GoettinUndHeldin 25.01.2013, 17:44 Uhr 5 16

Es war ein Sonntag

Für M. Numero 5

Der Tag, an dem du mich verlassen hast, war ein Sonntag. Februar. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, ob es kalt war, ob Schnee lag, ob ich gefroren habe. Du hattest mir am Samstag noch auf die Mailbox gesprochen. Ich konnte nicht wissen, dass es deine letzten Sätze sein würden. Deine letzten Sätze zu mir. 

Sonntag also. Ich war unterwegs, in der Stadt, mit Freunden. Ich weiß nicht mehr, was ich gemacht habe. Kaffee getrunken? Witze gemacht, gelacht? Einen schönen Morgen gehabt? Will es überhaupt nicht wissen.

Mein Handy war auf lautlos, und weil wir damals noch keine Smartphones hatten und nicht ständig die neuesten Neuigkeiten checken mussten, war ich nicht erreichbar, habe die Anrufe nicht gehört. Die von Moritz, die von deinem großen Bruder, deiner Mutter.

Ich habe nichts geahnt. Es ging dir seit drei Wochen wieder besser, "Es geht bergauf!", sagten die Ärzte, die Therapie schlage an, laufe gut. Du würdest das schaffen, du seist jung, haben sie gesagt. Wir waren glücklich. Natürlich, wir haben uns jeden Tag an den schmalen Strohhalm der Hoffnung geklammert, dass die Medizin ja jeden Tag weiterkommt und man bestimmt bald ein Mittel gegen AIDS findet, ein richtiges, eines, das heilt. Solange schaffen wir das, haben wir gesagt. Und du hast immer genickt, wenn wir das gesagt haben. Wir schaffen das, ja. Wir sind Kämpfer.

Heute begreife ich, dass ich zu spät bemerkt habe, das du nicht mehr mitkämpfst. Dass nur noch wir kämpfen. Einen vergeblichen Kampf. Einen Kampf um dich, den du schon längst aufgegeben hattest. Wir konnten gar nicht gewinnen.  Nicht mehr.

Aber du hast nichts gesagt. Hast uns weiterkämpfen lassen. Ich war wütend, deshalb. Auf dich, auf mich. Heute verstehe ich, dass du den Abschied nicht Realität werden lassen konntest, das wäre nicht gegangen. Ich hätte nicht zugelassen, dass du gehst. L. hat mir das gesagt. Und ich denke, sie hat recht.
Du hast diese Entscheidung für dich getroffen und sie fiel dir sicher nicht leicht. Es tut mir leid, dass ich dir so oft vorgeworfen habe, in Gedanken, dass du mich zurücklässt. Aber ich habe mich gefragt, ob ich, ob wir denn nicht Grund genug waren, zu bleiben, verstehst du? 

Sonntag also. Ich mochte Sonntage. Aber das war kein Sonntag. Das war ein Todestag.
Viel ist gestorben an diesem Tag, viel Glauben, viel Hoffnung. Viele Seelen, vielleicht die Kinder in uns.
Und du bist gegangen. Einfach nicht mehr aufgewacht, einfach aufgehört, zu atmen. Zu leben.

Moritz ist durch die Stadt gelaufen, um mich zu finden. Meine Eltern hatten ihm gesagt, dass ich weg bin, und die Anrufe hatten mich ja nicht erreicht. Er hat überall nach mir gesucht, bis er mich schließlich fand.

Königstraße. In meiner Erinnerung war es leer um mich herum, als Moritz auf mich zulief. Keine Farbe in seinem Gesicht, seine sonst strahlend blauen Augen waren seltsam leer, als habe er weinen wollen und es nicht gekonnt.

Als er vor mir stand, wusste ich es. Ich wusste, dass du tot bist. Ich wusste es. In diesem Moment wusste ich es. Er hat nur deinen Namen gesagt, versucht, mich zu umarmen. Das war's. Ich wusste Bescheid. Ich habe nichts gedacht. Wirklich nichts. Ich habe nichts gefühlt. Obwohl da Schmerz war, als hätte jemand etwas aus mir herausgerissen. Brutal. Aber ich habe einfach so getan, als wäre er nicht da, der Schmerz. Ich bin stehengeblieben, konnte nicht mehr weiterlaufen. In diesem Moment drohte für einen kurzen Augenblick alles über mir einzustürzen. Aber ich beschloss, kalt zu sein. Mein Gehirn beschloss das. Wie ein Roboter. Einen Schritt vor den anderen setzen. Satzfetzen. Moritz, der mit mir spricht. "Einfach nicht mehr aufgewacht..", "Keine Schmerzen..." und "Tabletten seit mindestens einem Monat nicht mehr genommen..", "dich immer geliebt, Fine.".

