Eine Nacht muss genügen
Ich war mir sicher, ich war mir nicht ziemlich und nicht ganz sicher, ich war sicher, das richtige zu tun. Wenn man tief in sich hineinhört und ganz ehrlich zu sich ist und sich fragt, wann man denn einfach gelebt hat ohne sich zu fragen, ob man lebt, dann bleibt nicht viel. Eine Nacht lang, wobei nicht sicher ist, wann so eine Nacht anfängt und wann sie aufhört. Aber eine Nacht muss genügen.
Ich lag auf dem Rücken, auf dem Teppich in dem Wohnzimmer einer WG in Kairo. Der Schlafsack war viel zu warm und das T-Shirt auch, den Schlafsack strampelte ich weg, das T-Shirt ließ ich an, anstandshalber, denn daneben lag ein Junge, auch auf dem Rücken, der kein T-Shirt anziehen musste. Bei dem Jungen fing etwas an und bei mir hörte etwas auf, aber in dieser Nacht wussten wir das nicht. So etwas weiß man erst hinterher. In dieser Nacht aber war ein Schnittpunkt zwischen, nüchtern betrachtet, seinen Interessen und meinen. Weil bei ihm ja etwas anfing und bei mir etwas zu Ende ging.
Ich habe hin und wieder versucht zu rekonstruieren, was da eigentlich genau passiert ist. Ich kann mich aber nicht mehr erinnern, obwohl ich nur Wasser getrunken hatte. Ich weiß nur noch, dass ich das T-Shirt irgendwann nicht mehr an hatte, nicht nur der Hitze wegen, auch weil Anstand nicht mehr erwünscht war. Und das weiß ich auch nur, weil ich das T-Shirt später fand.
In langen Wintern sitze ich manchmal wie Frederick auf meinem kalten Fels, und wenn die ganzen Vorräte aufgefuttert sind und Hunger herrscht, dann kann ich die Augen schließen und an die Farben denken und an die Sonnenstrahlen. Nur die Wörter konnte ich nicht sammeln. Wie denn auch, wenn zwei Menschen beieinander liegen und wissen, dass sie das richtige tun. Wenn ihre Körper ihre Schwere verlieren. Wenn das Leben aus ihren Poren schießt. Wenn Haut nicht mehr Haut ist, Lippen nicht mehr Lippen, sondern die Welt bei geschlossenen Augen ein Strudel, der alles mit sich reißt und nur die beiden verschont. Wenn der Teppich unter ihnen sie hinfort trägt in eine andere Dimension. Wenn zwei Menschen wie Luftblasen im Wasser nach oben dringen und den Schlick und Schlamm unten lassen, wenn sie ihre Namen vergessen und alles was sie wussten und jede Berührung natürlich ist, geboren aus dem reinen Gefühl.
Nein, das war nicht der richtige Zeitpunkt um Wörter zu sammeln. Ich war mir sicher und ich wusste nicht, dass bei ihm etwas anfing, das bei mir zu Ende ging. Es war der Schnittpunkt zweier Parallelen.


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Kommentare
Der Schnittpunkt zweier Parallelen.
14.08.2010, 01:18 von VittonFrederick!
08.09.2008, 17:37 von MaibowleAn den habe ich lange nicht mehr gedacht. Schön!
wow.
04.09.2008, 20:09 von CharlysAngelwie in trance.
da wär ich jetzt auch gern.
schön geschrieben.
Der Titel ist nur das Sahnehäubchen.
01.09.2008, 23:07 von touchtheskydu kannst den anderen mal ein bisschen nachhilfe geben, die ihre versuchen, mit ihrem schwarzen kitsch zu punkten
01.09.2008, 00:13 von MisterGambit