Endlich
Ich hab dich angerufen. Du warst grade am Zug und konntest nicht reden...
Ich habe dich angerufen. Du warst grade am Zug und konntest nicht reden. Aber zurückrufen wolltest du mich, sobald du zu Hause angekommen wärst. Die Minuten zwischen den Gesprächen waren nicht so furchtbar, wie ich dachte. Ich hab gelesen, gegessen, telefoniert. Als du dich dann gemeldet hast, wurde ich nervös.
Wie sollte ich dir das alles sagen? Wir sprachen über unsere Wochenenden und du fragtest, wann wir uns "endlich" wiedersehen würden. Ich begann unregelmäßiger zu atmen. Du hast ziemlich schnell gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung war. Wahrscheinlich hast du es schon Freitag gemerkt. Als wir auf dem Sofa saßen und du das Kissen so an deine Hüfte gelegt hast, dass es aussah wie eine Einladung. Und ich blöde Witze gemacht habe, um dir nicht zu zeigen, dass ich dich nicht berühren will. Ich weiß nicht, ob ich deinen Körper mag, ich habe dich noch nicht nackt gesehen. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr, ich bin froh nicht mit dir geschlafen zu haben.
Sehr reduziert waren die Informationen, die ich dir letztendlich zugestand. Mein großartiger Plan, dir alles zu sagen, ging ganz fürchterlich schief. Ich sprach über meine Egomanie und meine innere Kälte. Mit aller Kraft wollte ich dich dazu bringen, mich zu hassen. Wahrscheinlich dachte ich, ich sei dir das schuldig, das würde es leichter für dich machen. Was für eine bescheuerte Idee, so was macht nicht einmal in Filmen Sinn. Du warst so furchtbar verständnisvoll und traurig, tieftraurig. Es hat mir geschmeichelt, zeigte mir, dass ich etwas wert bin. Wie besessen hab ich beteuert, dass ich mir wünsche ich würde dich lieben.
Das war ein Fehler. Immer wieder hast du versucht mich davon zu überzeugen, ich bräuchte nur mehr Zeit. Ich ertrage Stille nicht. Niemals. Also redete ich immer weiter, bis ich nicht mehr wusste, worüber. Du hast nur geweint. Es war toll. Ich fühlte etwas, unerwartet. Mitleid. Mit dir? Ich weiß es nicht, aber es war da. Du hast immer weiter nachgebohrt, ich brauchte dir nicht einmal Vorlagen zu geben. Ich solle mir Hilfe suchen. Und "einfach" mal aufhören soviel nachzudenken. Was für ein beschissener Vorschlag. Alles war in deinen Augen Paradox.
Warum sollte ich mir die Beziehung wünschen, wenn ich keine Gefühle für dich habe? Was ist meine Motivation? Paradox. Dieses Wort wird inzwischen zwar ziemlich inflationär verwendet, aber es passt. Zu mir. Zu der Situation. Ich fühle mich irgendwie besonders, weil es bisher niemand geschafft hat, mich zu einer Beziehung zu bewegen. Ich bin sogar ein wenig stolz. Paradox.
Ich liebe mich einfach mehr als irgendjemand anderen. Als ich mit 16 ausgezogen bin, habe ich meine Eltern nicht eine Sekunde vermisst. Das war großartig, die vollkommene Unabhängigkeit. Mein Bruder mit seinen Drogengeschichten. Er tat mir leid. Aber es hat genervt. Ich fühlte mich verpflichtet ihn anzurufen, als er in die Klinik ging. Woche um Woche. Er hat einen Hauptschulabschluss, interessiert sich für Motorräder und Partys. Worüber sollte ich mit ihm reden? Also jede Woche meine Angst vor Stille umgehen. "Palaver-Alarm" schrillte es immer in meinem Kopf, wenn ich seine Nummer gewählt habe. Telefonieren ist furchtbar, fast noch schlimmer als "chatten". Würde jemand diesen Text lesen, der mich kennt, er würde mich jedes Mal vor seinem geistigen Auge sehen, wie ich diese blöde Bewegung mache, wenn ich beim Sprechen etwas in "" setzen will.
Er ist so ganz anders als ich. Wir sind zusammen aufgewachsen, ich als "der Kluge" und er als Sorgenkind. Er ist ziemlich einfältig, aber besitzt unglaubliche soziale Kompetenzen. Gut für ihn.
