aetna 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 1

eine Woche

Die Zeit hüpft hämisch davon, bleibt ganz stehen, lacht mich aus und rennt das nächste Stück, dass ich alles nur noch in grauen Schlieren wahrnehme.

In letzter Zeit ist einiges klar geworden.
Alles, was noch an Fassade war, ist endgültig in sich zusammengestürzt.
Zurück bleibt mein nacktes, leeres Ich. 
Wieder einmal die Bestätigung, dass Freunde so viel wichtiger sind als Partner.
Mein Körper streikt, mein Herz ist spurlos verschwunden.

Keine Zeit mehr.



tag 0

In meinem Kopf schrie die ganze Zeit eine Stimme: Wie soll ich ohne dich leben?
doch ich schluckte diese Frage herunter. Ich wollte ihm nicht diese Schwäche zeigen.

Unsere Trennung war die schönste Trennung überhaupt. So wie wir das schönste Paar waren. Wir waren ein großartiges Team. Ich weinte, konnte nicht mehr aufhören.
All diese Wochen kamen keine Tränen. Jetzt plötzlich, im Angesicht der knallharten Realität, schaffte ich es nicht stark zu bleiben. Ich musste nichts erklären, er wusste meine Gründe.
Unsere Beziehung zeichnete sich durch große Offenheit aus, und so hielten wir es auch mit dem Ende.
Wir liebten uns gegenseitig aber uns selbst zu wenig.
Wir lachten sogar ein bisschen und er schien keineswegs überrascht zu sein. Auch nicht wirklich erleichtert, eher als würden wir ein ganz normales Gespräch führen.
Ich sagte ihm, dass ich ihn immer noch liebe. Ein Teil von ihm wird ihn immer lieben. Er ist meine Jugendliebe, und so lange Zeit waren wir glücklich miteinander und haben die tollsten Sachen erlebt.
Doch wie die Jugend endete, so löste sich das Band, dass uns verband, langsam auf. Erst merkten wir es nicht, dann verdrängten wir es und schließlich fasste ich den Entschluss dem ein Ende zu bereiten. Es war wirklich eine Trennung im guten - wir umarmten uns lange und ich gab ihm einen Kuss auf die Lippen. Ich spürte, wie nass meine von den Tränen waren. Er gab mir einen auf die Stirn, drückte meinen Arm. Wir lächelten uns an, ich sagte: Mit dir hatte ich die schönste Zeit meines Lebens. Er nickte und antwortete: So wie ich mit dir.

Doch auch die schönste Zeit ist irgendwann vorbei.
Unsere Beziehung war immer mit einem Haltbarkeitsdatum versehen.
Und jetzt ist der Sommer zuende und es ist Zeit, neue Wege einzuschlagen.
Er war und ist wie mein Lieblingspulli, der Löcher hat.
Ich kann ihn nicht mehr flicken und er selbst kann es auch nicht.


tag 1



Als ich aufwache, peitscht Regen gegen das Fenster.

Ich spüre dankbar den Alkohol in meinem Körper. Neben mir plötzlich ein lauter Schnarcher, sie murmelt etwas und dreht sich auf die andere Seite. Ich bin so froh, heute nicht alleine in meinem für eine Person viel zu großen Bett schlafen zu müssen. Ich lausche ihren Atemzügen.

Mein Herz tanzt mit den Tropfen, will aus dem Fenster in die Nacht. Ich wünschte ich wäre an einem Ort der zu kalt für Gefühle ist, an dem alles in unheimlicher Stille erstarrt und ich friedlich in einen unendlichen Schlaf gleiten kann.


Ab jetzt ist die Nacht mein größter Feind.


Der Morgen kommt und ich bin so dankbar dass ich fast schon wieder zu weinen anfange. Und einen Moment an diesem bitterkalten Tag scheint sogar kurz die Sonne, die Strahlen wärmen meine Augenlieder, meine Nase, meinen Mund. Mein Lächeln ist echt.

Ich bereue nichts. Neue Zeiten brechen an. Ich bin nicht alleine, ich werde mich nicht verkriechen. Ich atme tief durch und mache mich auf den Weg.


tag 2 

Casper singt mich in den Schlaf.
Um seine Lieder zu hören brauche ich keinen iPod.
Stundenlange Gespräche mit S., bei der ich schlafen durfte.
Ihr geht es verdammt dreckig. Sie zu trösten hilft gegen das Selbstmitleid. Wir beide, wieder zusammen allein wie früher. Meine Angst um sie taut mich auf.

