unicorna 30.11.-0001, 00:00 Uhr 5 5

Erfroren

Ich hänge vor der Glotze, zappe durch die Programme und langweile mich. Plötzlich höre ich dieses Geräusch: FLAP, FLAP, PATSCH!

Es ist so leise, dass ich mir nicht sicher bin,
ob es nur Einbildung war. Doch nein!
Da ist es wieder: FLAP, FLAP, PATSCH!
Kaum hörbar, ich kann es nicht orten, aber ganz
bestimmt habe ich mich nicht getäuscht.

Danach bleibt es ruhig. Vorläufig.
Doch dann tauchen diese Laute wieder auf.
Egal wo ich bin. Daheim, im Café, im Kino oder unter der Dusche.
Egal um welche Uhrzeit. Egal ob ich alleine oder in Gesellschaft bin.
Das ist das Merkwürdige daran. Niemand außer mir scheint diese
Geräusche zu hören. Zugegeben, sie sind wirklich sehr leise,
aber ich registriere sie doch auch!
Langsam mache ich mir Sorgen.
Als dieses komische FLAP, FLAP, PATSCH! immer häufiger wird
und ich zudem immer öfter unter Magenschmerzen leide beschließe
ich, einen Arzt aufzusuchen.

Nachdem ich ihm meine Probleme geschildert habe,
entscheidet er sich vorläufig für eine Ultraschalluntersuchung.
Während er den Bildschirm beobachtet wandern seine
Augenbrauen immer höher, ehe er mich interessiert
(oder mitleidig?) mustert. „Sagen Sie“, hebt er schließlich an,
„haben Sie gerade eine Trennung hinter sich?“
Verwundert und beunruhigt starre ich ihn an.
„Äh, na ja, also, hm, nein, eigentlich nicht“, murmle ich.
„Wiesooo??“ – „Vielleicht“, nimmt der den Faden wieder auf,
„leiden Sie derzeit unter Liebeskummer? Oder Beziehungsstress?
Ewas in der Art.“ Jetzt gerate ich aber echt in Panik.
Sämtliche Alarmglocken schrillen und überlagern meinen Ärger über
diese indiskreten Spekulationen.
„Was ist los?!“ kreische ich. „Ein Tumor? Ein Magengeschwür?
Bin ich schwanger? Nun sagen Sie es schon!“ meine Stimme wird schrill.
Begütigend lächelt er mich an. „Ganz ruhig, entspannen Sie sich.
Es ist nichts davon. Ich will Ihnen etwas zeigen. Schauen Sie her!“
und dabei greift er nach einem Monitor und dreht ihn in meine Richtung.
„Sehen Sie es?“

Zunächst erkenne ich gar nichts. Ich beuge mich weiter vor
und zwinkere ein paar mal. Jetzt nehme ich ganz deutlich Formen war
– und halte vor Überraschung (oder Schreck) den Atem an.
„Das...kann...doch...Ich meine...Was...Wieso...Wie...“, stammle ich.
Ich blinzle noch einmal, aber was ich sehe bleibt. Schmetterlinge!
Es – sind – Schmetterlinge!
Unzählige von ihnen. Doch was mir wirklich Sorge bereitet ist die Tatsache, dass sich kaum einer davon rührt. Im Gegenteil.
Während ein paar der Schmetterlinge wie im Vollsuff hermtorkeln,
liegen die meisten bergeweise herum. Bewegungslos.
Und ziemlich tot glaube ich. Ein Zittern durchläuft mich.
„Herr Doktor, was...“ – „Ich erkläre es Ihnen“, unterbricht er
mich und seine Stimme klingt freundlich, aber ernst.
„Was Sie hier sehen, sind Liebesschmetterlinge.
Auch als Herzschmetterlinge bezeichnet. Sie entwickeln sich,
wenn der Mensch verliebt ist.“ Ich nicke eifrig.
„Ja! Daher auch der Spruch >Schmetterlinge im Bauch
haben<“, rufe ich.
Er lächelt wieder. Anerkennend. „Korrekt“, sagt er.
„Diese Tiere leben von der Liebe und der Wärme im Körper,
die diese erzeugt. Im Stadium der ersten Verliebtheit vermehren
sie sich und flattern wie verrückt umher. Mit der Zeit werden
die Schmetterlinge dann ruhiger, weswegen ihre Anwesenheit
nicht mehr ganz so auffällt, doch sie sind nach wie vor da.“
Er betrachtet mich aufmerksam, während ich angespannt lausche.
„Wenn nun diese Liebe“, fährt er weiter fort, „sich nicht festigt
sondern nachlässt beziehungsweise ganz verschwindet,
dann werden die Schmetterlinge ihrer Existenzgrundlage beraubt.
Die Liebe ist weg, die Wärme kühlt ab, die Tiere
verhungern oder erfrieren und lösen sich langsam auf.“

Als hätte er ein Stichwort gegeben fängt einer der Schmetterlinge
zu taumeln an. Der Flügelschlag erlahmt. FLAP, FLAP.
Wie in Zeitlupe fällt er langsam nach unten, wo er auf einem
der angehäuften Berge seiner Artgenossen landet. PATSCH!
„Haben Sie das gerade gehört?“ stoße ich hervor, aufgeregt,
endlich den Ursprung dieser Geräusche zu kennen.
Ich verstehe zwar nicht, warum ich nur die sterbenden
Tiere höre, aber so ist es. Wahrscheinlich, weil man
- solange sie noch fröhlich flattern - lieber fühlt als lauscht.
Weil man die Partnerschaft pflegt und nicht den Kummer.
Weil man sich auf ihn konzentriert, auf das „wir“, nicht auf sich selbst.
Der Arzt lächelt erneut, schüttelt den Kopf. „Nein“, meint er,
„das habe ich nicht. Sollten irgendwelche Laute erzeugt werden
können nur Sie das hören, denn die Schmetterlinge sind in Ihnen.“
Ich springe auf, schüttle ihm die Hände und bedanke mich.
„Ich hoffe, ich konnte Ihnen behilflich sein“, sagt er zum Abschluss.
„Ja. Ja, das waren Sie“, erwidere ich ehrlich.
„Ich muss jetzt gehen. Schätze, ich habe da etwas zu erledigen...“

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5 Antworten

Kommentare

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    Schön geschrieben...:-)

    16.10.2007, 22:55 von XeNia79
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    schöner Text!Steckt viel drin,vor allem auch in cafes,egal wo du bist,allein oder unter Leuten,platsch,deine Liebe in dir ist allein,will gelebt sein.
    Dr.Love hat dich da wieder auf die richtige Schiene gebracht:-)

    21.09.2007, 08:47 von Trommler
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    nice :-)

    17.09.2007, 15:09 von ramazotti-orange
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    schöööööön

    17.09.2007, 14:16 von NoBrainer
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