amogenerem 25.02.2010, 14:44 Uhr 3 4

Es geht immer weiter

Von einem der Auszog um zu Leben

Du sitzt im Wartezimmer deines neuen Hausarztes, liest in einer der Zeitschriften bis dein Name aufgerufen wird. Erneutes Däumchendrehen im Behandlungszimmer bis der Herr Doktor erscheint und die Frage stellt wo meine Gesundheit ein Problem hat. Eigentlich keines, doch ich bin auf Anraten meiner Freundin bei ihnen. Ich hatte ihr versprochen mich über Vorsorgeuntersuchungen bei ihnen zu informieren.

Ich fühle mich mit meinen 35 Jahren fit, kerngesund…könnt Bäume ausreißen, auch wenn sie allmählich immer kleiner werden.
Männervorsorge beginnt bei der Prostata ab 40 Jahren, doch das Böse lauert in ihrem Alter im Hoden. Doch kein Problem, nach einem kurzen Gespräch über mögliche Anzeichen. Ich sollte halt öfters den Ort der möglichen Gefahr abtasten und bei Veränderungen oder Schmerzen wieder kommen.
Die Erinnerung kam ca. 2 Wochen nach dem Arztbesuch unter der Dusche. Man merkt wenn irgendwas nicht stimmt, wenn dein Herz ein kleines bisschen schneller schlägt, ein kleiner stechender Schmerz dir durch die Lendengegend zieht. Doch alles nicht so schlimm sagt mein Kopf, als die Eier nach der Dusche noch immer schmerzten. Ich weiß ja das diese Dinger sehr druckempfindlich sind.

4 Wochen später.

Der Arzt tastet meine Eier mit Gummihandschuhen ab. Seine besorgte Miene machte mir keine Angst. Sorglos setze ich mich wieder auf den Stuhl, ihm gegenüber. Um sicher zu gehen, dass kein Problem besteht sollte ich doch besser einen Urologen aufsuchen um die kleine Veränderung unter dem Ultraschall zu untersuchen.

Ich musste kurz vor meinem Auto Christina auffangen, sie ist einfach zusammengebrochen. Ihr ging es erst besser als ihr Hausarzt ihr eine Beruhigungsspritze gab. Der Befund beim Urologen, ein mögliches Karzinom am linken Hoden, hat ihr den Boden unter Füßen weggezogen.

Wir sind Christina und Stefan. Haben unsere Liebe lange verborgen. Viel zu spät erkannt wie sehr wir uns lieben. Ich ließ mich scheiden, um nichts mehr verbergen zu müssen. Ich wollte Leben, mit Christina.

Die Heilungschancen bei Hodenkrebs liegen bei 60%. Ich will Leben.

Es ist die schlimmste Zeit, nach einer Blutabnahme auf das endgültige Ergebnis zu warten. Eine Woche hat der Arzt angesagt. Genau in dieser Woche wollten wir nach Roskilde, Tickets waren schon lange gekauft. Das Auto war voll bepackt als der Anruf aus der Praxis des Urologen kam.

Zwischenbemerkung. Sollte es das letzte sein was ich noch erlebe. Ich wollte in dieses Konzert. Mit Freunden, mit Christina. Alles mit dem Onkel Doktor abgesprochen, sollte dies meine Psyche aushalten. Für meine Wohlbefinden brauche ich nur Christina, Freunde und Musik…keine bessere Ausgangsposition für Roskilde, vielleicht für das letzte Mal.

Der PSA Wert ist in solch enormer Höhe, dass er mir vor der Fahrt abrate. Ich solle ihn sofort aufsuchen um mit mir den Operationsverlauf einer Hodenentfernung und all seiner möglichen Konsequenzen durchzusprechen.
Wenn du Glück hast, ist alles nach dieser Operation vorbei. Die Hälfte an Spermien werden dir halt fehlen, Testosteron sollte nicht mehr in großer Menge vorhanden sein.

13 Tage nach der Operation stehe ich bei strahlendem Sonnenschein neben Christina und warte auf die Angabe. Mit einem sanften „bagger“ nehm ich sie an, Christina stellt mir einen wunderbaren Ball ans Netz, mein Schmetterball verfehlt das Spielfeld nur knapp.

