Mirima 30.11.-0001, 00:00 Uhr 31 64

Es ist vorbei, wenn es vorbei ist…

Es war alles perfekt, bis er mehr wollte: Mehr feiern, mehr fühlen, mehr Drogen, mehr Alkohol. Und aus „immer mehr“ wurde irgendwann "zu viel".

Ich werfe einen letzten Blick auf die vollen Umzugskartons. Darin ist das, was ich einmal mein Leben nannte. Ich hätte sie genauso gut mit Luft füllen könne, es wäre auf das Gleiche hinaus gelaufen. Mit einem lauten Knall lasse ich sie hinter ein paar Zentimeter Stahl verschwinden. Wie sagt man so schön? Aus den Augen, aus dem Sinn. Zumindestens für ein paar Stunden. „Willst du das wirklich machen?“, fragt eine Stimme hinter mir. „Du weißt, ich muss“, antworte ich, umarme Menschen, die mir seltsam fremd vorkommen, und steige zu einer leeren Transportbox und einer Flasche alkoholfreiem Bier in die Fahrerkabine. Zwei Sachen gibt es noch, die ich hier erledigen muss. Zwei Sachen, bevor ich dieses Leben hinter mir lassen kann. Noch ein paar Stunden, und dann …  Ja was eigentlich? Ich weiß es nicht. Da ist nichts als Leere. Doch ich bin mir sicher, irgendwann wird der Schmerz schon wiederkommen.

 

Erstens:

Vor deiner Haustür stelle ich den Motor ab, nehme mir die Transportbox und das Bier und steige zum letzten Mal die Stufen zu deiner Wohnung hoch. Obwohl ich in den letzten Monaten wahrscheinlich öfter hier war, als in den ganzen Jahren zuvor, ist mir dieser Ort mittlerweile unheimlich fremd geworden. Ich muss mich zwingen, den Schlüssel zu drehen, denn nirgendwo ist deine Abwesenheit so sehr zu spüren wie hier. Ich betrachte deine Schuhe im Flur, die aussehen als hättest du sie gerade ausgezogen, fahre durch die Staubschicht auf der weißen Holzkommode und stelle die Transportbox neben dein Sofa. Whiskas beäugt sie kritisch und mauzt mich vorwurfsvoll an. Entschuldigend kraule ihn hinter den Ohren und setze mich zu ihm auf den Boden. Dein Sofa ist einfach zu groß für eine Person. Ich drehe mir eine Zigarette und nehme einen Schluck Bier. Was für eine armselige Abschiedsgeste, doch in Anbetracht des Umzugswagens vor der Tür, ist es das Beste, was ich zu bieten habe. Und dann warte ich. Ich weiß nicht genau worauf, auf Trauer vielleicht, oder Wut. Irgendetwas, aber es kommt einfach nichts. Vielleicht habe ich meine Emotionen in den letzten Monaten aufgebraucht. Vielleicht ist da einfach nichts mehr über, was ich noch geben könnte. Die Schatten auf dem Boden werden langsam länger und für mich wird es Zeit zu gehen. Ich habe ja noch etwas zu erledigen. Dabei war deine Wohnung im Abendlicht immer am schönsten. Ich stehe auf, sperre das letzte bisschen Leben, das es hier noch gab in die Transportbox, und blick mich noch einmal um.

Deine Eltern haben gesagt, ich könne mitnehmen was ich wolle (warum auch nicht, du wirst es ja kaum vermissen), doch ich kann darin einfach keinen Sinn sehen. Schwerfällig löse ich deinen Schlüssel von meinem Bund, der mir auf einmal bedeutungslos klein vorkommt, und schließe die Tür hinter mir.

 

Zweitens:

Ich hatte geahnt, dass das hier schwerer wird, aber dass es so schwer wird, habe ich nicht erwartet. Seit zehn Minuten stehe ich nun schon auf dem Parkplatz und versuche die Betonklötze, die sich mal meine Beine nannten, dazu zu bewegen auszusteigen. Doch es gelingt mir einfach nicht. 

Also tue ich das Einzige, was mir einfällt, öffne die Fahrertür und lasse mich zur Seite kippen. Der Boden der Tatsachen ist verdammt hart, doch immerhin lassen sich meine Beine nun zum Aufstehen bewegen, so gewohnt ist diese Bewegung mittlerweile geworden. Aufstehen, jeden Morgen, jeden Tag, immer wieder.

Der weiße Flur kommt mir heute besonders lang vor, doch ich glaube das bilde ich mir bloß ein. Bewusst atme ich ein. Den sterilen Klinikgeruch nehme ich sonst schon gar nicht mehr wahr. Aber heute will ich ihn noch mal spüren, wenn ich schon nicht fühlen kann, dann wenigsten spüren was die Sinne hergeben.