Seine Mutter ruft plötzlich zurück, gestern hatte ich mit Herzklopfen ihre Nummer gewählt. Zum Glück weiß sie es schon, sie wirkt traurig und fassungslos. Ich kämpfe gegen Druck hinter meinen Augen, zwinge mich auszuatmen. Ich bin so zuversichtlich wie möglich, verspreche, mich zu melden.
Die Wahrscheinlichkeit, dass ich diese Familie wieder sehen werde, ist gering.
Vom ersten Tag an wurde ich mit offenen Armen empfangen und mit liebevollen Blicken bedacht, wurde zu einem gleichwertigen Familienmitglied.
Sie sagt: Ich hoffe, ihr seht euch in ein paar Jahren, kommt wieder zusammen und heiratet irgendwann.
Ich lächele. Mal sehen, antworte ich mit einem Lachen. Dabei zieht sich alles in mir zu einem Klumpen zusammen, ich muss schlucken. Sie liebt mich so sehr. Das habe ich nicht verdient.
Sie verspricht, allen schöne Grüße auszurichten und ich bin froh, mich ordentlich verabschiedet haben zu können.

Körper und Geist befinden sich immer noch im Schockzustand.
Oft denke ich an gemeinsame Momente und dann fällt mir plötzlich wieder ein, dass es vorbei ist.
Es ist gut so, sage ich mir dann immer. Denk daran, wie unglücklich du warst.
Es war die einzige Möglichkeit. Es gab keinen anderen Ausweg. Aber alles erinnert mich an ihn, meine Kette, mein Kissen, die Zahnbürste, Die Küche, die Badewanne, meine Schuhe. Zu allem könnte ich stundenlang Anekdoten erzählen, von lustigen und traurigen Momenten, von Freundschaft und Liebe.

Irgendwann wird der Regen aufhören.


tag 3



Für heute ist der Plan, dunkelroten Lippenstift zu kaufen.

Weil er meine Lippen nie mochte, weil er sie zu voll fand. Ich trage meine Haare lockig, was ihm überhaupt nicht gefiel. Nicht, um ihn zu ärgern, er siehts ja sowieso nicht. Sondern weil das zwei Dinge an mir sind, die ich eigentlich echt mag, aber nie die Bestätigung bekommen habe.

Ich werde nicht verlottern und mich unter einem Deckenberg verkriechen, ich mache was mit Menschen und habe Spaß. Gelernt aus früheren Beziehungsenden und schlechten Zeiten. Sich selbst zu bemitleiden macht die Sache einfach nicht besser!

Und ich werde nach Menschen suchen, die meine Lippen und meine Locken mögen. Die mich so akzeptieren wie ich bin. Und vor allem, die nicht finden dass ich abnehmen sollte. Denn ich wiege ganz normal viel und wem das nicht passt den werde ich in Zukunft sofort abschießen. Geht gar nicht.


Langsam merke ich also, wie mein Selbstvertrauen wieder zurückkommt.

Ich sehe in den Spiegel und sehe ein hübsches Mädchen, so!

Vielleicht nicht nach dem Aufstehen, hehe. Aber im Großen und Ganzen.

Verdammt, ich will leben!



tag 4



Manchmal frage ich mich, was für ein Mensch ich eigentlich bin. Es gibt Momente, da verhalte ich mich jedenfalls ziemlich unmenschlich. Gestern habe ich ein paar Freunde zu mir eingeladen. Nach und nach haben sich alle verabschiedet bis auf einer. Wir beide wussten, dass zu ihm noch ein Nachtbus fährt, aber die anderen nicht. Er fragte mich, ob er bei mir pennen dürfe weil er jetzt nicht mehr nach hause kommt, und mit meinem ja habe ich ziemlich viel preisgegeben.

Es ist so, dass dieser Freund verboten ist.

Und weil er verboten ist, übt er einen unwiderstehlichen Reiz auf mich aus. Ich bin kein liebes Mädchen, wie alle immer denken. Nur ein paar wissen es besser.

In den letzten Wochen entwickelte sich da so etwas, ganz leise, aber eben doch da. Wir fühlten uns einfach zueinander hingezogen.

Es war ein Spiel mit Blicken, und es war ungemein asozial. Verdammt. Aber muss ich mich dafür verurteilen? Dass ich nicht perfekt bin?

Obwohl an diesem Abend nicht aufs Ganze gegangen wurde, ist doch etwas anders. Das war die krasseste Verletzung des Bro Code und überhaupt nicht, überhaupt nicht klug.

