GoettinUndHeldin 10.02.2013, 18:31 Uhr 5 23

Einer reicht

Für M. Numero 10

Einer reicht

Es war ein Montag, ungefähr 5 Wochen vor deinem Tod.
Wir sind durch die Stadt gelaufen, ich weiß nicht mehr, wohin. 
Irgendwann sind wir im Licht der Straßenlaternen stehengeblieben.
Es war schon viel zu spät und wir hätten längst Zuhause sein müssen.
Aber wie so vieles in dieser Zeit war auch das egal.
"Weißt du, du bist einer der stärksten Menschen den ich kenne." hast du plötzlich zu mir gesagt.
"Ich glaube, jeder Mensch ist stark. Aber vielleicht merken viele es nicht,  bis sie keine andere Wahl mehr haben, als stark zu sein."
Du hast genickt.
"Weißt du was?" hast du dann gefragt, deine Hand an den Laternenpfahl gelegt und dich einmal um die Straßenlaterne gedreht.
"Was denn?" habe ich zurück gefragt.
"Danke, dass du an mich glaubst." hast du gesagt. 
"Ich bin nicht die einzige, die an dich glaubt. Das weißt du doch, oder?" habe ich gesagt.
Du hast weggeschaut.
Plötzlich war mir klar, dass das sehr ernst ist. Kein leeres Gerede.
Nein, es ging in diesem Moment darum, warum wir leben. Wie wir leben. Oder wie wir überleben?
"Ich weiß nicht." hast du gesagt, mich angeschaut. "Aber ganz egal. Ich glaube, es reicht schon, wenn es einer tut."
"Du meinst, es reicht schon, wenn nur eine Person an dich glaubt?" habe ich gefragt.
"Ja, einer reicht." meintest du.
"Und wofür reicht das?"
Du hast eine Faust gemacht, ein bisschen gegen den Laternenpfahl gehauen. Es war keine Geste der Gewalt, es war nur Vehemenz.
Du hast die Lippen zusammengekniffen, so dass dein Mund nur noch ein schmaler Strich war.
"Fürs Leben", hast du dann gesagt.
"Jeder Mensch sollte mindestens einen Menschen haben, der an ihn glaubt. So richtig."
Ich habe genickt. 
Und als wir weitergelaufen sind durch das flimmernde Licht der Straßenlaternen war ich einfach nur froh, dass wir uns haben.

Heute denke ich, dass das gegen Ende eines der wichtigsten Gespräche war. Weil ich dadurch weiß, dass ich Grund genug war, zu bleiben. Dass es nicht an mir lag, dass du aufgegeben hast, irgendwann. Und dass die Vorwürfe, die ich mir manchmal immer noch mache, nicht wahr sind.
Einer reicht, hast du gesagt.
Einer reicht.

Ich glaube auch heute noch an dich. Daran, dass wir uns, auf welche Art und Weise und wo auch immer, wiedersehen. Ich glaube nicht an Gott, nicht an das große Nichts. Ich glaube an mich, an die Menschen um mich herum und an all die kleinen Dinge, die beweisen, dass das Leben ein Geschenk ist. 

Du hast deinen Teil dazu beigetragen, dass das so ist.
Dein Tod hat mir gezeigt, dass jede Sekunde zählt. Und obwohl das schrecklich ist, ist es auch schön. Weil auch du jede Sekunde hast zählen lassen. Ich konnte dir nicht alles sagen, mich nie richtig verabschieden, ja, aber wir haben die Zeit genutzt. Wir haben gelebt. Das Leben gefeiert.
Und ich denke, du hast recht. Es ist egal, wie oft mal scheitert, wie oft man fällt. Solange man einen Menschen hat, der an einen glaubt und einen darin bestärkt, an sich selbst zu glauben:
Einer reicht.

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5 Antworten

Kommentare

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    Ja. Einer reicht.

    21.04.2013, 16:42 von SunshineReggae
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    Ich bereue es, ihm nicht oft genug gesagt zu haben, dass ich an ihn glaube.

    10.02.2013, 23:27 von Sommerregen03
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  • 4

    "Leiden und Schmerz sind in jedem Fall unabdingbar für ein umfassendes Bewußtsein und ein tiefes Herz. Wahrhaft große Menschen müssen auf Erden unendliche Trauer empfinden, glaube ich."

    10.02.2013, 20:42 von smn_
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  • 2

    Habe gehofft, dass noch ein Teil kommt! Da ist er! Und er ist großartig. Ich musste nämlich auch die letzten Tage mal wieder feststellen, wie schön es ist, wenn man Menschen um sich hat, die an einen Glauben. Ob nun berechtigt oder nicht...

    10.02.2013, 19:42 von HoerTheater
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  • 1

    Wieder einmal eine wunderbar schöne und traurige Geschichte von dir.
    danke dir

    10.02.2013, 18:39 von angelissy
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