Als ich auf die Terrasse trete, sehe ich dich sofort. Du sitzt weiter hinten im Schatten und siehst verloren aus. Ein bisschen wie bestellt und nicht abgeholt, und irgendwie stimmt das ja auch. „Hallo“, höre ich eine Stimme neben mir. Ich drehe mich um und lächel mechanisch „Dr. Müller, hallo. Schön das Sie hier sind, zu Ihnen wollte ich eh noch.“ Er lächelt auch und gibt mir die Hand. Dann verschwindet das Lächeln von seinem Gesicht und er wird ernst. „Sie waren länger nicht hier, ich hatte gehofft sie haben sich zu Herzen genommen, worüber wir gesprochen haben.“ Ich blicke an ihm vorbei in den Garten. „Das habe ich tatsächlich. Deswegen bin ich hier. Ich will, ich muss, mich noch einmal verabschieden.“ Tröstend legt er eine Hand auf meine Schulter und sagt: „Nach allem, was Sie mir über ihn erzählt haben, bin ich mir sicher, er würde Sie verstehen.“ Ich bin mir da ehrlich gesagt nicht so sicher, doch ich nicke nur. Schließlich bist du der, der zuerst gegangen ist.

 „Hey, stört es dich, wenn ich mich zu dir setzte?“, frage ich und du blickst auf. „Nein, natürlich nicht“, antwortest du und räumst die Zettel zusammen, die sich auf dem Tisch verteilen.  Es sind Gedächnisübungen. Ich habe sie schon tausendmal gesehen, doch mittlerweile meinen Glauben in sie verloren. Ich setzte mich zu dir und strecke dir meine Hand entgegen: „Ich bin übrigens Mirima“. „Tom“, antwortest du und schüttelst sie. Das wird einer der letzten Momente sein, in denen ich noch einmal die Hand berühre, die mich so oft aufgefangen hat. Die ich in so vielen dunklen Momenten gehalten habe. Jetzt kommt doch der Schmerz, so stark und real wie eh und je. Und so unerwartet das ich vor Schreck nach Luft schnappe. „Alles ok?“, fragst du besorgt und ich tue das Ganze mit einer billigen Ausrede ab. 

Nachdem wir eine Weile belanglosen Small Talk gehalten haben, von dem sich jedes Wort wie zäher, heißer Teer in mein Herz frisst, fragst du schließlich, was ich hier mache. Einen Moment lang will ich schreien, weinen, der Verzweiflung und der Wut der letzten Monate Luft machen, doch was hätte ich davon? Sie würde mich wahrscheinlich höflich aber bestimmt zum Gehen auffordern und du wärest einen Tag lang verstört, bevor du morgen wieder alles vergessen hättest.  Also sage ich: „Ich hatte gehofft, einen Freund von mir zu sehen, doch er ist leider nicht da. Also dachte ich, ich setzte mich zu dir, solange ich warte.“ „Eine sehr gute Entscheidung“, versicherst du mir. Du flirtest mit mir und ich muss lächeln. Jetzt gerade, in diesem Moment erinnerst du mich so sehr an dich, dass ich an meiner Entscheidung zweifel. „Möchtest du auch nen Kaffee?“ Ich nicke und du stehst auf. Ich betrachte deine Bewegungen und deinen Gang, und es ist immer wieder ein gespenstiges Bild. Das ist dein Körper, deine Stimme, das sind deine Augen, aber das sind nicht deine Bewegungen, nicht dein Lächeln und nicht deine Worte. 

Während ich mich in einem Wald aus Erinnerungen verliere, stellst du mir einen Becher Kaffee hin und legst ein paar Packungen Milch und Zucker daneben. „Ich wusste nicht, wie du deinen Kaffee trinkst“, beteuerst du. Ein schwacher Widerstand regt sich in mir, denn doch, das weißt du. Das müsstest du jedenfalls wissen. Genau so, wie ich weiß,  dass du deine Kaffe mit mindestens drei Packungen Zucker und nur einer Packung Milch trinkst, nicht mit zweimal Milch und ohne Zucker. Doch ich schweige. Wie hätte ich es dir auch erklären sollen. „Der Freund von dir, den du besuchen wolltest, ist das ein guter Freund?“, willst du wissen. Ich nicke. „Das war er jedenfalls mal.“ Neugierig siehst du mich an. Du verstehst nicht, wie auch. Also beginne ich, dir von dir zu erzählen.

