Einer von 6,5 Milliarden
Wie man den Herrn Maier am anderen Ende der Welt wiederfindet.
Heute vor einem Jahr, da standen wir beide kopfüber. In einer Telefonzelle am anderen Ende der Welt.
Neuseeland war mein großer Traum. Dann war ich da und keiner war da, um mich zu zwicken, ich bin nie wirklich innerlich angekommen. Mein Traum war kalt, windig, roch gut und war immer noch ungreifbar. Ich bin nur zwei Wochen durch dieses Land geschlafwandelt. Und am vorletzten Tag - da traf ich dich. Vor einem Jahr.
Weißt du noch? Es war in diesem Hostel in Arthurs Pass. In der Küche haben wir uns immer wieder angeguckt. Ich wusste ja noch nicht, dass du die ganzen hitzigen Diskussionen mit meiner Ma verstehst. Ich fand dich sympathisch. Deinen Gang mit den leicht hängenden Schultern. Deine damals langen Haare. Und darüber deine schwarze Kappe. Mit dem Stern. Und du hattest diese Sweatjacke an, mit der anarchosyndikalistischen Flagge vorn drauf. Und ganz in schwarz - wie immer.
Wie wir dort in der Küche werkelten, ahnten wir nichts von diesem Jahr. Später habe ich gesehen, wie du alleine draußen saßest. Du hast nichts getan. Du hast mich provoziert. Ich musste dich doch einfach ansprechen! Bin zum Auto flaniert, hab extra mit dem Arsch gewackelt. Ich war so peinlich. Habe Papier und Stift geholt. Und dann, es waren grüne Plastikstühle. Ich sagte "Is the seat next to you free?". Und du hast mir ins Gesicht gelacht: "Du kannst deutsch mit mir sprechen, ich bin Schweizer" - mit diesem sexy Akzent. Mein Papier brauchte ich dann nicht mehr.
Die Vögel haben im Urwald gekreischt, es wurde dunkel. Ich wollte Kiwis treffen, und wir haben sie gemeinsam gesucht. Haben dieses verdammte Kaff auf den Kopf gestellt. Haben das uns fremde, dem europäischen Sternenhimmel so fremde Firmament betrachtet und Pandabären hineininterpretiert. Und sind irgendwann in dieser Telefonzelle gelandet. Das Licht war grell, von indirekter, schmeichelhafter Beleuchtung keine Spur. Ich sehe dich noch immer vor mir, wie du lachst, und deine Augen zwischen grün und braun hin und herfunkeln.
In dieser Telefonzelle hast du mein Herz geklaut.
Als wir uns verabschiedeten, habe ich dir ein schönes Leben gewünscht. Ich wollte nicht lügen. Aber ich habe die ganzen 42 Stunden, die ich von Christchurch nach München gebraucht habe, nur an dich gedacht. Als ich zuhause ankam, war ich übernächtigt, wollte dringend schlafen, denn du hattest mir den Schlaf geraubt. Aber ich habe mich an den PC gesetzt und nach dir gesucht. 1 1/2 Monate lang. Ich habe fast 500 eMails verschickt. Habe Flugblätter gedruckt. War besessen. War beraubt. Du hast mir was geschuldet, ich musste dich doch einfach wiederfinden. Aber ich hatte deinen Namen falsch in Erinnerung.
Ich habe dem Hostel geschrieben, ob sie irgendwelche Informationen zu dir haben. Sie gaben mir den richtigen Namen. Drei Tage später rief ich in deiner ehemaligen WG an. Tanja gab mir deine eMailadresse. Ich hab dir geschrieben, und am nächsten Tag kam deine Antwort. Ich hatte dich wieder!
Vor zwei Wochen warst du bei mir. Als ich dich verabschiedet habe, habe ich wieder gesagt, ich wünsche dir ein schönes Leben. Ich sage es jedes Mal, das weißt du.
Es ist ein Wunder, dass ich den typischen Herrn Maier unter 6,5 Milliarden Erdenbewohnern wiedergefunden habe.


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Kommentare
sehr schöne geschichte!
14.08.2008, 01:27 von nostalgico"Man sieht sich im Leben ja bekanntlich stets zweimal!"
01.05.2008, 00:25 von MintedCoole und beeindruckende Story ansonsten!
wie im film..:]]
25.04.2008, 22:59 von einfach.A.L*seufz* Wie hat Hugh Grant zu Julia Roberts in "Notting Hill" gesagt? "...schön, surreal- aber schön!"
22.04.2008, 12:50 von tmin260872mensch meyer...
19.04.2008, 18:03 von fuchs_im_vollmondIts real love ... yes its real love ...
16.04.2008, 20:38 von MewkewSehr schön sehr schön.