PONY. 05.02.2012, 18:51 Uhr 57 111

Eine Zeit, die du Leben nennst

Ich kann in dieser Nacht nicht schlafen, weil ich mich frage, warum in meinem Bett kein Platz für dich ist.

Die Nacht ist dunkel und nur ein schwarzer großer Umriss in meinem Zimmer erinnert mich daran, dass du hier bist. Du schläfst auf meinem aufklappbaren Sessel und bist ganz leise. Ich frage mich, ob du überhaupt noch lebst. Manche Menschen schnarchen, wenn sie schlafen, drehen sich unruhig hin und her, oder schnaufen, die anderen hört man wenigstens leise atmen. Du bist still und am liebsten möchte ich mein Ohr an dein Gesicht drücken, deinen Atem an meiner Haut spüren, nur um sicher zu sein, dass du noch da bist.

Ich kann in dieser Nacht nicht schlafen, weil ich mich frage, warum in meinem Bett kein Platz für dich ist. Es ist schließlich ein Doppelbett, aber jedes mal, wenn du übernachtest schläfst du auf diesem Sessel, der furchtbar unbequem ist und und nach Keller riecht. Du hast einmal in meinem Bett geschlafen, aber das ist so lange her, dass ich mir nicht sicher bin, es nicht nur geträumt zu haben. Wir lagen nebeneinander und haben die ganze Nacht geredet, ich habe deine Haut gespürt, die kleinen Punkte auf deinem Gesicht gezählt und gehofft, dass wir hier für immer liegen würden. Und dann hast du gesagt, dass du von hier weg willst, nicht in diesem Moment, aber später in ein anderes Land und dass du nicht mehr zurückkommen willst. Da habe ich gewusst, dass du nie wieder neben mir schlafen kannst, nicht weil du weg willst, sondern weil ich es nicht will. Weil ein anderes Leben für mich damals unvorstellbar war.

Die Jahre sind vergangen und ich habe mich oft über all die Chancen gewundert, die du nicht wahrgenommen hast. Ich habe dich niemals gefragt warum du einfach stehen geblieben bist. Du bist an jeder Abzweigung, die dir das Leben geboten hat vorbei gegangen, auf der Straße in gerader Line gewandert und bist nie vom Weg abgekommen. Hast nie etwas gewagt. Du warst immer neben mir, obwohl ich abseits der Straße auf dem Gras gesprungen bin und Unsinn geredet habe und manchmal ohne Rücksicht per Anhalter über dich hinüber gefahren bin. Jedes Mal hast du mich eingeholt, aber im selben Bett können wir nicht schlafen. "Warum bist du hiergeblieben.", frage ich leise in mein dunkles Zimmer, aber du antwortest nicht. Vielleicht, weil du schläfst, vielleicht weil du nicht mehr atmest, oder vielleicht, weil du es selbst nicht weißt. Meine Worte verschluckt die Dunkelheit und sie verschwinden in den Tiefen meines Zimmers.

Ich stehe auf und gehe barfuss auf Zehenspitzen über den kalten Boden in die Küche. Ich schenke mir ein Glas Rotwein ein, obwohl er mir nicht schmeckt. Ich hasse diesen bitteren Geschmack, der sich auf die Zunge legt und wie erwachsen ich mich fühle, wenn ich das Glas in den Händen halte. Rotwein ist etwas für alte Leute habe ich früher immer gesagt und irgendwann habe ich ihn selbst getrunken. Vielleicht weil ich jetzt alt werde. Das macht mir Angst, das alt werden, wenn die Jugendlichkeit weicht und ich mich im Spiegel irgendwann nicht mehr erkenne. Du lachst mich immer aus, wenn ich dir das erzähle und du sagst dann, ich sei doch noch so jung und dann sage ich, dass das jetzt so sei, aber nicht für immer so bleiben würde. Und dann streichst du mir jedes Mal über den Hinterkopf und sagst, dass ich später ein fürchterlich verbiestertes altes Weib werde, dass am Fenster steht und sich über die Nachbarn ärgert, oder Kinder im Bus beschimpft. Nicht weil ich alt sei, sondern weil ich sie für ihre Jugend beneide. Und dann komme ich mir meistens ziemlich blöd vor und mit meinen Ängsten ein bisschen allein gelassen, aber es sind schließlich auch meine.

Auf dem Balkon setze ich mich in den alten knarzenden Korbstuhl und starre in den Himmel. Kein einziger Stern ist dort oben zu sehen und ich bin froh, dass es so ist. Einen romantischen Sternenhimmel kann ich gerade nicht gebrauchen. Ich erschrecke fürchterlich, als du deine kalte Hand auf meine Schulter legst. "Was machst du hier draußen.", fragst du. "Nichts.", antworte ich und weiß, wie sehr du es hasst, wenn ich, "nichts" sage. Es ist lange still zwischen uns, aber nicht unangenehm, weil wir uns so gut kennen. Das schmerzt manchmal, wenn ich daran denke. "Ich mache ein Auslandssemester. In Brasilien." flüsterst du und nimmst einen Schluck aus meinem Glas, obwohl du von Rotwein immer rote Flecken auf deiner Brust bekommst "Das Semester beginnt in vier Wochen.", stelle ich fest und nehme das Glas aus deiner Hand, um den Inhalt mit einem Schluck herunter zu jagen. "Ja. Ich wusste nicht wie ich´s dir sagen soll."