Morgen kommt das nächste Ergebnis einer Blutabnahme nach der Entfernung. Ich will Leben.

Die Lymphknoten sind die Filter des Körpers. Jeder Mensch hat unglaubliche Mengen in seinem Körper und man kann auf sehr viele verzichten.
Eventuell werden bei der Operation Nerven beschädigt die es dir unmöglich werden lassen das „Wasser“ zu halten. Eine Erektion wird, sollte dies eintreten, unmöglich sein. Die Operation wird ca. 6 Std. dauern. Dein Darm wird aus der Bauchhöhle gehoben. Und alle befallenen Lymphknoten von der Blase bis zur linken Niere werden entfernt.

Ich setze meine Unterschrift auf das Formular der Einwilligung. Verdammte scheiße…Ich will Leben.

10 Tage später

Mir wurde gerade der Katheter aus meinem schlaffen Teil gezogen. Aus meinem Bauch ragte ein dicker Schlauch und 65 klammern zieren meinen Körper.
Doch die entscheidende Frage stellt sich in der Nacht. Augen zu und die Gedanken bei der schönsten Sache der Welt. „Er“ stand wie eine eins, schmerzte unglaublich von den Folgen des Katheters….Tränen des Glücks liefen über meine Wangen.

Ja…ich werde weiter Leben und wieder, scheiß auf das Testosteron, und wieder poppen können.

Habt ihr auf der Intensivstation denn keinen Radio und wo ist mein verdammter mp3 Player?
Das PEP Chema besteht aus Bleomycin, Eposit und Cisplasma. Das Bleomycin kann den Körper angreifen in dem es leichte Vernarbungen an Organen hinterlässt die kaum von Krebsherden zu unterscheiden sind. Nach 3 Zyklen Chemotheraphie wollte der Chefarzt auf Nummer sicher gehen und noch ein kleines Stück meiner Lunge entfernen.

….macht was ihr wollt und für richtig befindet um mir zu ermöglichen DAS ICH LEBE, WEIL ICH WILL ES

10 Monate nach meinem ersten Befund verabschieden mich die Ärzte mit der Bitte bei meinem Umzug selbst keine Hand, nicht einmal einen Finger krumm zu machen. Die Operation ist noch zu frisch.

Ich habe viele Freunde durch meine Liebe zu Christina verloren. Die besten blieben. Viele Freunde habe hinzugewonnen, darunter ein behandelter Arzt, der mir das Leben gerettet hat. Es ist kein Tag vergangen an dem Christina nicht an meinem Krankenbett gestanden ist.

Christina hat mir am 11.12.2009 gestanden das sie in einen andern Mann verliebt ist. In den darauffolgenden Tagen ist aus vielen tränenreichen Gesprächen herausgekommen das meine Schichtdiensttätigkeit, meine Zeugungsunfähigkeit und der, für sie, große Altersunterschied es ihr unmöglich machen mit mir ein weiteres Leben zu führen. Sie sieht in uns keine Zukunft mehr. Der Angst über einen neuen Krebsbefund, will sie sich nicht mehr aussetzen.

Am 23.12.2009 bin ich aus unserem gemeinsamen Haus ausgezogen. In dieser Zeit machte sich der „neue“ in unserer Wohnung breit.
Jetzt bin ich wieder in Petzlberg2a , baue unser damaliges Haus gerade um….Christina ist wieder bei ihren Eltern.

Ich werde und will weiterleben um wieder lieben zu können, das schönste Gefühl das wir erfahren dürfen

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3 Antworten

Kommentare

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    es hat mich berührt! ich habe tränen in den augen und bewundere deinen willen, einfach weiter machen zu wollen....

    19.03.2010, 23:59 von schnuffschnuff
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    bewegender text... klingt ehrlich traurig aber immer mit einem funken hoffnung..
    sehr gut gelungen und respekt vor deinem mut das hier so reinzuschreiben!

    27.02.2010, 01:00 von quietsch_vergnuegt
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    bewegender text... klingt ehrlich traurig aber immer mit einem funken hoffnung..
    sehr gut gelungen und respekt vor deinem mut das hier so reinzuschreiben!

    27.02.2010, 01:00 von quietsch_vergnuegt
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