Du hingegen bist sehr klug, du hast viele meine Ausreden durchschaut. Vielleicht auch mich, keine Ahnung. Du hast nicht gefragt, wie ich mit dieser Kälte so gut leben kann oder dass ich etwas ändern muss. Nur, dass ich "Hilfe" brauche. Vielleicht brauche ich die, mein letzter Text hat mir gezeigt, dass viel weniger Menschen, als ich dachte, so sind wie ich. Du wusstest irgendwann nicht mehr, was du noch sagen sollst. Ich habe dich weinen gehört. Dann hast du aufgelegt. Ich saß minutenlang nur da und hab dem "tuuut" der Leitung zugehört. Und plötzlich, ganz unvermittelt, fühlte ich mich schuldig.
Dies war vielleicht eins der wichtigsten Telefonate meines Lebens. Ich bin nicht tot. Nicht in meinem Inneren. Nicht ganz. Morgen schon wirst du mir egal sein. Eigentlich geht es mir auch jetzt schon wieder gut. Ich werde meine Schuldgefühle verdrängen. Aber ich werde mich immer daran erinnern: Es gab sie.
Erst eben habe ich gesehen, dass du noch einmal angerufen hast. Meine Mobilbox hat es mir gesagt. Ich rufe dich nicht zurück. Damit werde ich wohl nie erfahren, was du noch zu sagen hattest, denn eins hast du ganz klar gemacht: Du willst mich nie wieder sehen. Damit kann ich leben. Und morgen fahre ich in den Baumarkt, ich muss nächstes Wochenende umziehen. Ich hab mit mir selbst eine Wette abgeschlossen, wie lange es dauert, bis ich dich vergessen habe. Ich sage: 2 Wochen. Es hält niemand dagegen.


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Kommentare
Nunja, ich finde nicht, dass es sich "so runter liest".
10.05.2010, 20:02 von MissRevolverIch glaube, das empfindet jeder anders, abhängig davon, wie sehr man sich selbst auf die Person projezieren kann.
Ich konnte es nicht so leich "runterlesen".
passt schon.
02.05.2010, 16:47 von schneekuchenmmmmhhmmm ich weiß nicht was ich dazu sagen will. Es liest sich irgendwie so runter hier wird etwas angedeutet dort etwas näher ausgeführt. Es klingt eher wie ein Selbstgespräch indem man von einem Gedanken zum nächsten springt und doch wieder dort raukommt wo man angefangen hat. Prognose fürs weitere Leben: du kommst wieder dort an wos angefangen hat. Einmal erlernte Strukturen werden wohl beibehalten. Aussicht auf Besserung nicht gegeben. Schade.
27.04.2010, 22:45 von svartoegadanke, diese texte haben mir zu verstehen gegeben, dass ich mir das nich nur einbilde.... das gibt es wirklich... ob es traurig is weiß ich nich, für mich war es traurig genau die person zu sein, die alles gesagt bekommt nur nich die wahrheit und das ist es was hier geschrieben steht...
27.04.2010, 19:14 von Missaliekeine ahnung worüber alle bzgl der beiden texte hier 'diskutieren'. sie sind genauso wie das angebliche gefühl dahinter.
26.04.2010, 23:40 von zeitsprungZum Punkto Perspektive: Mir gefällt´s. Wenn es nicht in der Ich-Person geschrieben wäre, wär es unglaubwürdig und nicht so mitreißend. Und Tagebuch-Gesülze hin oder her, es ist doch jedem selbst überlassen, was er veröffentlicht.
26.04.2010, 18:39 von solasweetWas ich eigentlich sagen wollte: Aus der Sicht der Frau kann ich nur sagen, dass du eine mutige Entscheidung getroffen hast, es ihr so offen erzählen zu wollen. Ich habe ähnliches (wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich mich fragen, ob wir uns nicht kennen^^) erlebt. Mit hat es geholfen, zu wissen, was mit ihm los ist. Auch wenn es weh tut. Ich glaube, es war eine gute Eintscheidung, für euch beide. Nur das Medium, das Telefon, halte ich für sehr unpersönlich. Ich hätte so ein Gespräch nicht über ein Telefon führen können und wollen.
Wie auch immer, mir gefallen die Texte. ;-)
der text ist wirklich gut gemacht...
26.04.2010, 18:35 von feinwegaber irgendwie wird mir schlecht von dem menschen, den du da beschreibst.
Bla bla, liebes Tagebuch.
26.04.2010, 15:17 von SousleauTeil II gefällt mir sehr gut. Im ersten Text war ich überrascht von der Klarheit mit der du beschreiben kannst, was du fühlst - oder auch nicht. Ich erkenne vieles wieder und mag gerade die Perspektive.
26.04.2010, 14:59 von Ewiges_Kind