"Ich bin hiergeblieben, wegen dir, weil ich immer gehofft habe.", sagst du und schaust zu Boden. Ich unterdrücke den Drang mich sofort über das Balkongeländer zu stürzen und mein Leben zu versauen und deines vielleicht auch. Ein Toter Mensch sei kein schöner Anblick, sagte meine Mutter einmal, nachdem sie meine Oma im Leichenschauhaus verabschiedet hatte und ich habe niemals an ihren Worten gezweifelt. "Ist das dann hier sowas wie Abschied." frage ich dich und weiß, dass sich in diesem Moment kleine Fältchen auf meine Stirn legen, die du so magst. Eine lange Zeit sagst du nichts und schaust zu Boden.

"Das hier ist nicht nur eine Zeit, die man Leben nennt.", flüsterst du nach einer gefühlten Ewigkeit. "Das hier ist das echte Leben, Leni. Es riecht so, es fühlt sich so an und ich will es jetzt leben. Auch ohne dich." und dann drehst du dich um und gehst durch die Balkontüre in mein Wohnzimmer.

Du siehst nicht mehr, wie mich die dunkle Nacht verschluckt und ich mich selbst verliere irgendwo zwischen der Erde, meinem Balkon und dem schwarzen Himmel. Und wie ich zum ersten Mal in dieser Zeit, die du Leben nennst, nicht weiß wo ich hingehöre.



111

Diesen Text mochten auch

57 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Sehr schön geschrieben!

    16.02.2012, 12:10 von nobrain
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Das macht mir Angst, das alt werden, wenn die Jungendlichkeit weicht


    Du warst mal ein Junge??


    Der Text war bis zu der Szene aufm Balkon echt gut.
    Aber das Brasilien und So is dess Lebbe Geschwätz hör ich sonst nur bei Rosamunde P.

    11.02.2012, 11:23 von Surecamp
    • Kommentar schreiben
  • 1

    das ist so wunderbar geschrieben. aber halt, diese worte werden dem nicht getreu. du schreibst so echt. hautnah.du berührst.

    08.02.2012, 15:21 von bunteschaos
    • Kommentar schreiben
  • 0

    sehr schöner text. sehr traurige geschichte. 

    07.02.2012, 09:13 von karl_kopf
    • Kommentar schreiben
  • 0

    "Ich bin hiergeblieben, wegen dir, weil ich immer gehofft habe.",

    Dass er so etwas denken würde, war schon nach ein paar Sätzen klar, und dann lässt Du  es ihn im Text tatsächlich sagen.

    Doch dann: " (...)  ich will es jetzt leben. Auch ohne dich."
    Na dann, schade eigentlich. Und wenn er irgendwann erkennt, was er an Dir hatte, ists zu spät.
     Vielleicht mache ich gerade den Fehler, den Text für bare Münze zu nehmen, schliesslich ist das der Stoff aus denen Romane und Dramen geschrieben werden. Aber sehr schön geschrieben, Kompliment dafür.

    07.02.2012, 00:53 von Cyro
    • Kommentar schreiben
  • 0

    unglaublich toll finde ich Deinen Text! Wirklich. Danke, für die schönen Worte.
    Ich wünsch Dir alles Liebe.

    06.02.2012, 22:38 von favoriteIsabella
    • Kommentar schreiben
  • 0

    schön und so traurig..

    06.02.2012, 21:00 von golightly27
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Meiner Meinung nach ein schöner Text. Die Story ist nicht weltbewegend und ein bisschen konfus, aber trotzdem kommt da irgendwie Gefühl bei rum. So ein komisches, bedrückendes, aber es passt. Und dem angemessen empfinde ich auch den Stil. Da sind ein paar schöne, originelle Phasen dabei, die mich zum Schmunzeln gebracht haben. Finde ich gut!

    (..) obwohl ich abseits der Straße auf dem Gras gesprungen bin und Unsinn
    geredet habe und manchmal ohne Rücksicht per Anhalter über dich hinüber
    gefahren bin.

    06.02.2012, 20:18 von Fell_Zunge
    • 0

      vllt passt statt Phasen eher 'Passagen'. ;)

      06.02.2012, 20:23 von Fell_Zunge
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
Seite: 1 2
  • Der kalte Mann und das Meer

    Surfen bei den Schafen: Im schottischen Thurso bricht sich eine der besten Wellen der Welt. Wer sie reiten möchte, muss sich warm anziehen.

  • Ski und Schiene

    Freeriden ist Tiefschneefahren für jedermann. Wir haben die besten Abfahrten verbunden – mit Hilfe der Eisenbahn.

  • Die Weihnachts-Links d. Woche

    u.a. mit klingenden Kassen, jeder Menge Vorfreude auf das Fest der Liebe und einem treffenden Rückblick auf die Highlights und Fauxpas des Jahres.

Adventskalender: Jetzt gewinnen!

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare