justanotherpicture 30.11.-0001, 00:00 Uhr 50 123

Endfang

Manchmal lag ich in sternenklaren Vollmondnächten wach und betrachtete Marie, wie sie neben mir lag. Die Bettdecke zerwühlt, meistens auf der Seite oder dem Rücken, die Beine weit von sich gestreckt. Ihre Haare komplett durcheinander von den geheimnisvollen Kämpfen, die sie nachts mit sich selbst austrug. Das Mondlicht fiel auf ihre blasse Haut und verlieh ihr einen fast magischen Glanz. Ich genoss die seltenen Momente, in denen sich ihr Brustkorb gleichmäßig hob und senkte und sie ihren inneren Frieden für eine Weile gefunden zu haben schien. Doch wenn ihre Träume sie zu sehr plagten, sie ihren Körper schweißnass von der einen Seite des Bettes auf die andere warf, weckte ich sie auf. Erst nach einigen Sekunden nahm sie dann wahr, wo sie tatsächlich war. Dass alles nur ein böser Traum gewesen war. 

Anfangs fragte ich sie noch, was ihr so sehr zu schaffen machte, doch nach einiger Zeit verstand ich, dass ich ihre schlimmsten Albträume nie verstehen würde. „Ich bin hier“, versuchte ich sie dann zu beruhigen und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Meistens entgegnete sie darauf nichts, sondern zog mich ganz nah zu sich heran, so nah, dass ich ihren Atem auf meiner Haut spüren konnte. Dann blickte sie mich an und das Licht des Mondes brach sich in ihren Augen. In diesen Momenten spürte ich, dass sie damals recht hatte, als sie sagte, dass es nicht einfach werden würde. Dass unserem Anfang schon immer eine Ende innewohnte. In diesen Momenten versuchte ich, mir jedes Detail ihres Gesichts einzuprägen, damit ich nichts davon je vergessen würde. Die Farbe ihrer Iris. Die kleine Unebenheit auf ihrem Nasenrücken. Die feinen Linien um ihre Mundwinkel. Was ich in diesem Augenblick nicht sah, waren die tiefen Narben an ihren Unterarmen. Aber ich wusste, dass sie da waren.

An dem Morgen, als sie ging, war ich zu sehr in Eile und mit mir selbst beschäftigt, um zu bemerken, dass irgendetwas an ihr anders war als sonst. Ich drückte ihr zum Abschied nur einen flüchtigen Kuss auf die Wange und erinnerte sie daran, dass wir abends zum Essen verabredet waren. Ihrer Bemerkung, dass sie vielleicht nicht mitkommen können würde, maß ich keine große Bedeutung bei.

Erst ein Anruf ihrer Mutter führte mir vor Augen, dass sie gegangen war. Zuhause auf dem Küchentisch fand ich nur einen Zettel.

Vergiss mich nicht.
In Liebe,
Marie








„Weißt du was?“, hatte Marie mich einmal in dem Frühling vor drei Jahren gefragt, als wir uns kennenlernten. „Du darfst jetzt nicht traurig sein, wenn du das hörst. Aber das zwischen uns gerade, das ist kein Anfang. Ich bin nämlich schlecht in Anfängen. Was mir liegt, sind Enden. Alles, was beginnt, wird irgendwann enden. Deswegen ist das kein Anfang. Sondern ein Endfang.“ Ich verstand kein Wort und dann lachte sie, fast eine Minute lang und ich dachte, gerade das schönste und seltsamste Mädchen der Stadt vor mir zu haben. 

Heute weiß ich, was sie meinte.

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    Ein leichtes Brennen in meinen Augen... Schmerzhaft und schön zugleich. Zauberwarme Grüße in die Nacht

    13.02.2016, 22:52 von Naleli
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    <3

    07.12.2015, 11:18 von themagnoliablossom
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    Oh Mann. Willkommen im Club.

    In meinem Fall lief das etwas komplexer, da Fernbeziehung... die Schnittmuster in ihrem Unterarm waren kaum noch sichtbar, "I'm all right, really, it was long ago."... 
    hätte ich doch nur gewußt, was dahinter steckt, von wegen all right, die wirkliche Wunde wird niemals heilen. Aber ich wollte ja unbedingt nach Suomi auswandern, die haben noch echten Schnee... wir flogen abwechselnd zu dem anderen, planten eine Familie, fetzten uns wegen der Kindernamen... nach einem dreiviertel Jahr war ich dann bereits im Tal der Abwertung unterwegs-ohne Vorwarnung schlug das hier ein: "I will take a vacancy on grenada. I need time to think. Talk to you when I am back."
    Taten wir, via Skype, wie üblich, aber natürlich war es zwecklos. Ich wußte schon, dass es aus war, sie wußte dass ich es wußte, aber einen Grund konnte und wollte sie nicht nennen. Ein Jahr später hat sie ihren Ex geheiratet. Mit dem was ich heute weiß, kann ich nur sagen, ich habe Glück gehabt. Er nicht. Eine Warnung an alle BLs die hier lesen: eure Verhaltenstherapie ist niemals(!) abgeschlossen. Die ist ein Leben lang notwendig und alles, was ihr dagegen argumentiert, entspringt eurem Krankheitsbild. Tut den Menschen um euch herum einen riesigen Gefallen und bleibt dran. 
    Mutiger Text, justanotherpicture. Auch wenn er alte Wunden aufgerissen hat: Daumen hoch.

    16.03.2015, 10:36 von Morlott
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    Dein Text ist zu wunderschön und traurig zugleich um einfach auf "mag ich" zu klicken.

    Und irgendwie hoffe ich, dass das nur ein Text ist.

    15.03.2015, 17:53 von pecadomortal
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    Mir fehlen gerade die Worte. Also nur eins: wunderschön!

    24.02.2015, 18:25 von Kein_Wunderkind
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    Wow!

    06.02.2015, 06:45 von smoale
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  • 0

    Danke für Gänsehaut und Tränen in den Augen.

    05.08.2014, 17:25 von LillyZauber
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      Gern geschehen.

      05.08.2014, 19:33 von justanotherpicture
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