte ich am Himmel nach einer undichten Stelle, durch die die Sonne durch den Regen hätte tropfen können. Ein Fass voll Licht, das sich durch ein kleines Loch auf die Erde ergießt. Ich stelle mir immer vor, dass dieses Licht das Signalfeuer für die Engel ist. Wenn ich nur lange genug in das Licht starren würde, ohne zu blinzeln, müssten meine Blicke eine unsichtbare Brücke schlagen, über die die Engel mich finden würden.

Doch sie kamen nicht. Für eine lange Zeit kamen sie nicht.

Meiner Mama hatte ich schon oft erklärt, warum ich die endlosen Regentage damit verbrachte aus dem Fester zu sehen. Wenn sie mich, auf der Fensterbank kniend und zitternd sah, griff sie nach der roten Steppdecke auf dem alten, samtig grünen Sofa und legte sie um meine schmalen Schultern. Die Kälte, die über das Glas der Scheibe ihren Weg in unser kleines Wohnzimmer suchte, konnte mir Dank meiner Mama nichts mehr anhaben. Als sie merkte, dass ich auch nach Wochen des Wartens nicht aufgab, kaufte sie mir auf einem Flohmarkt ein flaches aber weiches Kissen. In kleinen Stichen hatten geübte Hände ein weißes Kreuz auf den tiefblauen Stoff gestickt. Dieses Kissen sollte ich mir unter meine Knie legen, wenn ich meine Stunden auf der Fensterbank verbrachte.

Aber wenn sie das Zimmer verließ um das Essen zu machen oder um im Keller die Wäsche aufzuhängen, nahm ich das Kissen weg und streifte die Decke ab. Der Schmerz und die Kälte sollten die Engel anlocken, weil in der Schule ein Lehrer gesagt hatte, dass sie kommen, wenn jemand leidet. Und da ich nicht nur litt sondern auch noch ein Kind bin, musste die Wirkung sich dann doch verdoppeln. Es war mein Opfer für die Erlösung.

Irgendwann konnte meine Mama es nicht mehr ertragen mich dort zu sehen. Sie beugte sich hinab zu meinem Gesicht – sie ist eine große und so hübsche Mama – und strich mir mit einer Bewegung, deren Anlass wahrhaftige und bedingungslose Liebe war, die dunklen Locken aus meinem Gesicht. Wenn ich mir einen Engel vorstelle, denke ich, dass er wie Mama aussehen muss. Aber in einem weißen Kleid mit großen Flügeln und strahlen wie Sonnenlicht, dass auf weißen, unberührten Schnee fällt. „Mein Liebling, ich glaube ich habe einmal gehört, dass Engel nicht fliegen können wenn es regnet.“


Also fing ich an, auch bei gutem Wetter nach den Engeln Ausschau zu halten. Ich saß dort, wenn die Sonne durch die Scheibe auf meiner Haut brannte und der Schweiß meinen Rücken runter lief und mich kitzelte, wenn die anderen Kinder draußen spielten und der Eiswagen mit seiner fröhlichen Musik vorbeifuhr. An einem besonders heißen Tag rief sie mich. „Thomas, ich habe dir ein Eis mitgebracht!“ Die Entschlossenheit eines 10-jährigen Kindes kann noch so groß sein, zu einem Eis im Hochsommer, nach stundenlangem Knien auf einer steinernen Fensterbank, konnte ich nicht nein sagen. Meine Mutter schenkte mir ein strahlendes Lächeln, während ich mich auf den weißen Plastikstuhl in der Küche setzte und den bunten Pappbecher zu mir zog.


BUFF!


