STRASSENLATERNENLICHT 16.04.2012, 22:37 Uhr 13 5

Endpunkt

Aber nein. Aufgeben war uns zu schwierig. Aufgeben, das bedeutet Veränderung. Loslassen, das bedeutet Schmerzen.

Wir stehen hier an dem Punkt, an dem wir so unverschämt oft standen und ich frage mich, ob wir immer die falsche Richtung eingeschlagen haben. Es immer weiter versuchen, dort weitermachen, wo alle anderen schon aufgegeben hatten, sich immer wieder sagen "Wir sind es doch wert, diese eine Liebe, die niemand zerstört.". Wir sind wieder an dem Punkt, an dem man aneinander zweifelt - Ich an dir, du an mir, wir an uns. 
Die rebellische Liebe. Einfach, so sagten wir uns, weil aufgeben so schwach wäre und doch viel zu einfach. Aber nein. Aufgeben war uns zu schwierig. Aufgeben, das bedeutet Veränderung. Loslassen, das bedeutet Schmerzen. Also haben wir einfach so weitergemacht, eine kaputte Beziehung weitergeführt, so getan als wäre sie besonders, wobei wir sie doch einfach nur kaputt gemacht hatten. 
Du und ich, das war mal so groß. Und dann haben wir uns so klein gemacht, mit jedem Streit und jedem verletzenden Wort und vielleicht wussten wir die ganze Zeit über, dass das nichts mit "Scheiß auf den Rest, zusammen sind wir so stark", zu tun hatte, sondern nur damit, dass wir uns alleine so schwach gefühlt hätten. Aber jetzt stehe ich hier vor dir. Hab den leisen Verdacht zur Wirklichkeit werden lassen und sehe nun, der gemeinsame Weg ist der Falsche. Das war das Problem. Und mir kommen die Tränen, weil wir so viel in das hier investiert haben und so viel aufgegeben haben für den so falschen gemeinsamen Weg. 
Für einen Moment denke ich wieder darüber nach, mich zu entschuldigen und dir zu sagen, dass ich dich liebe und dich zu küssen und neben dir einzuschlafen. Dann denke ich weiter. Dann denke ich daran, dass wir uns morgen wieder anschreien und mit Tellern bewerfen werden. 
Ich nehme den Kopf hoch und spreche das aus, was immer ungesagt zwischen uns im Raum stand und für diese Leere gesorgt hat, die so unsagbar verletzte. Da ist sie. Die Stille. Zum ersten Mal seit Monaten Stille. Kein Geschrei, keine Entschuldigungen, kein Weinen, einfach Stille. Und ich kann mir grade nichts angenehmeres vorstellen. Du weinst jetzt. Aber ich glaube, hauptsächlich aus Erleichterung, denn du nickst. Dann nimmst du mich in den Arm und diese Umarmung ist die wärmste seit langer Zeit und das Ehrlichste, was du jetzt sagen konntest.
Ich gehe die Treppen hinunter, sehe endlich, was das Richtige ist. Irgendwo tut es sehr weh, irgendwo bin ich sehr traurig über das, was grade passiert ist.
Aber die Wut auf dich und uns ist weg, meine Gedanken sind wieder geordnet und der Druck ist verflogen.
Schritt für Schritt, fort von dir und in Richtung Zukunft.
Und es ist das erste Mal seit Langem, dass ich mich auf sie freue.

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13 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Natürlich schade, aber ich denke, man lernt daraus. Das freut einen doch!

      17.04.2012, 20:45 von STRASSENLATERNENLICHT
  • 1

    Schritt für Schritt, fort von dir und in Richtung Zukunft. Und es ist das erste Mal seit Langem, dass ich mich auf sie freue.

    Habe den Text recht gern gelesen. Der Schlusssatz zeigt, dass es eine richtige Entscheidung war.

    17.04.2012, 10:17 von Jackie_Grey
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  • 1

    Menschen gehen zu lassen ist verdammt schwierig. Ein Ende immer ein neuer Anfang. 

    Mir geht es im Moment sehr ähnlich. Viel Scheiße erlebt, viel mitgemacht. Endlich gegangen. Und was kommt jetzt? 

    Ich denke das Leben.

    17.04.2012, 09:49 von kidcalledmalice
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    • 0

      Könnte dran liegen, dass ich pathetisch bin. 

      So frei nach dem Motto "Das Leben ist doch mehr als das hier" lebt es sich leichter, weißt du?

      17.04.2012, 12:55 von kidcalledmalice
    • 0

      ... und wenn man sich das mit dem richtigen Maß an Übertreibung immer wieder einredet, dann wird man einfach pathetisch :)

      17.04.2012, 13:00 von kidcalledmalice
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Ich glaube für eine Diskussion über den Sinn von Pathos und vorallem den Sinn des Lebens ist hier kein Platz, mein Baumfreund.

      Ich weiß, dass mein "HIER" schonmal besser war und das gilt es wieder zu erreichen ;)

      17.04.2012, 13:54 von kidcalledmalice
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    • 1

      Prost!

      17.04.2012, 15:16 von kidcalledmalice
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  • 0

    wow, wunderbarer Artikel-ich wünschte ich wäre auch schon so weit mich auf das Kommende zu freuen?!

    16.04.2012, 23:09 von violett84
    • 0

      Vielen Dank! Eines Tages ist man es und dann ist das Morgen das Schönste auf der Welt, ich hoffe, dieser Tag kommt bald für dich.

      17.04.2012, 20:47 von STRASSENLATERNENLICHT
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