ooKATIEoo 07.03.2006, 19:51 Uhr 8 0

Es ist nicht so wie du denkst

Wir hatten vergessen die Vorhänge zuzuziehen und so fiel nun Sonnenlicht auf den blanken Parkettboden vor ihrem Bett.

Da standen auch noch die zwei Weingläser vom Abend zuvor und gleich daneben lag - wie ich sie hatte fallen lassen- meine Jeans. Ich musste grinsen, als mein Blick auf die anderen Kleidungstücke fiel, die deutlich unseren Weg vom Sofa zum Bett erkennen ließen.

Und dann kehrte die Erinnerung zurück. Szenen der letzten Nacht zogen sequenzartig an meinem inneren Auge vorbei. Es waren alles nur Bruchstücke und auch die ziemlich durcheinander. Ich sah einzelne Bewegungen, fühlte ihre Hand an meinem Hals und hörte Worte, die sie mir ins Ohr geflüstert hatte. Für einen Moment wusste ich nicht, wo mir der Kopf stand und musste mich kurz zusammenreißen. Als ich dann aber meine Gedanken geordnet hatte, ging es mir unglaublich gut. Ich fühlte mich unwirklich, weil das alles hier eigentlich gar nicht wahr sein konnte, weil ich nämlich nie Glück hatte. Und jetzt lag ich hier in diesem Bett, in ihrem Bett. Neben mir hörte ich jemanden atmen. Natürlich wusste ich, dass sie das war, aber irgendwie musste ich mich doch vergewissern, nur um sicherzugehen. Ich drehte mich also langsam zu ihr um...

Doch neben mir lag eine alte Frau. Sie schlief noch, hatte mir aber das Gesicht zugewandt. Und da waren sie, die Falten, an ihrem Hals, unter den Augen und ich erschrak. Jetzt, wo sie einfach nur vor mir lag, weder sprach, noch lachte, eben einfach nur war, da sah ich sie auf einmal in einem ganz anderen Licht. Sie war nicht dreißig oder vierzig, nein, sie war fünfzig. Sie war alt. Ich hatte die letzte Nacht so gerne ihre Haare angefasst und nun sah ich den- wenn auch nur wenige Millimeter breiten- grauen Ansatz. War sie das? War das die Frau deren Haut ich sehnlichst immer und immer wieder hatte berühren wollen? Überall- Sie hatte die weiße Bettdecke bis knapp unter die Achseln gezogen. Mir stockte der Atem und ich hatte für einen Augenblick eine furchtbare Idee, dann wurde ich aus den Gedanken gerissen.

Wie zufällig streifte mein Blick ihr Gesicht und da blitzten mich zwei wache, klare Augen an. Ich erschrak, fühlte mich auf peinliche Art und Weise ertappt, hielt ihrem durchdringenden Blick aber noch einen Moment stand, bevor ich mich abwand. Es herrschte ein paar Sekunden gespannte Stille. Sekunden, in denen mein Herz wie wild klopfte. Wie lange hatte sie mich wohl schon beobachtet?
Ich hörte, wie sie tief einatmete. „Wieso schaust du mich so an?“, fragte sie dann und setzte sich hastig auf. Sie schwang die nackten Beine aus dem Bett und legte einen Arm über ihren schlanken Oberkörper, als wollte sie damit ihre Brüste bedecken. Dann drehte sie mir ganz den Rücken zu. „Hör auf mich so anzusehen“. Sie sprach jetzt leiser, aber bestimmt, betonte jedes Wort einzeln. Ich setzte mich ebenfalls auf, wollte etwas sagen, wusste aber nicht was. Mein Blick wanderte langsam über ihren Rücken, über die makellose, leicht gebräunte Haut bis hinauf zu ihren schmalen Schultern und ich fühlte mich furchtbar. Da ließ ich mich zurück auf die Matratze sinken. Ich hatte ihr die Hand auf die Schulter legen wollen, aber ich schämte mich viel zu sehr, dass ich sie so angesehen hatte. Mit einem erschreckten Ausdruck im Gesicht, der sagte: „Du bist alt“. Dass ich auch nur einen Moment daran gezweifelt hatte, dass sie schön war...