Ich konnte nicht zuhören. Ich musste mich konzentrieren, meine ganze Kraft zusammennehmen, um Laufen zu können. Moritz neben mir, seine Art, damit umzugehen war zu reden. Hauptsache nicht nichts sagen. Irgendwann war er still.

Ich weiß nicht mehr, wie wir es zu dir geschafft haben. Zu dir. Zu dir nach Hause. Es sind nur einzelne Bilder in meinem Kopf, die durcheinander wirbeln, aufeinander liegen. Vielleicht, weil es zuviel wäre, um es auf einmal zu ertragen. 

Deine Mutter, auch sie ohne Farbe. Deine kleinen Geschwister, weinend, ohne zu verstehen. Du warst schon weg. Wir waren zu spät. Ich war zu spät. Dein Zimmer, leer. Aber wie immer, Fotos von uns an der Wand, Jalousien. Wieder deine Mutter, spricht zu mir. Ich höre nichts. 

Plötzlich Moritz, ich soll Cristiano und Geraldo anrufen, sagt er. Ob ich das kann, fragt er. Ich sage nichts, wähle die Nummer, abwesend, mechanisch. Merke, ich kann das nicht, aber muss.
An diesem Tag waren wir alle gleich. Die beiden verstehen, als sie meine Stimme hören, als ich deinen Namen sage. Sie kommen. Sofort.

Wir alle vereint. Vor deiner Haustür. Drinnen ist wie Gefängnis, als fehlte einem die Luft zum atmen, als fehlte einem das Leben. 

Wir stehen da, stumm. Keine Geräusche. Nichts. Autos fahren vorbei. Das war der Moment, in dem ich begonnen habe, alles zu hassen. Dich. Mich. Diese Autos. Unser Schweigen. Unsere verdammte Unfähigkeit, irgendetwas zu tun, irgendetwas zu sagen. Dass wir es nicht geschafft haben, dich zu halten, dir Kraft zu geben und Zukunft. 
Hass. Einfach nur Hass. Kein emotionaler Hass, verstehst du? Ein kalter Hass. Es war Hass auf das Leben, auf alles, was lebt, alles was weiterlebt.

Ich wollte schreien, wie ein paar Tage später auf deiner Beerdigung auch. Und noch sehr viel öfter. Und als hätten wir alle dasselbe gedacht, sprengte Cristiano plötzlich unser Schweigen und kickte mit seinen Füßen gegen den Stromkasten neben deinem Haus. Trommelte mit seinen Fäusten darauf. Warf sich dagegen. Es war absurd, aber  so gewaltig, so absolut, dass wir uns nicht rührten. Diese Gewalt sprach aus, was in uns allen vorging. Verzweiflung. Brutal, brachial. Nicht wissen, wie es weitergeht und ob wir überhaupt wollen, dass es weitergeht. Ich kann diesen Vorgang bis heute nicht genau beschreiben, aber es muss merkwürdig ausgesehen haben, wie wir da standen, in einem schweigenden Kreis, während einer von uns den Stromkasten verprügelte. Als Cristiano nicht mehr aufhörte, hat Geraldo ihn weggezogen, auf seinen großen Bruder eingeredet. Cristiano aber sah mich an, mit starrem Blick. Ich weiß nicht, was es war, das in seinen Augen. Aber ich hatte Angst. Ich war seine Freundin. Ich hätte irgendetwas tun, irgendetwas sagen müssen. Aber ich tat nichts, sagte nichts. Er hatte seinen besten Freund verloren, verdammt. Aber ich doch auch, ich doch auch. Roboter. Du warst mir entglitten und nun entglitten mir auch die anderen Menschen, die ich liebte. Er schrie uns an. Dann mich. "Du hast ihn doch geliebt, verdammt. Du hast ihn doch geliebt. Gib es zu, wenigstens jetzt. Sag es einfach, komm, Fine, sag es. Und er dich auch. Arschloch. Er ist so ein Arschloch! Ich hasse euch!". Ich werde diese Worte nie vergessen. Sie waren wahr. Es war alles egal. Ich habe nur genickt. Ich hasse mich auch, habe ich gedacht. Ich würde mich auch hassen.

