Einer dieser Tage
Es war einer dieser Tage, die man vermisst, wenn man zu viel zu tun hat, und hasst, wenn man sie erlebt.
Lisa wachte um 8 Uhr auf, ging auf Toilette und legte sich dann wieder ins Bett. Draußen schien bereits die Sonne, sie hörte Kinder im Hof spielen. Kreischen, Lachen, ein Kind prellte einen Ball mit einem blechernen Geräusch auf dem Asphalt.
„Schlaf weiter“, dachte Lisa sich.
Sie drehte sich von links nach rechts, auf den Rücken, auf den Bauch. Vergeblich – sie war wach, schrecklich wach, so wach, wie sie gerne bei der Arbeit wäre. Doch am Schreibtisch im Büro überkam sie jeden Morgen eine bleierne Müdigkeit, bei der sie kaum die Augen offen halten konnte. Nun schaffte sie es nicht, sie zu schließen.
Lisa nahm ihr Handy, spielte etwas herum, checkte ihre E-Mails. Es war gerade 9 Uhr, als ihr zum ersten Mal langweilig wurde. Sie stand auf, duschte, machte sich Frühstück und setzte sich an den Küchentisch. Der Kühlschrank brummte, ein Geräusch, das sie noch nie bewusst wahrgenommen hatte. Mit einem Rumpeln wurde das Brummen lauter, dann verstummte es. Lisa stützte die Ellbogen auf den Tisch und blickte auf die Uhr. Halb 11. Oh Gott, es war wirklich erst halb 11.
„Wie machen das all jene Frauen, die immer alleine sind?“, fragte sie sich. „Was habe ich früher gemacht?“
Früher, das war vor drei Jahren, als die Klaas noch nicht kannte. Mit Klaas änderte sich so vieles, zuerst war es ungewohnt, dann genoss sie es, ständig mit jemandem zusammen zu sein. Nach 7 Monaten zogen sie zusammen, alles stimmte, Lisa war sich sicher, dass sie den Mann ihres Lebens gefunden hatte. „Ich würde ohne zu zögern Ja sagen, wenn er mich fragt.“, hatte sie einmal einer Freundin erzählt.
Bis auf kleinere Streitereien klappte das Zusammenleben, Lisa war glücklich. Sie wurde eine von denen, die am Sonntag Ausflüge ins Umland machte. Die nur noch selten allein, sondern meist im Doppelpack eingeladen wurde. Die manchmal ihre Schwiegermutter anrief, einfach so, um zu hören, wie es geht. Und die sich heimlich ein Kind wünschte, obwohl es noch viel zu früh dafür war.
Lisa bemerkte diese Veränderung an ihr, aber es störte sie nicht. Sie musste nicht immer die starke Karrierefrau sein, die sich alleine durch das Leben kämpfte und jede wilde Kneipentour mitmachen musste. Es war okay, zu lieben. Sie sah das Leben gelassener, wurde ruhiger, genoss es.
Doch vor einem halben Jahr hatte Klaas diese Idee mit Neuseeland. Erzählte ihr an vielen langen Abenden auf dem Balkon davon, dass er so sehr davon träume, diese fremde Welt zu entdecken, und die Chancen auf ein Stipendium stünden wirklich gut, und für sein Studium und auch später für den Beruf würde ihn das auf jeden Fall weiterbringen. Und es wäre ja auch nur ein halbes Jahr.
Lisa hörte ihm zu und sah seine Begeisterung und Leidenschaft. Sie lächelte ihn viel an, und wurde nach Innen immer trauriger.
Eines Abends kam Klaas nach Hause, küsste sie, hielt sie fest im Arm und Lisa wusste, dass es soweit war. Er sagte: „Ich geh nach Neuseeland. Es hat geklappt.“ Anstatt sich zu freuen, fing Lisa bitterlich an zu weinen. An dem Tag ging es nicht, sie konnte nicht mehr lächeln. Klaas schwieg, hielt sie fest, und vielleicht weinte er auch ein bisschen.
Nun war er wirklich weg. Am Donnerstag ging der Flieger, Lisa hatte sich extra frei genommen, um ihn zu verabschieden. Es war seltsam unwirklich, sie konnte nicht einmal weinen, als sie sich zum letzten Mal umarmten. Er strahlte so sehr, mit seinem Strohhut auf dem Kopf und den Lachfältchen um die Augen, Gott, wie sehr sie ihn liebte.
Sie weinte nicht, sagte „Tschüß, Schatz“, als ginge er nur schnell zum Supermarkt, um noch eine Flasche Wein zum Essen zu holen.
Halb 11. Lisa hatte noch den ganzen Sonntag vor sich. Gestern hatte sie sich mit einer Freundin getroffen, war einkaufen, hatte die Wäsche gewaschen, geputzt. Mit lauter Musik. Gestern hatte sie noch gedacht: „Gar nicht so schlecht, sturmfreie Bude zu haben.“
Heute konnte sie nichts unternehmen, shoppen ging nicht, die meisten Freunde hatten schon etwas vor. Sie gingen mit ihrer Freundin oder ihrem Freund irgendwo hin, an den See, in die Sauna, spazieren, rausfahren. Normalerweise würde Lisa das auch tun, doch alleine hatte sie keine Lust. Sie schaltete den Fernseher am Bett an, legte ihre Lieblingsserie in den DVD-Spieler und guckte sechs Folgen hintereinander.
Sie fühlte sich schrecklich und begann, sich selbst zu bemitleiden. Klaas war kaum vier Tage weg und schon wusste sie nichts mehr mit sich anzufangen. Was war bloß los mit ihr?
Noch 27 Sonntage, die sie alleine verbringen musste, rechnete Lisa sich aus. Sie schaute ein paar YouTube Videos über Neuseeland, klappte dann aber ihr Notebook zu.
„Bald setze ich Schimmel an“, dachte sie. „Ich muss irgendwas machen.“
Sie packte ihre Sportsachen und fuhr mit dem Rad zum Fitnessstudio. Auf dem Weg dorthin fuhr sie an einem Café vorbei, vor dem eine Frau mit einem lilafarbenen Regenschirm stand. Dabei regnete es überhaupt nicht. In der Hand hielt sie eine gelbe Rose. Ihre braune Ledertasche stand neben ihr auf dem Boden. Lisa lächelte. Diese Frau stand da und wartete, wahrscheinlich schon den ganzen Tag. Mit einer gelben Rose in der einen und einem lila Regenschirm in der anderen Hand. Vielleicht wartete sie auf einen Mann, der wohl nie kommen würde. Vielleicht war sie bloß eine Bettlerin.
Lisa drehte sich auf dem Rad noch einmal um, um sicherzugehen, dass sie sich die Frau nicht eingebildet hatte.
Als Lisa zwei Stunden später vom Fitnessstudio zurückfuhr, stand sie immer noch dort. Unverändert. Mit gelber Rose und lila Regenschirm.
Lisa lächelte und wurde tief in ihr drin ganz ruhig.
Abends rief Klaas an. Er vermisse sie, sagte er, und fragte, was sie erlebt hätte.
„Ach“, sagte Lisa, „nichts besonderes.“ Sie stützte die Arme auf den Küchentisch. Vor ihr stand ein Strauß mit gelben Rosen.


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