 „Damals, als wir uns kennengelernt haben, da war irgendwie sofort klar, wir gehören zusammen. Nicht als Paar, nein dazu waren wir uns zu ähnlich glaube ich, sondern einfach menschlich. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der mich so ergänzt hat wie er. Wir wussten, was der andere denkt, bevor er es wusste. Wir haben uns gesehen und kannten uns einfach. Bei ihm konnte ich sein, wer ich bin, ohne mich je erklären zu müssen.  Jeder noch so kleine Moment konnte so groß werden, wenn wir es nur wollten. Wir haben alles mitgenommen, gelebt als gäbe es keinen Morgen und den Anderen aufgefangen, wenn das Morgenlicht dann doch zu grell war. Wir haben einfach so sehr ... ja, gelebt halt. Es war alles perfekt, bis er mehr wollte: Mehr feiern, mehr fühlen, mehr Drogen, mehr Alkohol. Mehr, immer mehr. Und aus „immer mehr“ wurde irgendwann „zu viel“.“ 

Ich muss einen Moment innehalten. Jetzt sind wir fast hier, jetzt wird es schwierig. Ich schließe einen Moment die Augen und atme tief ein. „Ich habe ihn gewarnt, ich habe es kommen sehen. Doch er wollte nichts davon hören, er wollte es einfach nicht sehen, und weil ich ihn so geliebt habe, habe ich ihm geglaubt, wenn er gesagt hat, er hätte das unter Kontrolle. Und ja, vielleicht wollte ich ihm auch einfach glauben... Ich wünschte, ich hätte mehr gesagt, ich hätte irgendwas gemacht. Aber woher hätte ich wissen sollen, wie schlimm es war? Er hat sich immer mehr von mir entfernt, war jeden Tag feiern und kaum mehr zu Hause. Ich habe ihn einfach irgendwo auf dem Weg verloren. Verdammt, ich wünschte ich hätte mehr gesucht, ich hätte mehr probiert... Aber wie auch immer, eines Morgens ist er jedenfalls von einer Party nicht wieder gekommen. Er war einfach nicht mehr da. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schlimm die folgenden Tage für mich waren. Ich habe gedacht er ist tot. Ich hatte eine solche verdammte Angst, bis ich ihn hier in der Klinik gefunden habe.“  Ich breche ab, zu real werden die Erinnerungen. Zu klar sind die Bilder. Wie oft habe ich mir deinen Grabstein vorgestellt, mit dem Datum von damals, vor fast einem Jahr. Denn ja, deine Körper habe ich gefunden, aber du, du bist gestorben, damals auf der Party, auf die ich nicht mit wollte, an einer Droge, die du nie hättest nehmen sollen, und alles, was mir geblieben ist, ist ein übergewichtiger Kater und ein Umzugswagen voller leerer Erinnerungen.

Aber von alledem weißt du nichts und wirst es auch nie wissen. Wenn du Glück hast, wirst du irgendwann einmal wieder neue Erinnerungen haben können. Und für den Fall, dass doch ein Wunder passiert und du dich doch erinnerst, werde ist dafür sorgen, dass du mich finden kannst. Versprochen.

Ich blicke auf die Uhr und sage dir, dass ich jetzt gehen müsse, immerhin habe ich einen Kater im Auto. „Aber was ist mit deinem Freund?“, fragst du verwundert über meinen plötzlichen Aufbruch. „Der kommt nicht mehr“, sage ich, kippe dir drei Päckchen Zucker in den Kaffee und gehe.

 

 

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    Sehr schöner Taxt, mehr kann und muss mannicht sagen..

    28.08.2013, 12:06 von where_are_U
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    So eine Begeisterung von Forst..... also, Leute: lesen!

    20.08.2013, 14:49 von Tanea
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    Zum Glück habe ich diesen Text noch zu Ende gelesen, die Wendung hat mich doch noch rechtzeitig gepackt ;) Gefiel mir sehr gut!

    20.08.2013, 00:44 von AiMizu
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      Da löffel ich mich auch noch hinten dran.

      17.08.2013, 13:00 von Juliie
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  • 5

    Die leicht verunglückte Titelwahl, gepaart mit einem irreführenden Teaser, lässt diesen lesenswerten Text weniger Beachtung finden, als er verdient hat.
    Man erwartet Justanotherheleftmesheleftmedrama und fühlt sich nach dem ersten Anlesen in dieser Assoziation bestätigt.

    Du kannst den Text wesentlich einladender gestalten, indem du Titel und Teaser prägnanter wählst und die überflüssigen Absätze rauskämmst.

    17.08.2013, 10:58 von JackBlack
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    Einer der besten Texte die ich bisher hier lesen durfte.

    17.08.2013, 02:39 von PinkahPandah
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    Mag ich! Mag ich!
    Ganz großer Text, wahnsinnig packend. Und die Dramatik kommt nur über den Inhalt, nicht über hektische Sprache oder ähnliches, das gefällt.

    16.08.2013, 12:07 von Talent_Borrows
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    uff! Schön geschrieben, aber uff.

    14.08.2013, 19:25 von Mrsknox
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