alwaysthinking 17.04.2012, 20:13 Uhr 2 1

Einmal lieben und wieder zurück

Wir haben uns auf Freundschaft geeinigt. Weil es uns beide beruhigt, weil es Probleme vermeidet, weil es um so viel einfacher ist. Darum.

Kennengelernt haben wir uns schon vor langer Zeit, vor einigen Jahren. Anfangs lebten wir einfach so nebeneinander her, redeten nicht viel, hatten auch nicht viel miteinander zu tun. Manchmal lächelten wir uns zu, manchmal rutschte sogar ein kleines „Hey“ oder „Hallo“ aus unseren Lippen. Ausnahmsweise. Mehr war da nicht. Wir waren uns egal, legten keinen Wert auf das Entstehen einer Freundschaft, setzten uns auf jeden Fall nicht dafür ein. Es lebe der Status Quo.

Irgendwann, bei irgendeiner Feier, in irgendeinem Haus kamen wir dann irgendwie ins Gespräch. Wir redeten, tranken, lachten zusammen. Die Tage, Wochen, Monate vergingen, die Zeit rannte uns davon. Immer häufiger redeten wir beim Weggehen jetzt miteinander und auch wenn wir uns außerhalb des Feierlebens trafen, zählte nicht mehr nur ein kurzes Lächeln, sondern jetzt sogar ein paar flüchtige Worte zu unserer Gewohnheit. Es entwickelte sich eine kleine, oberflächliche Freundschaft, mit einem immer mehr verschmelzenden Freundeskreis und ganz viel Sympathie.

Irgendwann trafen wir uns dann mal außerhalb der Schule, außerhalb des Feierns, außerhalb des Ausnahmezustands. Ganz gewöhnlich setzten wir uns auf eine Bank und redeten über ganz normale Themen. Einen Schritt weiter waren wir aber gegangen. Wir gingen jetzt ein kleines bisschen ernsthafter, ein kleines bisschen ehrlicher und ein kleines bisschen besonderer miteinander um. Wir lebten von da an nicht mehr nur nebeneinander her, sondern ließen unsere Wege immer häufiger absichtlich kreuzen.  Du hast mir erzählt, welche Theaterstücke in deinem Leben gespielt werden, welche Intrigen darin vorkamen, welche schlechten Scherze, aber auch auf was du wert legst und warum du so oft am Zweifeln bist, ob du das Stück gut oder merkwürdig finden solltest. Du hast gesagt, dass du das Gegenteil von mir bist, du bist viel zu oft viel zu kaltherzig, du lässt dich viel zu selten und zu schwer auf jemanden ein, du sorgst dich viel zu wenig um deine Mitmenschen und Freunde. Ich sei da anders.

Dann kam wieder eine dieser Nächte, eine dieser Exzesse. Es war eine warme Herbstnacht, wir hatten alle viel zu viel getrunken, die Welt war schon so schön bunt, so schön verdreht, so wunderbar einfach. Wir trafen uns an der Bar, redeten, tanzten, den ganzen Abend lang. Irgendwann küssten wir uns. Irgendwann fanden wir uns draußen unter dem Sternenhimmel wieder. Nur wir, Wodka und die stille Zweisamkeit. Und irgendwann wachten wir dann nebeneinander auf. Allein in einem kitschigen Jugendzimmer, zusammen mit unerträglichen Kopfschmerzen, unangenehmer Stille, Scham und jede Menge Erinnerungslücken. „Ich geh dann mal“ murmelte ich, packte mein Zeug und verließ den Raum. Und dich.

Du hast mir mal gesagt, dass du immer den Frauen das Herz brichst. Daran erinnerte ich mich auf den Nachhauseweg. Ich dachte an dich und wusste nicht, was ich denken sollte. Was ich von mir, von dir, von uns, von dieser Nacht halten sollte. Was das alles überhaupt sollte.

Wir sahen uns ein paar Tage nicht, meldeten uns beide nicht. Das darauffolgende Wochenende trafen wir uns wieder. An der Bar, wie schon so oft. Oberflächliche Themen wurden angeschnitten, nichtssagende Worte gewechselt und am Schluss gab’s einen Kuss. Als Belohnung für diese unangenehme und angespannte Situation sozusagen. Dann lächelte ich und steuerte zielsicher auf den Ausgang zu.

Du hast mir mal gesagt, du lässt die Mädchen schon stehen, wenn’s sein muss, wenn’s zu ernst wird, zu unangenehm. Daran musste ich denken, als ich den Raum verließ und ging.

Du hast auch gesagt, du meldest dich bei den Ladys nicht, wenn du nicht glaubst, dass es das wert ist, fiel mir ein, als du mir daraufhin geschrieben hast. Ob wir mal normal miteinander reden könnten, morgen oder so, morgen Mittag wär gut, okay, geht klar.

Ich verbrachte die ganze Nacht damit, mir Gedanken über unsere Situation zu machen, von der ich einfach nicht wusste, welchen Namen ich ihr geben sollte, in welche Schublade ich sie stecken sollte. Stundenlang zerbrach ich mir den Kopf darüber, was das alles sollte, kam jedoch auf keinen Entschluss, fand keine Lösung. Ich konnte das alles einfach nicht sortieren, konnte es nichts zuordnen und wusste weder was ich wollte, noch was das für Gefühle in mir waren. Diese Gefühle fühlten sich so gefühlslos an, so kalt, so herzlos und das war ich von mir nicht gewohnt. Normalerweise war immer ich es gewesen, die stehen gelassen wurde, die jemanden Monatelang nachheulte und am Ende einer Geschichte immer als der Verlierer dastand. Aber was war ich in dieser Geschichte? Welche Rolle spielte ich? Spielte ich überhaupt eine Rolle oder besser gefragt: spielte diese Geschichte in meinem Leben eine Rolle?

Wie ein Roboter verließ ich am nächsten Tag das Haus, ging zu unseren Treffpunkt, begrüßte und umarmte dich. Du schienst nervös. Normalerweise war ich immer die aufgeregte, die unruhige gewesen. Normalerweise. Dann begann eines dieser schwierigen Gespräche, in denen ich sonst immer die Fragende, die Leidende war. Doch heute hast du mich gefragt, was das alles war, was es mit uns auf sich hatte. Ich konnte dir keine konkreten Antworten geben, verwendete diese alten, abgedroschenen, ekelhaften Floskeln und beantwortete letzten Endes keine deiner Fragen wirklich. Zuletzt hast du dann gesagt, dass wir von dir aus, die Sache auf sich beruhen lassen können. Dass wir das beenden und uns nicht weiter streiten sollen. Ich nickte, murmelte „ich geh dann mal“ und verließ den Platz. Und dich.

Auf der Straße fiel mir dann ein, dass ich dich ja eigentlich doch mochte, dass ich dich eigentlich schon immer ziemlich gut fand. Dass wir eigentlich ein gutes Team wären.

Also drehte ich mich um und ging zurück zu dir. „Noch Lust auf einen Kaffee?“ Natürlich.

Dann konnte ich doch noch über alles ehrlich reden, ohne diese vorgefertigten Sätze. Aus einem Kaffee wurden drei Tassen und ein Döner aus unsrer Lieblingsdönerbude. Am Ende hast du dann gesagt: „Gut, dass wir uns geeinigt haben.“ Fragezeichen auf meinem Gesicht „Auf das hier“ Ja? „Freundschaft. Oder?“ Er wollte das Gegenteil von mir hören, dass ich ihn mehr mochte, dass da mehr war; ich wusste es genau. Ich nickte. Ja. „Ja dann. Auf gute Freunde.“

Unsere Wege trennten sich. Wir sahen uns noch regelmäßig, lebten jedoch mehr aneinander vorbei als miteinander. Zurück zum Anfang.

Nur eins war anders: wir wussten beide, dass da hätte mehr sein können. Zuerst dachte ich, ich wollte dich nicht. Dann dachte ich, ich wollte dich doch. Dann wollten wir uns. Dann einigten wir uns auf Freundschaft. So spielt das Leben.  

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2 Antworten

Kommentare

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    Ironischerweise hab ich den Text begonnen, von unten zu lesen und bin dann Absatz nach Absatz nach oben geklettert. Aber trotzdem war es verdammt gut. Und ich mag diesen männlichen Charakter den du beschreibst. Außerdem mag ich auch wie es ausgegangen ist. Nicht, weil es sondelrich schon wäre, sondern weil es so echt ist. So ironischschaurigschöntraurig wie das Leben spielt.

    17.04.2012, 20:58 von bunteschaos
    • 0

      vielen lieben dank! So ist das Leben manchmal. Ironisch, traurig aber auch schön, da hast du recht.

      19.04.2012, 21:03 von alwaysthinking
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