„Ich hab nur“, begann ich, wurde aber jäh von ihr unterbrochen. „Ich weiß ganz genau, was du gedacht hast.“ Aus ihrer Stimme war das Verletzte gewichen, das ich noch vor wenigen Augenblicken ganz deutlich gespürt hatte. Jetzt war sie wieder die Frau, an der alles abprallte und die mir in allem so haushoch überlegen war, dass sie mir mit nur wenigen Worten klarmachen konnte, nach wessen Regeln hier gespielt wurde.
Ich suchte verzweifelt nach Worten, um ihr zuvorzukommen, denn ich wusste, dass alles, was sie jetzt sagen würde, vernichtend wäre. Doch je angestrengter ich überlegte, desto hilfloser wurde ich. Ich konnte nichts sagen, konnte mich nicht erklären. Und so streckte ich einen Arm nach ihr aus und berührte sie leicht am Rücken. Sie zuckte kaum merklich zusammen und setzte sich noch etwas aufrechter hin. Dann ließ sie den Arm, den sie die ganze Zeit um ihren Oberkörper geschlungen hatte in ihren Schoß sinken. „Du wusstest, wer ich bin und ich wusste wer du bist“, begann sie und stand auf, „ich kann damit umgehen. Aber, Mädel, vielleicht bist du noch nicht erwachsen genug. Vielleicht hab ich mich da einfach in dir getäuscht.“ Diese Worte schnürten mir die Kehle zu. Ich wusste nicht, was mich mehr traf, dass sie mich so abwertend „Mädel“ nannte oder dass sie glaubte, sich in mir getäuscht zu haben. Sie stand auf, stieg über meine Jeans, nahm die zwei Weingläser und ging damit aus dem Zimmer. Ich lag immer noch wie versteinert in ihrem Bett und konnte mich erst wieder rühren, als ich das Rauschen der Dusche hörte. Wie in Zeitlupe richtete ich mich auf, schlug die weiße Bettdecke zur Seite und rutschte auf dem Satinlaken zu der Bettkante, auf der sie eben noch gesehen hatte. Ich stellte die Füße auf den Parkettfußboden und blieb für einen Moment so sitzen, wie sie es getan hatte. Es fühlte sich beschissen an.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Bleiben? Nein, das ging nicht. Abhauen? Das ging auch nicht. So sammelte ich, während ich noch angestrengt darüber nachdachte wie um Himmels Willen dieses Theater weitergehen sollte, erst mal meine Klamotten auf und zog mich an. Als ich mir meine Haare zu etwas zopfähnlichem zusammengeknotet hatte und vor dem großen, gerahmten Spiegel im Flur stand, wusste ich, dass ich abhauen musste. Sie würde gleich aus dem Badezimmer kommen und toll aussehen. Ich hingegen, war in diesem Moment nichts als ein verkatertes Mädchen, das es mit dem Rotwein etwas übertrieben hatte und lieber noch ein, zwei Stunden schlafen sollte. So sollte sie mich keinen Augenblick lang sehen. Die Ringe unter meinen Augen bekräftigten meine Fluchtabsichten und ich war schon fast zur Tür hinaus, als ich ein letztes Mal innehielt. So einfach ging das eben nun auch nicht. Ich lief noch einmal ins Schlafzimmer zurück, suchte auf ihrem Schreibtisch nach einem Zettel und Stift.

Im Badezimmer verstummte das Rauschen der Dusche. Da griff ich hastig nach dem verchromten Kugelschreiber, der auf einem ungeordneten Stapel von Fachzeitschriften lag und kritzelte ihr schnell eine Nachricht auf ein Stück Papier. „Es ist nicht so wie du denkst. Entschuldige bitte.“ schrieb ich, legte den Zettel auf ihr Bett und machte mich auf den Weg. Schnellen Schrittes eilte ich durch den Flur, konnte aus den Augenwinkeln noch sehen, wie die Klinke der Badezimmertür von innen nach unten gedrückt wurde und schloss schnell die Wohnungstür hinter mir.

„Es ist nicht so, wie du denkst“, murmelte ich, als ich im Fahrstuhl stand und den Knopf mit dem „E“ drückte. Für diesen Klischee- Spruch konnte ich mich selbst nur verspotten. Waren wir hier etwa in einer Daily Soap? „Es ist nicht so, wie du denkst!“, mir entfuhr ein höhnisches Lachen. Ja klar! Noch besser wäre gewesen: „Es ist nicht das, wonach es aussieht“ dicht gefolgt von „Ich kann dir das erklären!“ und dann natürlich der absolute Spitzenreiter: „Es ist eigentlich alles ganz anders!“ Die Erkenntnis, dass es noch dümmere Sprüche gab, als den, den ich in ihrer Wohnung zurückgelassen hatte, konnte mich nicht wirklich trösten. Und mir blieb mein hysterisches Lachen buchstäblich im Hals stecken, als ich mich an ihre Worte erinnerte...

8 Antworten

Kommentare

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    Das ist ein verdammt toller Text!!!

    Wenn wir daran zweifeln, daß der Mensch zu dem wir uns hingezogen fühlen schön ist oder wenn wir denken: Mein Gott, sie/er ist alt!, geht es uns da nicht eigentlich darum was "die anderen" denken könnten, was gesellschaftlich anerkannt ist?
    Für einen selbst ist doch das wahr, was man für die/den Betreffende(n) fühlt, der Rest sollte einem eigentlich egal sein (können)!

    Was jetzt keine Kritik sein soll, sondern eine allgemeine Feststellung, gewürzt mit ein wenig Frust...;-)

    21.03.2006, 10:35 von rote_zora
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    Toller Text, sehr toll geschrieben... wow... selten etwas so gutes gelesen.
    Zwar hab ich selber noch nicht so ne Erfahrung gemacht, aber trotzdem hat mich der Text grad irgendwie berührt...

    19.03.2006, 00:29 von Dreaming
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    oh ja es ist nicht so wie du denkst.

    woher wissen wir denn was der andere denkt ?
    aber ich kenne diese geschichte leider nur zu gut.
    auf meinem zettel stand "es tut mir leid,es liegt nicht an dir". ... noch viel dümmer.

    toller Text!!

    18.03.2006, 13:51 von moosmutzel
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    So etwas ähnliches ist mir auch schon passier, nur ich konnte nicht gehen und bin geblieben, es ist fürchterlich geendet!

    18.03.2006, 10:34 von Liebenswerte
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    ......... und es ist ein teil unseres lebens .........;
    sehr einfühlsam und eine ausschnittsweise so emotional transparente, dass ich glaube, etwas ähnliches erlebt haben zu können oder erlebt habe? wer weiß?

    18.03.2006, 09:17 von zarejewitsch
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    ... eben wie waren ihre worte denn?
    wunderschöner text, macht wirklich lust auf berührungen, (nicht nur von einer frau...)

    17.03.2006, 21:39 von Pininfarnia
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