wirsindamselbenheimwehkrank 04.03.2018, 21:53 Uhr 0 1

Endmoraene

(...)

Erzähl noch mal die Geschichte, bitte!“ 
Er weiss genau, welche Geschichte ich meine.
 Wenige Geschichten später sitzen wir an der Bar, der Barkeeper bringt uns 2 Tequila, wir prosten einander zu. 
„Nach dem 5. Tequila hast du mir damals gesagt, dass du mit mir schlafen willst.“
 Ich betrachte seine Hände. Sanftes Kopfschütteln. 
„Das stimmt nicht.“ 
„Ach, muss dann wohl ne akustische Halluzination gewesen sein, entschuldige bitte.“ 
Er verneigt sich, als gelte ihm ein tosender Applaus, mein Schuh trifft sein Schienbein, ich lache laut. 
„Eben in der Bahn saß ein älteres, wohlhabendes Pärchen und 2 Jugendliche stiegen mit Sektflasche ein. Naja, wie es kommen musste, haben die damit ganz schön rumgesaut und der ältere Herr hat ein wenig Schaum ans Hosenbein bekommen. Die haben das Ding dann ganz groß aufgezogen. Wollten die Polizei rufen und so. Die 4 sind dann zusammen ausgestiegen und , ey hallo!“ ich packe seinen Arm. 
„Hörst du mir überhaupt zu, oder was alter?“
Ein Grinsen, das sich in der Kniekehle festbeisst und einen stürzen lässt, beim ersten Anflug von Unachtsamkeit.
 Sicherheitshalber halte ich mich kurz am Tresen fest. 
„Also wo war ich, genau ich bin dann mit denen ausgestiegen weil ich seit Tagen ne Blockade hab, weisste. Ich sitz so am Schreibtisch, hab ne Idee, ne Vorstellung, etwas schemenhaftes. Nehme Stift und Papier zur Hand, auf einmal nichts mehr. Nada.“ Ein Tippen gegen die Stirn soll das Vakuum unterstreichen. 
„Was hat das jetzt mit den Großeltern zu tun?“
„Man, warte doch mal. Bestell noch 2 Tequila, dann erzähl ich weiter. Also, jetzt aber wirklich. Ich steig mit denen aus der Bahn, die gucken mich alle 4 schon ziemlich verwirrt an, dann fängt der Alte wieder an zu zetern. Die Jugend von heute, alle kriminell! Alkohol in der Bahn! Dann auch noch Hochprozentiges, rosé Sekt! Ich räuspre mich also und sag ganz sachlich, es gäbe ja verschiedene Stufen der Kriminalität. Ich für meinen Teil wäre von meinem Aushilfsjob suspendiert worden, weil ich immer ein Cutter-Messer bei mir hätte. Und manchmal, da würde ich einfach so wütend, dass ich keine Kontrolle mehr darüber besässe, was ich damit anstelle. Dramatische Pause. Am schlimmsten sei es, wenn Menschen andere Menschen ungerecht behandeln würden. Da würde bei mir einfach was durchbrennen!“
„Und dann?“
„ Hab ich so n bisschen finster zwischen Oma-Opa-Bande und den Jugendlichen hin und her geguckt. Auf einmal, mit purer Panik im Blick, sagt die Alte: Karl-Heinz, wir gehen. Die Welt ist ein zu gefährlicher Ort geworden.“
Wir prusten beide los und hüllen uns anschließend in Schweigen. Aus den Augenwinkeln betrachte ich ihn, zupfe kurz an seinen Locken, er umfasst meinen Oberarm. 
„Lass uns gehen.“ Eine Stimme, wie Samt. 
20 Minuten später ist es das gleiche Szenario wie vor einem Jahr. Wir, auf der Brücke, die Lichter in der Ferne beobachtend, mit der Kälte im Nacken, die den Rücken runter kriecht. 
„Ich kann es mir zu gut vorstellen. Du in Paris, in viel zu großem Mantel, mit Rotznase. Du in Wien,  in deinen kaputten Strumpfhosen, mit einem Lachen das den Untergang verkündet.“ 
„Warum sprichst du das immer an? Du warst einfach weg und dann …“ Mich packt die Wut, alles verschwimmt kurz vor meinen Augen und der Wind schneidet kalt in meine Wangen. 
„Das ist einfach typisch für dich, weisste. Dieses Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn. Als wir uns zum ersten Mal gegenüberstanden wusst ich schon..“
„Dass du mich mögen wirst.“ unterbricht er mich. Galle steigt mir den Rachen empor. 
Ich wende mich ab und laufe weiter, die Finger zu kalt, um die Zigarette anzuzünden. Das Feuerzeug landet auf dem Boden und zerspringt.
„Wo willst n hin?“ 
„Nach Hause. Ich bin müde, ich bin kalt.“ Die Ampel ist rot, er bleibt stehen, ich laufe weiter. Autos hupen.
„ Das war ein schöner Versprecher.“ Die Stimme holt mich ein, hält jedoch aus Sicherheitsgründen einen gewissen Abstand. Die S-Bahn Anzeige springt auf 9 Minuten, das Gleis ist fast leer. 
„Du musst nur etwas sagen. Aber du hast zu viel Angst. Auch damals hast du nichts gesagt. Ich kam dir näher, du warst stumm. Ich distanzierte mich, du straftest mich mit deinem Schweigen. Ich komme dir wieder näher, du flüchtest dich in die Stille.“ Er macht 3 Schritte auf mich zu und steht direkt vor mir. 
Trotziges Kopfschütteln. „Du verstehst das nicht. Du verstehst gar nichts.“ Ich betone jede Silbe einzeln und komme mir vor wie eine billige Parodie meiner selbst. 
„Es war jemand anderes, oder?“ Die Bahn fährt ein und übertönt damit mein klirrendes Herz. 
Ich öffne die Tür, er packt mich am Arm. „Ich muss es wissen, nur einen Satz.“ Ich bleibe in der Tür stehen, einen Fuß auf dem Gleis, den anderen in der Bahn und beginne langsam zu lächeln.
Er geht langsam rückwärts, dreht sich dann ruckartig um und läuft die Treppen nach oben, 2 Stufen auf einmal nehmend, ohne sich noch einmal nach mir umzudrehen.
Nach 3 Stationen vibriert mein Handy.
„Bei all den fast Menschen, all dem fast Wohlgefühl, fühlt es sich an, als wär dein Herz das einzige gewesen, das vollkommen war.“ schreibst du. 
Der Junge neben mir kotzt in den Gang, ich reiche ihm ein Taschentuch ohne in anzusehen. 
„Fast und vollkommen“ denke ich mir noch, dann erreichen wir die Endstation und ich bleibe sitzen.

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