wicked-thing 30.01.2007, 23:04 Uhr 1 2

Etwas Besonderes

Sie wusste nicht, wie der Abend enden würde als sie zu ihm fuhr, aber sie ahnte es. Zumindest irgendwo tief in ihrem Inneren.

Nach stundenlangen Gesprächen bis drei Uhr früh über alle Dinge, die man bei einem „ersten Date“ normalerweise tunlichst meidet, liegen sie innig umarmt und sich immer fordernder küssend auf seinem Sofa. Seine letzten Versuche vernünftig zu sein, wehrt sie ab. Dass das wahrscheinlich keine so gute Idee sei, dass sie in der gleichen Kneipe arbeiten, dass ihn der Ausgang des Abends überrasche, dass er kein Beziehungsmensch sei…
Die langen Gespräche werden später in seinem Bett fortgeführt. Und jetzt schon sagt er Dinge, die in ihrer Aussage dem vorher widersprechen: „Deine Augen können sich wohl für keine Farbe entscheiden, deine Ohren sind so klein, dein Herzschlag so unregelmäßig. Du riechst so gut. Du musst wohl mit aller Macht etwas Besonderes sein. Bleib heute Nacht hier.“ Kleinigkeiten, die er bemerkt, die er sagt. Die man nicht ohne Grund sagt, oder?
Am Morgen geht sie früh, er bleibt liegen. Zum Abschied fragt er sie, ob sie sich noch vor Freitag, vor der Arbeit, sehen würden. Sie lächelt nur milde, sagte „Ja.“ und geht ohne sich noch einmal umzusehen.
Sie hatte nie Schwierigkeiten mit Männern, bis auf dieses eine Mal. Damals hatte sie gelernt, ihre Gefühle zu kontrollieren: Gefühle erst zulassen, wenn sie es wollte. Sie war es gewohnt, dass Männer sie erst unterschätzten, sich dann in sie verliebten und sie die Männer dann verletzte.
Und auch dieses Mal hat sie das Gefühl, dass es so laufen würde.
Als er sich am Donnerstagabend meldet, hatte sie schon etwas vor. Freitagnacht nach der Arbeit bietet sie an, ihn nach Hause zu fahren und er nimmt an.
Vor seiner Wohnung angekommen fragt sie ihn, ob er sie nicht hineinbeten will. Er versucht wieder vernünftig zu sein. „Wird das zu Regelmäßigkeit? Bleibt diese Sache zwischen uns Beiden, sie geht nur uns etwas an. Was erhoffst du dir davon?“ Sie antwortet nur kurz „Es bleibt unter uns und ich erhoffe mir nichts.“. Und schon damals beschleicht sie eine erste Ahnung, dass es dieses Mal vielleicht nicht ganz so gelaufen war, wie sie es gewohnt war.
Er bittet sie in seine Wohnung, sie schlafen wieder miteinander und wieder widerspricht er den rationalen und gefühlskalten Worten von vorher: „Das muss aufhören, es ist Wahnsinn. Ich genieße die Zeit mit dir, aber es geht nicht. Entweder es hört auf oder wir bauen eine Beziehung zwischen uns auf.“. Sie reagiert nicht darauf. Als sie ihn später fragt, wie er sie einschätzt, verstärkt sich ihr Verdacht, dass diesmal alles anders war. Er durchschaut sie und ihre rationale Fassade, er sagt er glaubt sie habe nur Angst. Niemand hat so etwas bisher zu ihr gesagt. Aber sie fängt sich schnell, lässt seine Worte nicht an sich ran. Lässt keine Gedanken und keine Gefühle zu.
Am Sonntag fährt sie wieder zu ihm. Er ist nüchtern und bestimmend. Sagt, er braucht Zeit. Sagt ihr, dass es aufhören muss und dass sie nicht mehr miteinander schlafen können. Dass er sie in Zukunft bitten muss, Zuhause zu schlafen. Er im Moment selbst nicht weiß, was er will. Ihr bleibt nichts anderes, als es zu akzeptieren.
Am Mittwoch ist sie wieder bei ihm. Er lege sich neben sie auf das Sofa und küsst sie. Er weiß, sie wird in einer halben Stunde wieder fahren, so dass nicht mehr passieren kann zwischen ihnen.
Sie merkt, dass er beginnt die Oberhand zu gewinnen und sie die Kontrolle zunehmend verliert, weil sie es zu sehr genießt.
Am Freitag treffen sie sich wieder bei ihm und schlafen miteinander. Danach reden sie die ganze Nacht. Am nächsten Tag stehen sie um drei Uhr nachmittags auf und frühstücken gemeinsam. Um fünf fährt sie schließlich nach Hause. Sie hat endgültig die Kontrolle verloren, bemüht sich nur noch die Fassade aufrecht zu erhalten und sich nichts anmerken zu lassen.
Am Abend arbeiteten sie wieder gemeinsam. Danach fährt sie ihn nach Hause. Er bittet sie nicht hinein. Er sagt, es muss endgültig vorbei sein. Er wisse nicht, was sie sich erwarte, aber er wird sich nicht in sie verlieben. Er redet von einer Anderen. Er und E****, das ist mehr. Er hat Gefühle für E****. Er kennt sie schon länger, sie hat auch Gefühle für ihn, sie wissen nur nicht ob sie eine Beziehung auf die Reihe bekommen, aber sie wollen es versuchen. Sie gibt sich gefasst, sagt ihm sie empfinde nichts für ihn, belügt sich selbst. Akzeptiert ein Freundschaftsangebot, hält die Fassade aufrecht.
Nur immer die Fassade aufrechterhalten, die Gefühle nicht zulassen, das ist das Einzige was sie jetzt tun kann.
Bei den nächsten Treffen reden sie nur. Einmal küsst er sie zum Abschied flüchtig auf den Mund. Einmal kuscheln sie nur in Unterwäsche in seinem Bett ohne sich zu küssen.
Sie erträgt das alles. Gibt sich nur gefasst, hält mit aller Macht die Fassade aufrecht, nimmt was er bereit ist ihr zu geben, verdrängt ihr schlechtes Gewissen gegenüber E****, verdrängt es, dass er sie nur benutzt um seine Grenzen auszuloten.
Aber wenn sie Zuhause ist, in ihrem Bett liegt und alleine ist, dann fragt sie sich was passiert wäre, wenn sie es anders angegangen wären. Wenn sie nicht schon am ersten Abend miteinander geschlafen hätten. Sie sich nicht ohne jegliche Vernunft in diese unglaublich verrückten und intensiven zwei Wochen gestürzt hätten. Sie nicht ihre Gefühle unterdrückt hätte, etwas weniger rational gewesen wäre. Hätte er E**** dann vergessen?
Dann keimt im Schutz der Nacht und der Dunkelheit ein winziger Funken Hoffnung in ihr auf: Vielleicht vergisst er sie irgendwann doch. Vielleicht wird er scheitern mit E**** und sich wieder ihr zuwendenden, wenn sie nur stark genug ist, ihn jetzt nicht bedrängt, geduldig ist. So lang dieser Funken Hoffnung besteht, kann sie ihre Gefühle weder zulassen, noch verarbeiten. Sie lebt tagsüber die Abgeklärte und gibt sich nachts ihrer Fantasie hin.

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Kommentare

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    auch ein mensch, mit dem man sex hat, kann ein besonderer mensch sein. spätestens wenn man den satz hört "ich bin beziehungsunfähig", weiß man, das wird nie was. und dass gefühle später noch aufkeimen ist unwahrscheinlich, ausser dem gefühl der gewohnheit.

    31.01.2007, 12:41 von zett
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