Elliott, Sie und ich.
Gleich fahre ich nach Berlin. Zu Elliott Smiths Liedern. Zu dir, zu mir. In unsere Stadt, die nur noch deine ist.
Es wird komisch, soviel steht fest. Von dem Moment an, in dem mein Wecker klingelt. Dann gehe ich duschen, suche mir schöne Klamotten zusammen und fahre zum Hauptbahnhof, um das erste mal seit einem halben Jahr in die Mitfahrgelegenheit zu springen.
Ich kann mich noch viel zu gut erinnern, wie es war. Die Tür dieses anonymen Autos war das Ziel der ganzen Woche. Dieses Auto würde mich zu meiner Liebsten bringen und ich würde wieder erkennen, aus welchem Grund ich über diese Welt stolpere. Das hat sich geändert.
Jetzt stolpere ich allein und erkenne nicht den Zweck darin. Fahre nach Berlin, um bei einer Tribute Night Bands zuzuhören, die sich vor Elliott Smith verbeugen. Vor dem, der mir hilft, weniger zu weinen. Vor dem Einzigen, der immer da ist. Ohne den ich die Zeit nach dir nicht überlebt hätte. Das klingt nach erschlagendem Pathos, ist aber nüchterne Wahrheit. So fahre ich da morgen hin und höre mir seine Lieder an. Zum 12000. mal werden sie in meinen Kopf gehen, und auch beim 180000. mal werden sie mich nicht langweilen. Bei himmlischen Höhenflügen und suizidalen Abgründen, Elliott Smith hat mich begleitet. Sich selbst zu langweilen wäre auch furchtbar.
Ich bin ich, und das ist leider Gottes der Großteil von dem, was des Nachts durch Hamburgs Straßen wankt. Der Nils, der sich seit 24 Jahren kennt, sich vor einem halben Jahr nochmal neu kennen lernen musste. Dessen altes unbekanntes Ich sein neues Leben zu der Scheiße gemacht hat, durch die er immer schwächer und leerer warten muss. Der die Wendung zum Positiven sucht und sich immer tiefer im Selbsthass eingräbt.
Da ist Elliott Smith, den ich nie getroffen habe. Den ich erst entdeckt habe, nachdem er bereits gestorben war. Der aber soviel Trost dagelassen hat, der es leichter macht, nicht auch zu gehen. Der anscheinend, und das ist wahrscheinlich nur, was mein wahnsinnig interpretatives Hirn sich ausmalt, jeden Schmerz, mit dem ich kämpfe, hinter sich hat. Er hat es nicht geschafft.
Und da bist du. Meine andere Hälfte. Der endgültige Beweis, dass es einen Grund gibt, warum ich hier bin. Wunderbarstes von allem, was je geschaffen wurde. Das Ziel, das ich mir selbst genommen habe. Der Mensch, den ich bis zur rosinenhaften Verschrumpelung küssen möchte. Meine Liebe.
In ein paar Stunden wird der Wagen Kilometer fressen, ich werde das erste mal seit einem halben Jahr die Schönheit der interhamburgberlinalen Autobahn genießen. Die Bäume anschauen, die ich in der glücklichsten Zeit meines Lebens voller Vorfreude angelotzt habe. Ihre herbstlich bunten Kronen werden mir grau erscheinen und ich werde die Tränen runterschlucken.
Wir drei kommen wieder zusammen. Schade, dass sich keiner von uns darüber freuen wird.
Aber ich fahre nicht deinetwegen nach Berlin. Ich fahre Elliotts wegen dort hin. Ich werde aussteigen und durch unsere Stadt gehen, werde Kaffee trinken, wo ich dir mal Feuer geben durfte, werde durch Straßen stapfen, die unseren Küssen zuschauen durften. Ich wette, sie waren glücklich. Aber ich werde versuchen, mir zu sagen, dass es darum nicht mehr geht.
Trotzdem bist du mit mir hier, gleichzeitig anscheinend so unfassbar weit weg. Es bricht mir das Herz, jeden Tag. Der Gedanke, dass du in den Spiegel schaust und dir sagst, dass du mich nicht mehr liebst. Und dabei nicht mal lügst. Oder doch? Niemand weiß irgendwas.
Diese Straßen sind wir. Dein duftender Goldkopf, der von meiner Hand gekrault wird. Meine Klodeckelhand, die von deiner festgehalten wird. Das ist, was war. Und es wird da sein, solange wir irgendwo sind. Mit dir, ohne dich. Ich weiß, dass du für immer in meinem Herzen wohnen wirst. Und solange werde ich warten, bis du mir wieder deine Zeit schenken möchtest. Wenn es vergebens ist, wird es niemals vergebens gewesen sein. Das weiß ich.
So werde ich im Auto sitzen. Mit mir, mit dir, mit Elliott. Hoffend, dass der Weg sich lohnt. Letzten Endes lohnt sich jeder Weg für uns drei, glaube ich.
Oder wenigstens für uns zwei."Wichtige Links zu diesem Text"
Elliott Smiths offizielle Seite.


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Kommentare
Sehr ehrlich geschrieben. Man liest die Verletztheit des Autors heraus. Aber das macht diesen Text autenthisch und nicht zu irgendeinem Liebeskummertextchen.
09.10.2011, 15:20 von topfbluemchen
28.02.2009, 18:23 von mezzanineSo kann man nur über Elliott und die Liebe schreiben.
Danke.
Vor 6 Jahren entdeckt.. dringt er immer noch geliebt in mein Ohr - hoffentlich 'für immer'.
needle in the hay
17.09.2008, 13:53 von IamTheMainstreamIst gut. Bleibt gut. Wie Elliot. Punkt.
04.08.2008, 15:08 von Niniel82Grüße
elliott smith ist einfach der wahnsinn!
14.03.2008, 02:58 von zuckerkitschman kann ihn immer hoeren wenn man gerae etwas komisch drauf ist und sich traurig fuehlt oder auch einfach so.
ich mag den text!
something's happening - don't speak too soon!
sehr schön...
01.07.2007, 21:55 von merlevielleicht wirst du immer wenn du elliot hörst oder durch berlin läufst an sie denken, aber irgendwann wirds nicht mehr weh tun...!
"Wenn es vergebens ist, wird es niemals vergebens gewesen sein. Das weiß ich."
28.06.2007, 16:43 von ahoyDass hoff ich auch.
Ich bin auch tief beeindruckt und konnte den Schmerz bis hier hin fühlen...weiß gar nicht, was ich schreiben soll?
24.02.2007, 08:45 von ZauberhaseLiebe Grüße nach Hamburg