Erschrocken hielt ich inne. Dann sprang ich vom Stuhl und rannte in Richtung des dumpfen Knalls der noch immer in meinen Ohren schallte. Im Wohnzimmer blickte ich sofort zu meinem Fenster. Eine Schmiere aus Blut und anderem Zeug bedeckte die Mitte der Scheibe. Federn klebten an der Blutschmiere und flatterten in der lauen Sommerluft. Ich kletterte auf die Fensterbank und drückte meine Hände gegen den dunklen Fleck. Dann betrachtete ich meine Handinnenflächen und glaubte, sie müssten nun mit Blut bedeckt sein. Ich fing an zu weinen. Verzweiflung und Angst trieben die Tränen aus meinen Augen sodass ich glaubte, in mir müsste es eine undichte Stelle geben. Meine Mama nahm mich in den Arm. „Sei nicht traurig mein Liebling, im Sommer passiert es öfter, dass Vögel gegen die Scheibe fliegen!“ Sie schaukelte mich in ihren Armen, doch durch all ihre Mutterliebe konnte sie mich nicht verstehen. Sie stand wie eine Mauer aus rosafarbener Zuckerwatte zwischen uns. Ich habe die Brücke einstürzen lassen, die Verbindung gekappt. Der Engel auf den ich die ganze Zeit gewartet habe, war auf dem Weg zu mir. Aber ich habe ihn im Stich gelassen weil ich ein Eis essen wollte. „Ich habe den Engel getötet. Er ist wegen mir gekommen und ich habe ihn getötet!“ Meine Mama, die mich nicht verstand, drückte mich an sich und ich glaube, sie wusste nicht was sie sagen sollte.

Ich bin wach, weil mein schlechtes Gewissen mich nicht schlafen lässt. Die Angst frisst mich von innen, die Dunkelheit liegt wie eine Plane über mir und ich kann nicht richtig atmen. Ich muss in den Himmel, muss alles erklären und mich entschuldigen. Ich gehe ins Badezimmer. Das Licht ist so kalt wie die Fliesen, auf denen ich mit nackten Füßen stehe. Den Teppich hat Mama heute morgen gewaschen und zum Trocknen aufgehängt. Der Spiegel über dem Waschbecken lässt sich aufklappen. Dahinter stehen Zahnpasta, Mamas Schminke und viele verschiedene Plastikdosen mit bunten Pillen. Ein paar davon sind für mich, weil Mama sagt, dass ich im Kopf schon zu erwachsen bin. Sie sollen mir helfen ein Kind zu bleiben. Ein paar sind für Mama. Sie nimmt sie, weil sie manchmal nicht so gut schlafen kann. Weil sie immer an Papa denken muss. Ich werde ihn von ihr Grüßen und ihm einen Kuss geben, wenn ich ihn gleich sehe und ihn abhole. Ich nehme alle Pillen und gehe wieder in mein dunkles Zimmer. Die kleine Lampe in der Steckdose leuchtet hell genug, damit ich alles sehen kann. Ich schütte die Pillen auf einen Haufen und greife nach dem Glas Wasser, das Mama immer für mich neben das Bett stellt. Meine Tante hat damals auch viele Tabletten geschluckt und Mama hat erklärt, dass sie das getan hatte, weil sie so gerne zu den Engeln wollte.

Ich nehme alle Tabletten. Obwohl ich würgen muss reiße ich mich zusammen. Für Mama und Papa. Ich muss den Engeln sagen, dass sie ihn wieder zurück bringen müssen und mich gleich mit. Das Licht aus der Steckdose wird heller und ich kann nicht mehr richtig sehen. Da, am Fenster! Ein helles Licht! Ganz warm und hell! Die Engel kommen.

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26 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Danke für die Kritik :) Ich werde mich noch mal an die Geschichte setzen und daran arbeiten!

    14.06.2013, 23:09 von Gedankentransparenz
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  • 0

    gut geschrieben. nur "thomas" hat für mich unruhe in den text gebracht.

    13.06.2013, 12:33 von SADandBEAUTIFUL
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  • 0

    Es ist nicht schlecht geschrieben.

    Aber leider inhaltlich überhaupt nicht mein Fall.

    Ich mag die Kinderperspektive nicht, finde sie auch stellenweise nicht authentisch.

    Insgesamt ist das mir zu arg auf Wirkung gequält. Deshalb lässt mich der Text auch völlig kalt.

    12.06.2013, 12:24 von Pixie_Destructo
    • 0

      Ich habe mich gefragt wie realistisch das für einen 10 jährigen ist....und welche Tabletten er gegen das Erwachsensein bekommen haben soll...oder ist das ne Metapher??
       Das magische Denken hingegen und dieses schnelle Gefühl Schuld an Geschehnissen zu haben finde ich allerdings schon typisch.

      12.06.2013, 12:35 von yuhi
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  • 1

    Ab dem Wort "Engel" war bei mir Sense....