Aber ich will leben, und ich spüre irgendwas in mir drin. Ich bin in der Laune verrückte und unvernünftige Sachen zu machen, ich will Dinge tun, an die ich bis vor kurzem nicht mal zu Denken gewagt habe. Schluss mit Nettsein.



tag 5



Wenn du darauf achtest, 

machst du Menschen aus, die langsamer gehen als die Anderen, sich nicht

hetzen lassen, geduldig auf den Bus warten und dabei - lächeln.

Manche lächeln dich einfach an wenn du an ihnen vorbei gehst, manche lächeln während sie jemanden auf dem Handy zurückschreiben, manche lächeln einfach die Welt an.

Ich kenne das Gefühl, diese tiefe, innere Zufriedenheit.

Früher lief ich öfters mal so grinsend in der Gegend rum, an ihn denkend, irgendeine Situation, an die ich mich gerade erinnert habe. Manchmal hab ich auch einfach losgelacht.


Jetzt gleiche ich den anderen Müden da draußen, immer auf den Boden starrend, mürrisch, in der Schlange von einem Fuß auf den anderen.

Im Duden steht übrigens kein Plural von "Trauerkloß". Dabei gibt es so viele...

Meine Brille liegt immer noch bei meinem Exfreund. Ich werde mich sicher nicht melden, aber wir haben ganz klar ausgemacht dass er mir mein Zeug vorbeibringt damit wir die Sache abschließen können. Warum macht er das nicht?

Diese Frage beschäftigt mich und lässt mich immer wieder an ihn denken. Er hat auch seine ganzen Sachen, ich finde das unfair. Vor allem: Warum habe ich ausgerechnet meine Brille bei ihm vergessen? Kontaktlinsen habe ich nicht und ich laufe rum wie der letzte Blindfisch.


Gestern musste ich S. erzählen dass ich wieder Single bin. Heute wissen es wahrscheinlich alle so wie ich sie kenne. Zum Glück hat sie kein Mitleid gezeigt und die Sache war in 2 Minuten besprochen. Komische Freundin hab ich da. Mein Vater behandelt mich auch ganz normal, bedenkt mich nicht mit besorgten Blicken oder sowas. Manchmal liebe ich seine Steineigenschaften.

Ich wünsche mich nur noch weg aus München, damit ich das alles hinter mir lassen kann. Auch die Sache mit gestern. Geschrieben haben wir nicht, und ich weiß nicht wie wir uns gegenübertreten wenn wir uns das nächste mal sehen. Am besten sehen wir uns eine Weile nicht mehr, damit Gras drüberwächst. Aber ich muss oft an die Sache denken. Warum hat er das gemacht?

War es nur der Reiz des Verboten oder ging es darüber hinaus?

Ich habe Angst vor Letzterem.

Weil sowas kompliziertes gäbs nicht mal im Fernsehen. Kann ich im Moment echt nicht gebrauchen.

Jungs und Mädchen, Mädchen und Jungs. Das wird für mich immer mysteriös bleiben.




tag 6 




Jedes Mal, wenn ich bei meiner Freundin bin, darf ich bei ihr im großen Bett schlafen und ihr Freund muss auf die Couch. Wie jeder Mensch hat sie ein paar Schwächen aber das wichtigste besitzt sie: ein großes Herz am richtigen Fleck. Und ihr Freund auch. So krass es ist, dass sie nach so kurzer Zeit einfach zusammengezogen sind, so sehr bewundere ich sie für ihren Mut.

I. und R. sagten sofort: Endlich hast du Schluss gemacht. Das hat mich ein bisschen gewundert, schließlich sind sie auch mit ihm befreundet. Aber es hat mir gut getan, das zu hören. Mein Vater trifft sich mit seiner Freundin, ich hätte gern noch ein bisschen Zeit mit ihm verbracht. Ich könnte ein paar Leute anrufen und etwas unternehmen, habe aber nicht so Lust drauf. Hätte Lust, den Freitagsjungen zu treffen.


So viel persönliches Wirrwarr hat die Bundestagswahl total in den Hintergrund gerückt. Genau in diesem Moment werden die Stimmen ausgezählt. Kein erfreuliches Ergebnis, hätte aber auch nichts anderes erwartet. Trotzdem habe ich meine Stimme abgegeben, keine Frage.

Ein Teil der Geschichte Deutschlands wird heute geschrieben, und ein Teil meiner Geschichte wurde in dieser Woche geschrieben.

Und sicher ist, dass dies Zeiten der Veränderung sind.


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1 Antworten

Kommentare

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  • 1

    das alles kommt mir einfach nur allzu bekannt vor! geht mir nicht anders  im moment.

    22.09.2013, 20:45 von Eulalie
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