hib 30.11.-0001, 00:00 Uhr 47 36

Ende im Gelände

Das Ende schmeckt nach karamellisierten Mandeln.

Ich kenne Johanna jetzt seit einem Jahr. Ich mag Johanna jetzt schon ein ganzes Jahr. Johanna ist meine Freundin und ich bin ihr Freund. Seit 12 Monaten jetzt schon. Da ist nichts gewesen in der Zeit, das mich hätte von ihr abhalten können. Kein schlechtes Gefühl. Kein Zweifel. Sie ist kleiner als ich. Das mag ich. Sie hat schwarze Haare. Steht ihr. Sie hat große Brüste. Find ich klasse. Sie bringt mich zum Lachen. Auch super. Ich kann sie riechen. Was will man mehr. Ja, was will man eigentlich mehr.

Wir haben uns auf einem Jahrmarkt kennen gelernt. Rummel heißt das bei uns. Zweimal im Jahr streift dieser hysterische Zirkus aus Glühlampen und fettigem Essen wie ein Pistolenschuss unsere kleine Stadt. Die Jugend trifft sich. Die Erwachsenen besaufen sich. Und Johanna und ich haben dort gearbeitet. Sie als Gespenst in der Geisterbahn. Ich als Pilzpfannengriller. In den Pausen sind wir immer Riesenrad gefahren. Also anfangs jeder für sich allein. Da haben wir uns zum ersten Mal gesehen. Wir mussten zusammen in eine Gondel, weil so viele Leute fahren wollten und Andi, der Typ am Riesenrad, nicht wollte, dass nur eine Person in die Gondel geht. Erst fanden wir das beide zum Kotzen. Aber nachdem wir uns einmal durch den Himmel gedreht hatten, waren wir zusammen. Also nicht sofort, natürlich. Aber es war klar, dass es darauf hinaus laufen würde. Und so lief es dann auch. Wir redeten uns um den Verstand. Dann schliefen wir miteinander. Und beschlossen, dass sich daran erst mal nichts ändern sollte.

Das ist unsere Geschichte. Nicht spektakulär. Aber es ist eben unsere. Heute sind wir ein Jahr zusammen. Der Rummel ist wieder in der Stadt. Es ist ein warmer Sommerabend. Also gehen wir hin. Zum Glück arbeiten wir da nicht mehr. Aber ein Stück unserer Herzens ist von der Zeit damals noch immer karamellisiert. Deshalb kann man es in der stehenden Popcornluft aushalten. Wir haben ja uns und das, was war. Als wir das Gelände betreten, ist klar, dass wir Riesenradfahren werden. Keiner von uns sagt etwas. Wir sind schon in der Phase, wo man sowas nicht mehr sagen braucht. Wir sind uns schon so bekannt, dass man sich einander nicht mehr vorstellen braucht. Die Gespräche sind nur noch selten durchzogen von Geschichten aus alten Zeiten, mit denen man dem anderen sagt, wer man ist. Und wie alles soweit gekommen ist. Wir sprechen über die Zukunft. Denn dort wollen wir hin.

In der Schlange zum Riesenrad schaue ich Johanna an. Sie sieht hübsch aus. Ihre schwarzen Haare hat die Sonne zu Strähnen verklebt. Die hängen ihr jetzt an der Stirn. Sie hat Sommersprossen bekommen. Und auf ihrer süßen Nase warten ein paar Schweißtropfen darauf, zu Boden fallen zu dürfen. Doch, ich hab sie gern. „Was glotzn so, huh?“. Johanna grinst mich an. „Biste verliebt in mich, ja? Das seh ich dir sofort an, Jungchen.“ Ich mags, wenn sie die große Klappe hat. Aber ich kanns auch nicht auf mir sitzen lassen. „Klar bin ich verknallt in dich. In dich und in das Geld deiner Eltern.“ Wir lachen und küssen uns. Beides kurz. Beides mit der Routine eines Jahres Nähe. Es ist kitschig. Es ist schön. Es ist unser letzter Kuss. Aber das wissen wir nicht.