    12.06.2013, 11:03 von yuhi
    • 1

      ich würde mal behaupten, weiterlesen lohnt sich.

      12.06.2013, 11:23 von nnoaa
    • 0

      Ich krieg Zustände bei so Engelkram, echt. :)

      12.06.2013, 11:28 von yuhi
    • 0

      ich doch auch. :)
      und siehe unten, anderen gings genauso wie dir.
      trau dich! trau dich!

      12.06.2013, 11:33 von nnoaa
    • 1

      Du hattest recht!

      12.06.2013, 11:33 von yuhi
    • 0

      Huch gleichzeitig. Ich habe deinen Rat befolgt. Erinnert mich im weitesten Sinne (thematisch) an Mio mein Mio.
      Die innere Kinderwelt ist sehr gut beschrieben.

      12.06.2013, 11:35 von yuhi
    • 1

      In der Geschichte hätte die Mutter dem Kind die Warterei meiner Meinung nach dadurch ersparen können, dass sie sich eine Geschichte ausdenkt, beispielsweise, dass Engel für Menschen unsichtbar sind.  Ob allerdings die Depressionen des Kindes und die Tabletten dagegen überflüssig geworden wären, ist zweifelhaft. 

      Ähm, bei  dem Begriff ' Engel' machst Du dicht ? Warum ?

      12.06.2013, 15:12 von Cyro
    • 0

      gute Idee! Ich fand die Mutter auch etwas hilflos oder passiv. Einem Kind gibt man keine Medikamente gegen Depression... und sie waren ja auch wirkungslos hat man den Eindruck
      (naja wir spekulieren :D)

      ja. weil ich nicht religiös bin und mir das in Geschichten auch zu kitschig ist.

      13.06.2013, 00:11 von yuhi
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  • 1

    Schön geschrieben Kitsch nennt man Schwulst, oder? Insofern Geschmackssache, meins isses nicht.

    12.06.2013, 10:37 von EliasRafael
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  • 0

    Gänsehaut.
    Hätte mich der laute Knall der Schreibtischschublade meiner Kollegin nicht zurück geholt, wäre ich in Gedanken wohl immer noch in dem Text verloren.

    12.06.2013, 10:29 von Buttercup12
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  • 0

    zum Glück hat mich der erste Satz nicht vom Lesen abgeschreckt, ich finde Engel-Texte nämlich grundsätzlich problematisch, aber das hier ist wirklich gut geschrieben.

    12.06.2013, 10:28 von derWaschbaer
    • 0

      Geboren um zu lesen.

      12.06.2013, 10:39 von EliasRafael
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      es ist manchmal echt zum Kotzen.

      12.06.2013, 10:48 von derWaschbaer
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      Halte durch!

      12.06.2013, 10:49 von EliasRafael
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      gehts hier um mich?

      12.06.2013, 10:51 von derWaschbaer
    • 1

      Ist doch keine Egoshow, hier, fands nur klasse zu sehen, wie sich jemand selbst überwindet nach so einem ersten Satz. Ging mir auch ein bisschen so.

      12.06.2013, 10:54 von EliasRafael
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  • 1

    Traurig und schön geschrieben. Aber "Thomas, ich habe Dir ein Eis mitgebracht" irritiert mich.  Bis zu dem Satz sah ich ein weibliches Wesen vor mir gesehen, das da auf der Fensterbank kniet. 

    12.06.2013, 07:23 von Cyro
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      Es bleibt auch so für mich, das Verhalten gesamt passt in meinen Augen eher zu einer weiblichen Person, bis hin zum Tod durch Tabletten. Einem männlichen Protagonisten hätte ich andere Reaktionen als stundenlanges Starren aus dem Fenster und Tod durch Tabletten unterstellt. Nicht, dass er keine Depressionen nach dem Tod des Vaters bekommen hätte oder dass er ich nicht umbringt, alles ist möglich,  aber die Details wären vermutlich andere gewesen.

      Nein, ich vermute, dass da eigentlich ein weiblicher Name hingehört.

      12.06.2013, 15:27 von Cyro
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  • 0

    ich mag diesen gruseligen Text

    12.06.2013, 01:13 von SteveStitches
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