karryfield 11.12.2012, 00:13 Uhr 13 25

Entzug

Die Zeit fließt so zäh, dass ich sie mir wie eine dicke Masse von durchsichtigem Schleim vorstelle, der die Fensterscheiben runter rinnt.

Jemand hat mir seine Faust in den Magen geschoben und bewegt sie mit leichten Drehbewegungen, dass mir ganz schwindelig wird, im leisen Takt des Herzschlages hin und her, vor und zurück. Mit geschlossenen Augen falle ich in die Tiefe der Ungewissheit und klammere mich an Minuten. Die Zeit fließt so zäh, dass ich sie mir wie eine dicke Masse durchsichtigen Schleim vorstelle, der die Fensterscheiben runter rinnt.

Eine Minute. Ich frage mich, was du gerade tust.

Zwei Minuten. Ich erinnere mich an den letzten Kuss, den du mir auf die Nasenspitze gegeben hast.

Drei Minuten. Ich lausche rüber zu meinem Telefon.

Morgenstunden erstrecken sich erbarmungslos vor mir. Am Morgen ist er stärker, der Entzug. Flatterig, nervös, unruhig drehe ich mich noch einmal im Bett um und rieche an den Laken. Erst gestern liebte ich dich noch. Gestern. Der Schleim fließt die Fensterscheiben hinauf.

Ich drehe das Wasser in der Dusche bis kurz vor den Verbrennungsschmerz und spüre den Puls in meinen Fingerspitzen nach, lehne meinen Kopf gegen die Kacheln und verfluche das Frausein. Der Stolz klopft leise an die Hintertür des Saales in dem die Hormone wild und unkontrolliert  tanzen und mein Verstand winkt schwach lächelnd zu mir hinüber während er bemüht ist mit Peitschenhieben die Schurken in ihre Schranken zu weisen. Wieso meldet er sich nicht. Ein lautes Schnalzen zerreißt die Luft. Weil er nicht will.

 

Am Nachmittag habe ich es überstanden. Das weiß ich gut. Dann verabschiedet sich der Schmerz und mein Verstand gewinnt. Dann ziehe ich mich warm an und laufe durch die weißen, rutschigen Straßen, reiße die Tür zum Lokal auf und sehe eine bunte Traube wild gestikulierender Menschen. Freunde, die mich mit verschmitzten Kommentaren empfangen. Wir machen Pläne, trinken, ich mache Pläne. Du sitzt in meinem Gedankenauto und fährst an mir vorbei ohne anzuhalten. Ich blicke dir kurz hinterher, mir war so, als kenne ich den Fahrer, kann ihn aber weder einer Zeit noch Raum zuordnen. Eine Sekunde. Lächelnd wende ich mich wieder dem Treiben im Lokal zu. Ich fühle das Leben vor dir, stelle es mir nach dir vor, während mein erhobenes Glas gegen das meines Gegenübers zart klirrt. Eine warme Flut der Gleichgültigkeit hebt meinen Optimismus und ich proste mir, der Frau, innerlich zu. Es wird schon gut werden.

Tatendrang, Neugier und Wohlwollen bringen mich narkotisiert in den Schlaf. Bis mir jemand seine Faust in den Magen schiebt. Jeden Morgen. Doch ich muss nur durchhalten und auf den Nachmittag warten und bis zu dem Morgen an dem dein Geruch verflogen ist.

Ich bin getrennt. Ich bin verliebt.

 


Tags: Liebeskummer, Entzug
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13 Antworten

Kommentare

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    gefällt mir sehr gut!

    13.12.2012, 22:05 von breitscheidt
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    Ohne die Liebe sind wir Vögel mit gebrochenen Flügeln. Morrie Schwartz

    13.12.2012, 21:55 von marco_frohberger
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      danke für den Hinweis, ist erledigt;)

      12.12.2012, 11:41 von karryfield
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