Es war April
Es war April als er plötzlich ging. Für immer...
Und jetzt bin ich hier, wo ich nicht mehr sein will. Damals glänzte hier alles in verführerisch melancholischem Sonnenschein. Wir waren oft hier. Ohne Grund, doch unser Dasein war Grund genug. Jetzt will ich nicht mehr hier sein, nie hier gewesen sein, denn damals ist zu nah, als dass das Fleisch schon taub geworden wäre, um den Schmerz zu missachten.
Es ist eng auf der Tanzfläche. So fühlte ich mich dort immer am wohlsten, am unbeobachtesten. Heute ist es mir egal. Unter meinem Schuh kleben Kippen. Es hatte mich immer furchtbar gestört. Heute merke ich es nicht einmal. Das Licht flackert unrhythmisch. So, dass es leicht aus dem Takt bringt. Heute haben wir uns schon genug aus dem Takt gebracht. Wir treten vor die Tür. Heute Nachmittag hat es noch geregnet, jetzt ist es so warm, dass auf den Bänken kein Platz mehr für uns ist. Sonst hätte ich mich vielleicht geärgert. Heute ist es uns egal. Die Welt hat so viel Platz für uns, dass wir fast platzen.
Jetzt kann ich nicht mehr platzen. Leere kann nicht platzen, sie frisst sich nur in mich hinein, frisst alles auf, was du damals nicht in Sicherheit bringen, vor ihr retten konntest. Die Leere in mir ist so unerträglich. Erdrückt mich, obwohl sie nichts sein sollte.
Die schöne Ausgehzeit hat endlich wieder begonnen. Die Zeit des Jahres in der man auf dem Weg nach Hause schon wieder die Sonne aufgehen sehen kann. Die Zeit, in der man hier aus unerfindlichem Grund glücklich ist. Die Zeit, in der die allgemeine Heiterkeit ihre Maxime findet. Doch heute ist diese Zeit anders. Die Allgemeine Heiterkeit bleibt uns verborgen. Wir haben unsere Heiterkeit, die nicht schallend lachen muss. Bloß lächelt, das reicht. Wir haben unsere Glückseligkeit, die alles in goldenes Licht taucht. Ein Licht, das immer heller wird. Ein Licht das so grell wird, dass es alles um uns für uns unsichtbar wird, so grell, dass alles verschwindet.
Wir gehen raus. Das Licht bei der Garderobe blendet einen kurzen Augenblick, bis man sich daran gewöhnt hat. Wir wollen uns auf den Weg machen, doch die Anderen sind so aufgedreht, dass sie uns überreden wollen noch ein wenig mit ihnen zu bleiben. So gehen wir alleine. Gehen, ohne uns zu verabschieden.
Nun bist du gegangen ohne dich zu verabschieden. Hast dich kein einziges Mal mehr umgedreht um mir noch ein leises Aufwiedersehen zu schenken. Kein einziges kleines Winken, kein einziger Blick von dir.
Wir fahren die noch leeren Straßen entlang. Die Fenster offen dringt der Geruch des nachmittaglichen Regens, der noch dezent in der Luft liegt, zu uns herein. Der Geruch eines verirrten Sommerregens. Ein Regen der viel zu früh dran ist in diesem Jahr. Du hast ein Mixtape im Rekorder. Der letzte Ton eines mir unbekannten Liedes klingt aus. Dann kommen The Smith. Du drehst lauter. „…and if a double-deckerbus crashes into us to die by your side is such a heavenly way to die...”, singt Morrissey.Stiehlt die Worte von unserer Zunge. Singt es wie aus unserem Munde. Singt es, als wäre es einzig und allein für uns beide geschrieben.
Nun hat der Doppeldeckerbus nur dich allein mitgenommen. Du bist einfach eingestiegen ohne auf mich zu warten. Bist eingestiegen, obwohl das Ziel mir doch so ungewiss ist. Hast mir nicht vorher bescheid gesagt, obwohl du doch wissen musstest, dass ich den Fahrplan nicht kenne.
Es war an einer dieser wunderbaren Tage, an denen man sich so unbeschreiblich leicht fühlt, wo das Herz gluckst und das Leben leuchtet. Einer dieser Tage, die wir seit uns so oft erleben.
Wir waren mit Freunden unterwegs. Es war schon spät geworden. Die Sonne stand tief am Himmel über uns, während wir am Kanal entlangliefen. Langsam war ich müde, waren wir doch schon den ganzen langen Tag auf den Beinen. Du wolltest noch ein wenig hier bleiben.
Ich war dir nicht böse, gab dir einen Kuss, gabst mir einen Kuss. Damals wusste ich nicht: Es war ein Abschiedskuss.
Du hattest eine deiner verrückten Ideen. Eine der Ideen für die ich dich sonst immer so liebte. Nun würde ich dich am liebsten dafür hassen. Es geht nicht.
Ihr gingt schwimmen. Schwammt im Kanal. Es wurde langweilig. Ihr gingt auf eine der Brücken. Lachend sprangt ihr hinab. Glitzernd kam das Wasser näher. Nicht nur das. Du landetest auf einem Stein. Warst tot.
Nun bin ich hier wo ich nicht mehr sein will. Knie hier an deinem Grab. Kann nicht hier sein. Kann nicht bei dir sein. Warum hast du mir nicht auch ein Ticket gelöst? Oder hast du das? Hattest bloß keine Zeit mehr es mir zu geben? Bewahrst es in deiner Hosentasche für mich auf? Aber meinst du nicht, es verfällt, wenn ich noch lange warte? Meinst du nicht? Doch wie soll ich zu dir kommen um es mir abzuholen? Schwarz zu fahren wäre feige. Meinst du nicht? Meinst du.


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Kommentare
Wahnsin was das Leben dir schon abverlangte. Die Zeit kann gar nicht alle Wunden heilen, denn eine so große bedarf einer Zeit, die mehr als ein Menschenleben ist. Du solltest versuchen die Wunde zu einer seelischen Narbe verheilen zu lassen, denn die Geschichte zu ihr kann dich dann stärken.
07.08.2007, 16:19 von StockmasterDas mit dem Schwarzfahren wäre deinen Kindern gegenüber nicht fair, du wirst irgendwann wieder glücklich sein können, du bist noch keine 90 !!!!!
toller text... kann deine gedanken und gefühle sehr gut nachvollziehen... alles liebe
26.06.2007, 17:12 von gegen-vitamine"Schwarzfahren" ist immer feige! Denn so wie du ihn vermisst, würde es genauso Leute geben, die dich schmerzlich vermissen!
20.06.2007, 16:21 von HighDViel Glück und Kraft wünsch ich dir.