Wir steigen in die Gondel ein und setzen uns einander gegenüber. Das Riesenrad, unser Riesenrad, ist ein wirkliches Riesenrad. Es passt so gar nicht zu unserer Stadt, zu den Leuten hier, zu den Gedanken, die man in den Straßen hat. Es ist ungefähr fünfzig Meter hoch und man kann vom höchsten Punkt aus fast Berlin sehen. Die Gondeln sind offen und in der Mitte ist ein Ring, an dem man der Erde noch ein wenig mehr Schwung verleihen kann. Das Rad setzt sich langsam in Bewegung. Nur ein paar Meter immer. Dann steigen unten wieder Leute ein und aus. Wir sitzen uns gegenüber, zehn Meter über dem Boden. Johanna schaut auf die Schiffschaukel. Ich schaue auf Johannas schöne Beine. „Sieh mal, die Leute in der Schiffschaukel verlieren ihre Sachen!“ Ich blicke Johannas Finger nach und sehe, wie ein paar Leute in der Schiffsschaukel gerade über Kopf hängen und mit den Armen hysterisch nach unten zeigen und winken und fuchteln und schreien. „Ich glaube das ist ganz normal. Die haben extra Leute dafür, die das Zeug dann wieder einsammeln.“ „Ich würde nie mit diesem Ding fahren. Mir ist unser Rad tausend mal lieber. Hier haben wir soviel Zeit. Das sind unsere Momente.“ Johanna drückt mich, nachdem sie das gesagt hat. Ein bißchen fester als sonst.

Das Rad bewegt sich. Diesmal etwas länger. Bei 30 Metern halten wir wieder an. Johanna schaut mich an. Komisch, schaut sie mich an. Als ob sie sich an etwas verschluckt hätte. Sie rutscht den Sitzring um 90 Grad in meine Richtung. Sie sitzt jetzt neben mir. Ein Windstoß trifft uns. Die Gondel fängt an zu schaukeln. „Ich muss dir was sagen.“ Sie schaut mich ernst an. So ernst, wie sie das mit ihren braunen Rehaugen eben hinkriegt. Ich erschrecke mich ein bisschen. Wieder der Wind. Wieder schaukeln wir. „Was denn?“ „Naja. Also. Wir sind ja heute ein Jahr zusammen. Und. Und du bist meine längste Beziehung bis jetzt.“ Sie stockt. Das Rad fährt bis auf 40 Meter und hält. Ich halte den Atem an. „Ja? Und?“ „Also, ich fühl mich so wohl mit dir. Und ich glaube ich lieb dich jeden Tag ein bisschen mehr.“ Ich verziehe im Spaß das Gesicht. Ich glaube, dass es Spaß ist. Der Wind wird stärker. Irgendwo quietscht ein Scharnier gewaltig. Das Metall beschwert sich. Sie greift meine Hand. „Also keine Angst. Ich will dich jetzt nicht heiraten oder so. Aber ich wär gern mit dir für immer zusammen. Es ist nur ein Gedanke. Aber ich kann mir das wirklich vorstellen mit dir. Komisch, wa?“

Das Rad steht mittlerweile auf 50 Metern. Wir haben den höchsten Punkt erreicht. Ich kann über die ganze Stadt sehen. Ich könnte wenn ich wöllte jedes Licht zählen, das sich nur die Mühe macht, bis zu mir zu scheinen. In der Ferne sieht man den heiligen Schein Berlins, wie er sich im dunklen Nachthimmel spiegelt. Johannas Augen leuchten so hell wie der Bierstand da unten. Für immer zusammen bleiben. Nie wieder verlieben. Nie wieder unsterblich sein. Nie wieder den Puls bis zum Horizont jagen, nur allein mit dem Gedanken an eine Berührung. Nie wieder ein fremdes Mädchen bekannt machen. Nie wieder in einer unbekannten Wohnung einschlafen lernen. Nie wieder beim zweiten Treffen aufgeregter sein, als beim ersten. Nie wieder Muskelkater in den Armen vom Parallelflugüben. Nie wieder eine fremde Hand auf meinem Gesicht. Nie wieder Lippen, die noch nicht alles gesagt haben. Nie wieder den Geruch eines fremden Menschen spazieren tragen. Nie wieder Sex mit Herzrasen. Nie wieder die Unsicherheit des Anfangs. Nie wieder ein neuer Anfang. Für immer gegen das Unbekannte. Für immer vorbei der Spaß. Ende im Gelände.

Ich schaue Johanna an. Wie sie mich anschaut. Wie sie hoffnungsvoll in meinen Augen nach der Antwort sucht, die sie sich so sehr wünscht. Aber sie wird sie nicht finden. Ich schüttele den Kopf. Streiche ihr über die Wange. Johanna legt den Kopf schief wie ein Huhn. Wind kommt auf. Das Rad setzt sich in Bewegung. In Abwärtsbewegung. Wir haben den Zenit überschritten. Die Schwerkraft legt sich auf unsere Schultern. Die Gondel wackelt. Ich stehe auf. Johanna schaut mich fragend an. Ich gehe zum Rand der Gondel, stelle meine Füße auf die Sitzbank. Johanna kreischt, versucht mich festzuhalten. Aber als die nächste Böe die Gondel trifft, springe ich mit breiten Armen in den Strom aus Juliluft. Und fliege davon. Als ich mich das nächste Mal umdrehe, ist zum Glück alles vorbei.

