Eine Nacht.
Eine Liebe.
Es war irgendein Abend, ein kalter. Ich sass - in Schlafanzughose und ungekaemmten Haaren- mit Miklós, meinem alten Nachbarn und dem Hund in der Eckneipe an der Donau, spielte mit meiner Zigarette und wurde nicht müde. Dieselben Gestalten wie immer, die immerwaehrenden Alkoholiker, ein oder zwei Touristen, Stammgaeste, die drei Pöbel in Lederjacken rechts neben dem Tresen. Und dann, ich hatte mein drittes Bier bestellt und Miklós war aufs Klo gegangen, erblickten meine noch so wachen Augen den schönsten Menschen. Er war so unfassbar schön, dass ich das Atmen vergass, das Ausatmen und mich am Rauch meiner Zigarette verschluckte. Er war so schön, dass ich meine zerkauten Fingernaegel in das lackierte Holz der Tischkante trieb und so schön, dass ich laut lachen wollte. Ich sah zu ihm herüber, sah, wie er mit einem anderen Mann sprach, wild gestikulierte, laut gluckste und prustete, wieder ernst wurde. Minutenlang. Und wusste nur, dass ich ihn kennen wollte. Und ich, die doch nie schüchtern war, wurde plötzlich aengstlich und ehrfürchtig, gegenüber diesem Fremden, der mich durch schlichtes Dasitzen meiner Atmungsfaehigkeit beraubte. Also schrieb ich meine Telefonnummer und meinen Namen fein saeuberlich auf den Rand eines Bierdeckels. Versuchte fünf Minuten lang, dem Hund zu erklaeren, was ein Briefbote ist. Dann gab ich resigniert auf. Ohne zu überlegen, knallte ich den Deckel wieder auf den Tisch, nahm meine Jacke und trieb das dumme Tier hinaus in den Schnee.
Ich wollte gerade hinter der schweren Eingangstür meines Hauses verschwinden, als jemand von weitem meinen Namen rief.
Und unten, bei den Treppen, im dichten Schnee, stand er, fuchtelte wild mit den Armen und rief nach mir.
Jargos, denn so hiess er, war Grieche. Er studierte Photographie in Athen und war ein paar Tage in Budapest. Freunde besuchen.
Er hatte meine Versuche, dem Hund einen Bierdeckel in den Mund zu schieben, zur Kenntnis genommen. Und weil er nicht dumm war, hatte er auch bemerkt, wieso ich das hatte tun wollen. Also war er mir gefolgt.
Und so standen wir da. Er mit seinen türkisen Augen und seinem schwarzen Bart, ich in Schlafanzughose und einem dümmlich-seligen Laecheln auf den erkalteten Lippen.
Wir fuhren mit dem Taxi über jede Brücke, die es gab in Budapest und als das Taxi bei acht Euro angekommen war und eben an einer Bar vorbei fuhr, die Piaf hiess, stiegen wir aus. Die Bar war ein Nachtlokal. Roter Plüsch, schmieriger Typ hinter kaputten Klavier, eine dicke Rumaenin mit wogendem Busen hinter dem Tresen. Es machte nichts.
Er erzaehlte mir von seiner grossen Familie, von seinen Lieblingsschauspielerinnen, dass er Gitarre spielte. Ich erzaehlte von meiner Familie, von den besten Restaurants in Ungarn, dass ich nicht singen konnte. Wir sangen gemeinsam "Non, je ne regrette rien" und lachten dabei. Wir tranken Ouzo, bis meine Lippen verklebten und mein Herz sich irgendwo in meinem Hals verklemmte. Meine Mutter hat mir mal gesagt, dass man auch für eine Nacht lieben kann. Und verdammt, ich war verliebt. So verliebt, dass ich wieder mutig wurde. "Jargos", sagte ich und lallte nicht mehr, weil ich plötzlich wieder nüchtern war, "ich werde dich heute mit nach Hause nehmen."
Und Jargos, der blickte mich aus tiefblauen Augen an, nickte sehr ernst und küsste mich.
Wir machten Fotos in jener Nacht, Fotos von uns im Dunkeln, die wir wieder löschten, weil wir den Moment im Kopf behalten wollten und nicht anders. Wir schliefen miteinander, er schlief mit mir, ich entschwand schon zu Beginn in eine Welt aus Funken und Glück. Ich war ja verliebt, ich durfte das. Und als er schon lange schlief, da strich ich immer noch mit jedem Finger einzeln über die Stoppeln an seinem Kinn, da fuhr ich immer noch mit Haenden und Füssen an seinem Körper entlang und als ich ihn leise küsste, da laechelte er im Traum.
Als ich erwachte, war er verschwunden. Er hatte ein paar Zeilen da gelassen und meinen besten Stift vertrocknen lassen, weil er die Kappe nicht wieder draufgemacht hatte.
"You was right" hatte er geschrieben. " You can love for one night..."
Das einzige was ich von ihm wusste, war sein Name und dass er Charlotte Gainsbourg verehrte. Das was blieb, war der Geruch seiner Haut, vier Naechte lang in meinem Kissen und das Glück, diesen Menschen für eine Nacht, ein einzige, geliebt zu haben.






Kommentare
sehr schön....coole Geschichte oder Realität, auf alle Fälle super...
02.03.2010, 15:04 von ChronistderWindeohhhhh wie schön ......
21.02.2010, 14:14 von iloveparisschöne Bilder
20.02.2010, 19:02 von anna_stereowirklich,wirklich schöner text.
19.02.2010, 19:59 von ueberlebenan manchen stellen finde ich ihn ein bisschen zu nüchtern,aber er lässt sich toll lesen!