Geraldo hat meine Hand kurz gedrückt, dann hat er Cristiano am Arm gepackt. "Wir gehen jetzt.", sagte er. Cristiano drehte sich noch einmal um, die ganze Spannung war aus seinem Körper gewichen, als hätte er sich ergeben. "Es tut mir Leid", sagten seine nicht mehr starren Augen. Ich nickte wieder, als könnte ich nichts anderes mehr tun. Es tut mir Leid. Was für ein Satz. Was für Worte. Mir auch. Auch mir tut es Leid.

Ich bin nach Hause gelaufen. Am Feuersee vorbei. Keinen Blick zu unserer Bank. Nie wieder, schwor ich mir. Nie wieder gehe ich zu unserer Bank. Habe es auch Jahre nicht getan, lange dafür gebraucht. M+F ist noch da. Nur wir nicht. Nicht mehr unsere Bank, nein.

Bin nach Hause gelaufen, blind und taub. Ich weiß nicht, wie ich das geschafft habe, ob mir Menschen begegnet sind. Ich war mir ausgeliefert, der Leere, die anfing, sich auszubreiten. Schlimmer als in diesen Stunden war es nie, außer bei deiner Beerdigung. Aber nie war der Schmerz unmittelbarer, nie meine Unfähigkeit, ihn zu ertragen, ihn zu fühlen, zuzulassen, klarer.

Schon da wollte ich sterben. Ich dachte, dass es jetzt für immer so bleiben würde. Mein Leben hatte keinen Sinn mehr. Ich akzeptierte nicht, dass du tot bist. Ich wusste es nur. Ich hasste mein Zuhause, mein Zimmer, meine Familie, all die Menschen, die nur helfen wollten. Ich hatte aufgehört, zu sprechen. Nur das Nötigste. Ich hatte aufgehört, zu essen. Nur das Nötigste. Ich hatte aufgehört, zu trinken. Nur das Nötigste. Meine Eltern krank vor Sorge und ich blind für die Liebe.

Ich sah nur den Abgrund. Und meinen Wunsch, dir zu folgen.

Das war der Sonntag, an dem du mich verlassen hast. Auch dieser Tag hat sein Ende gefunden. Ich weiß nicht mehr, wie, ich glaube, ich habe nicht geschlafen in dieser Nacht, dieser ersten Nacht ohne dich.

Und zum ersten Mal fehlen mir die Worte. Während ich das hier schreibe, merke ich, dass unsere Sprache keine Worte hat, keine Sätze, die gewaltig, brachial genug wären für solche Gefühle, die keine Gefühle sind, mehr Splitter oder Scherben, die in deinem Kopf herumfliegen. Mauern, die dein Herz erkalten lassen. Mir fehlen die Worte, diesen Tag zu beschreiben. Zum ersten Mal, seit ich über und an dich schreibe, weiß ich, dass das vielleicht alles ist, was ich dazu jemals sagen, jemals schreiben kann. Ich habe das noch nie jemandem so schonungslos erzählt, nicht einmal mir selbst. Und noch immer fehlen Teile im Mosaik dieses Sonntages.

Ich war nicht mehr ich selbst. Das fasst es noch am ehesten, macht es greifbar.

Aber vielleicht reicht das ja auch. Denn für niemanden wird dieser Tag schmerzhafter gewesen sein, als für dich.

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5 Antworten

Kommentare

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    einfach sprachlos...man fühlt jedes Wort.

    09.02.2013, 21:27 von Sanne19
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  • 2

    Sehr eindringliche Emotionen, die ankommen.

    27.01.2013, 17:06 von topfbluemchen
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  • 1

    Ufff.

    27.01.2013, 15:31 von cosmokatze
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    Wow. Ich bin sprachlos.

    26.01.2013, 11:28 von Assoziation
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  • 1

    Gänsehaut!

    25.01.2013, 20:16 von jeritiana
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