Das war knapp.

36

Diesen Text mochten auch

47 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    sehr schöner Text, Kompliment!

    Das einzige was mich stört, ist der letzte Satz, das klingt für mich so, als ob damit der gesamte Text ins lächerliche gezogen wird...

    und es wird kein Männerproblem behandelz, also aus meiner Sicht. Es kann noch alles zu perfekt sein, wenn man fühlt, gehen zu müssen, sollte man das auch tun. Auch wenn eine Beziheung perefkt ist, kann es besser sein, sie zu 'beenden'.
    Nichts passiert ohne Grund
    und kein Gefühl entsteht einfach so

    25.08.2010, 01:41 von kitschigerhimmel
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich finde die Geschichte traurig!! Wenn ich so eine Beziehung hätte, würde ich sie nicht wegschmeißen!!! Ich würde sie genießen!! Ich wünsche mir so etwas richtig!! Ich würde nicht springen!!

    02.08.2010, 16:58 von M-a-u-s-i
    • Kommentar schreiben
  • 0

    bewegend :)

    01.08.2010, 02:30 von Bunter_Kunt
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Schöner Text. Und ich hatte Bauchkribbeln, weil ich beim Riesenradfahren erst immer etwas Angst habe. Aber das Ende fand ich dann etwas feige.

    29.07.2010, 15:15 von Janu
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Irgendwie ist das traurig. Da kann ich vielen hier nur zustimmen.
    Also ich verstehe das. Die Angst, das NEUE nie mehr zu erleben (nie mehr in diesem Moment.)... Aber deswegen alles zu beenden?
    Ich kenne diese Worte... "Ich liebe dich. Du bist die Frau fürs Leben. Heiraten. Familie. ABER ich bin noch nicht bereit dafür. Tschüss..:"
    Ja ich meine.... Irgendwann wacht ihr dann auf und seit 37. Wohnt immer noch in eurer 2-Zimmer Wohnung mit einer Küche die nur zum Kaffee-machen benutzt wird. Zieht euch an, geht zur Arbeit. Übersteht den Vormittag und albert in der Mittagspause mit den Kollegen. Könnt das Ende der Arbeitszeit kaum erwarten. Auf dem Heimweg fahrt ihr an einem Familienauto vorbei, der Vater sieht gestresst aus, die Mutter versucht die beiden schreienden Gören auf der Hinterbank zu beruhigen. "Ein Glück, dass mir das bis jetzt erspart geblieben ist" denkt ihr und fahrt nach Hause, wo ihr erstmal ein Feierabendbierchen trinkt und euch später mit nem Kumpel noch zum Kickern trifft. Es folgen noch ein paar Biere mehr und als ihr euch später ins Bett legt wisst ihr genau, dass ihr froh seit, niemanden zu haben der euch fragt, wo ihr so lange gewesen seit.

    Am nächsten Morgen wacht ihr auf. Und seit 43. Mittlerweile wohnt ihr in einer etwas luxuriöseren 3-Zimmerwohnung in einem besseren Viertel. Könnt morgens einen Anzug anziehen und fahrt mit einem teureren Auto zur Arbeit.
    Beim Mittagessen lauscht ihr einem jüngeren Kollegen, der mit strahlenden Augen von seiner kleinen Tochter spricht, die gestern zum ersten Mal "Papa" gesagt hat.
    Und dann ist da dieser Moment. Dieser kleine Stich. Der Neidfaktor. Obwohl ihr es nicht wollt.
    Abends beim Bier auf der edlen Ledercouch sehnt ihr euch dann nach einer Frau die euch fragt, wie der Tag war. Kinder, die es ignorieren, dass ihr kaputt seit.

    Aber es ist ein bisschen spät. Wenn ihr jetzt Vater werden würdet, dann würdet ihr fast 50 sein wenn der Kleine in die Schule kommt. Und die anderen Kleinen würden fragen, ob ihr der Opa seit.
    Wie Kinder eben sind.

    Aber bitte... jeder muss für sich wissen, was ihn glücklich macht.

    28.07.2010, 15:04 von diekatzemitlocken
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4 5 ... 5

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare