Matze.Matratze 14.04.2012, 22:42 Uhr 29 49

Einfach und ehrlich, einfach ehrlich, in einem Zug erzählt

Das war vor zwei Jahren, sechs Monaten und dreizehn Tagen. Nein, eigentlich schon ein bisschen früher. Als ich endlich zu finden schien.

Es war so ein typisch langweiliger Nachmittag in den Sommerferien. In denen man eigentlich total viel erleben möchte, aber nicht so wirklich etwas daraus wird. Ich saß vor meinem Computer und klickte mich durch ein soziales Netzwerk. Und da warst du. Ich betrachtete dein Profilbild. Irgendwie frech mit dieser Baseballcap und deinen dunklen Haaren. Deinen Profilinhalt verstand ich nicht wirklich, aber da war ich vermutlich nicht der Einzige. Neugierig guckte ich mir die Texte an, die du veröffentlicht hast. Davon hab ich auch nicht alle verstanden. Aber einer hat mich beeindruckt. Und somit hinterließ ich einen Kommentar, in dem ich dir Respekt zollte. Ich dachte mir nicht viel dabei und klickte mich weiter durch die Welt des Netzwerks. Eine Minute später hörte ich einen vertrauten Piepston aus den Lautsprechern meines Bildschirms. Eine neue Nachricht. Nichtsahnend guckte ich in den Posteingang - und erschrak. Die Nachricht kam von dir. Mein Herz schlug schneller, ich hatte keine Ahnung, was du mir schreiben hättest sollen. Dann las ich die Nachricht. Du schreibst, du hättest fast einmal einen ähnlichen Text verfasst, wie ich ihn vor ein paar Tagen online gestellt habe. Ich antwortete dir. Du schriebst wieder zurück. Wir schrieben den restlichen Nachmittag, chatteten - es war ein vorsichtiges Abtasten. Ich traf auf einen besonderen Menschen. Auf jemanden, der anders ist . Jemand, der nachdenkt und auch dementsprechend handelt. Das hat mich sehr beeindruckt. In diesen Sommerferien war ich oft online. In diesen Sommerferien warst du oft online. Es waren schöne Sommerferien. Es brach die Schulzeit an. Für dich und für mich. Aber das war mir egal. Ich hatte ja meinen Computer. Ich konnte mich ins Netz stürzen. Ich konnte dir schreiben. Und war glücklich. Jedes Mal wenn ich sah, dass du online bist, schlug mein Herz schneller. Manchmal habe ich dich nicht angeschrieben in der Hoffnung, du würdest mir schreiben. Um zu sehen, dass du das Gleiche denkst und fühlst. Es auch kaum erwarten kannst. Noch nie zuvor schlug mein Herz solche Purzelbäume. Wir schrieben jeden Tag und es war wunderbar. Doch irgendwann musste der Zeitpunkt kommen, an dem wir uns sehen mussten. Und ich habe mich gedrückt. Aus Angst, dich zu enttäuschen, dir nicht zu gefallen, ein Mensch zu sein, den du nicht leiden kannst. Doch ich wusste: ich kann mich nicht jedes Mal herausreden. Wirre Ausreden erfinden. Nach fast zwei Monaten war es soweit: ich sollte ich dich zum ersten Mal in meinem Leben sehen. Ich war aufgeregter als jemals zuvor. Und diese Angst, dir nicht zu gefallen, war immer noch da. Der Vater eines Freundes fuhr uns zur Location, in der wir uns sehen sollten. Mein Herz schlug bis zum Hals. Ich betrachtete die Menschenmenge vor dem Club und suchte sie nach deinem Gesicht ab. Aber ich konnte dich nicht finden. Bestimmt bist du noch nicht da, dachte ich mir. Ich traf ein paar Bekannte, unterhielt mich mit ihnen, war aber in Gedanken woanders. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben und wollte schnell nach außen gehen, um ein bisschen Frischluft einzuatmen, wollte mich durch die Menschenmenge pressen, war kurz vor dem kleinen Tischchen, an dem ein alternativ gekleideter Anfang Zwanzig-Jähriger kassierte und Pappbändchen verteilte und direkt daneben - da warst du. Standest mir direkt gegenüber. Und gucktest mich ein bisschen verblüfft, aber lächelnd an. Ich weiß nicht, wie ich dich angeguckt habe. Ehrlich gesagt möchte ich es auch nicht wissen. Wir umarmten uns, führten einen verdammt schlechten Smalltalk und entschlossen uns, nach außen zu gehen, um ein bisschen zu reden. Meine Freunde begleiteten mich nach außen. Wir redeten wenig. Mir war kalt. Ich fühlte mich ein bisschen unwohl. Du warst einfach gekleidet. Und du strahltest Coolness aus. Ich zitterte am ganzen Körper. Ich bewunderte dich. Für alles, was du sagtest, ausstrahltest. Wir tanzten noch ein bisschen, redeten wenig und umarmten uns zum Abschied kurz. Alles in allem ein durchwachsener Abend. Aber als ich im Bett lag, hatte ich nur dich im Kopf. Am nächsten Morgen ging ich, na klar, online. Und du warst auch online. Zum ersten Mal verspürte ich nicht diese positive Aufregung, als ich deinen Namen bei den Online-Mitgliedern las. Ich wartete darauf, dass du mich anschriebst. Doch du tatest es nicht. Nach einer gefühlten Stunde schrieb ich dir. Du schriebst zurück. Es entwickelte sich ein gutes Gespräch. Nach einiger Zeit fingen wir an, uns über den letzten Abend zu unterhalten. Und du erzähltest mir, du standest in der Menschenmenge und hast mich sofort erkannt. Und du erzähltest mir, du warst beeindruckt, als du mich da so sahst. Und du erzähltest mir, dass ich ein tolles Hemd anhatte und wirklich hübsch sei. Und ich war der glücklichste Mensch der Welt. Ganz sicher. Wir trafen uns an einem Freitagmittag nach der Schule. Ich sah dich schon von Weitem auf einer Bank sitzen. Und ich war fasziniert von diesem Anblick. Wir waren beide nervös, unterhielten uns jedoch gut. Wir schlenderten durch die Stadt, gingen italienisch essen und redeten viel. Es waren wunderschöne Stunden. Als ich zuhause war, ging ich online. Und ja - du warst auch online. Wir schrieben. Und schrieben. Und ich überredete dich dazu, am nächsten Tag auf den Geburtstag eines Freundes zu kommen. Der nächste Tag, ein Samstag, verging relativ schnell. Es war bereits abends, als ich mit ein paar Freunden aufbrach und mich auf den Weg zur Feier machte. Dort angekommen trank ich ein Bier und wartete gespannt auf deine Ankunft. Als du nicht zur besprochenen Zeit auftauchtest, machte ich mir kurz Sorgen. Doch eine SMS von dir teilte mir mit, dass dein Zug Verspätung hatte. Als du endlich auf der Feier warst, fiel mir ein Stein vom Herzen. Wir tranken Bier und Schnaps. Ich trank zu schnell. Mir wurde etwas schummrig, doch dieser Zustand legte sich nach und nach wieder. Dir war kalt. Ich umarmte dich, streichelte dich, genoss es. Ich wärmte dich eine Stunde, zwei Stunden. Wir blickten uns erst nach langer Zeit in die Augen. Und küssten uns. Es war ein Feuerwerk, eine Explosion, ein Gefühl, das seinesgleichen sucht. Wir verbrachten die Nacht zusammen auf dem Sofa des Vaters eines Freundes. Wir schliefen nicht. Wir küssten uns und redeten. Die schönste Nacht meines Lebens. Ich war so stolz, dich meine Freundin nennen zu dürfen. Ich schwebte monatelang auf einer Wolke. War in Trance. Hatte nur dich im Kopf. Und habe nicht verstanden wie jemand wie ich dich verdient hat. Dich. Das schönste Geschenk aller Zeiten. Nach einigen Monaten hattest du einen emotionale Tiefphase und behandeltest mich schlecht. Provoziertest mich, warst gemein. Das hat mir mehr als wehgetan. Es hat mich verändert. Bis heute. Es wurde besser, du wurdest wieder normal. Hast mir deine Liebe gezeigt. Nur ich war verändert. Hatte manchmal Zweifel an der Beziehung. War gemein zu dir. Die Beziehung hielt weiter. In den Sommerferien machten wir zusammen Urlaub. Eine Katastrophe. Doch wir kämpften und die Beziehung hielt. Es ging weiter. Doch alles war anders und emotionslos. Wir kämpften noch einige Monate. Am Ende, dessen bin ich mir sicher, habe ich die Fehler gemacht. Es versäumt, ihr Liebe zu schenken und das zu geben, was sie verdient hat. Ich konnte es nicht mehr. Es war aus. Aus und vorbei. Jetzt, viele Monate später, liege ich im Bett und weine. Ich habe schon lange nicht mehr geweint. Und ich erkenne meine Fehler. Du hast einen neuen Freund. Schon einige Monate. Alles in meinem Zimmer erinnert mich an dich. An jedem Gegenstand haften Erinnerungen. Wunderschöne Erinnerungen.

49

Diesen Text mochten auch

29 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Berührt, vor allem der Teil auf dem Geburtstag. 

    Absätze wären allerdings wirklich schön! Einmal fällst du aus der Rolle, ist das Absicht?

    22.03.2014, 18:17 von Bambi_Eyes
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      is ja auch nich für den leser.

      der soll halt sehen, wo er bleibt.

      15.03.2014, 18:20 von Lagback
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Zufällig der erste Text, den ich auf NEON.de lesen durfte. Gar nicht mal so schlecht, zu lesen, daß andere Menschen so sehr Ähnliches erleben durften, wie man selbst. Gar nicht mal so schlecht, gar nicht so sehr verdammt einzigartig zu sein, wie immer erhofft.

    15.03.2014, 17:22 von PeytonParadise
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Schon ne Weile her, aber immernoch wahr.
    Der Text gefällt mir sehr gut.
    Schön, dass du ihn veröffentlicht hast.

    10.11.2013, 21:44 von JelenaHan
    • Kommentar schreiben
  • 0

    klasse.

    31.10.2013, 22:25 von clothesofmyyouth
    • Kommentar schreiben
  • 0

    puh, das könnte von mir sein. ich hatte tränen in den augen. so so ehrlich!

    21.10.2013, 00:16 von wonderchild.
    • Kommentar schreiben
  • 0

    sehr ehrlich. und deshalb sehr schön!

    16.09.2013, 16:55 von herzenskind
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Krasse Story...

    Einfach nur wunderschön :)

    24.07.2013, 18:39 von traumfaengerin13
    • Kommentar schreiben
  • 0

    in einem zug erzählt und es raubt einem den atem.

    20.07.2013, 16:19 von Schnuckelpferd
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Voll gut.

    13.07.2013, 22:35 von AlYoung
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3
  • Satt, aber sexy

    Vergiss die Clubs der Hauptstadt, vergiss die Galerien – die wildeste Party Berlins findet ganz woanders statt: in den Straßen, auf den Tellern.

  • Auffällig unauffällig

    Spezielle Schminktechniken sollen Gesichtserkennungssoftwares überlisten. Doch wie unsichtbar macht dieses sichtbare Make-Up wirklich?

  • Wie siehst du das, Heinrich Holtgreve?

    Jeden Mittwoch interviewen wir NEON-Fotografen. Auf unsere 10 Fragen dürfen sie uns nur mit Bildern antworten.

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare