nachtigalldeslichts 30.11.-0001, 00:00 Uhr 2 19

Eine Liebeserklärung

Er hat mich nie um Geld gebeten und mich nie nach einer Zigarette gefragt. Und ich habe ihm auch nie mehr als mein Lächeln geschenkt.

Es regnet. Die Leute verkriechen sich in ihren Häusern, hinter den großen Fenstern und in den ungedämmten Räumen. Denn wir sind hier an der Côte d’Azur. Dort wo es immer warm ist, dort wo die Sonne das ganze Jahr über scheint, dort wo die Reichen und Schönen wohnen. Hier gibt es normaler Weise keinen Regen.

Meine Schuhe sind noch von den letzten Tagen feucht und durch meine Jacke sickert langsam das Wasser. Die viel zu große Kapuze rutscht mir alle par Schritte ins Gesicht, versperrt mir die Sicht. Es ist einer dieser bedeutungslosen Tagen an denen man mehr in seinen Träumen als in der Realität lebt.

Der Hunger hat mich aus dem Haus getrieben und meine Füße tragen mich Richtung Innenstadt. Ich laufe vorbei an der Russischen Kirche, vorbei an einem Bäcker und einer Tankstelle. Jeden Tag laufe ich hier entlang. Morgens, wenn ich zur Schule gehe und abends, wenn ich zurückkomme. Jeden Tag muss ich unter einer Eisenbahnbrücke durchgehen. Abends ist sie in blaues Licht getaucht und die Prostituierten warten dort auf ihre Kunden. Und morgens laufen unter ihr all diese geschäftigen Menschen entlang, vom Alltag gestresst, nie ein Lächeln auf den Lippen und den Blick starr nach vorne gerichtet.

Jeden Tag laufe ich an einem Obdachlosen vorbei, der unter jenen Brücke sitzt.  Anfangs habe ich ihm nie große Beachtung geschenkt. Ich bin wie all die anderen Menschen an ihm vorbei gelaufen ohne ihn eines Blickes zu würdigen, tat als wäre ich beschäftigt, in Gedanken woanders. Doch es erschien mir auf Dauer albern und so begann ich ihn jeden Morgen, jeden Nachmittag und Abend anzulächeln. Es ist ein kurzes Lächeln, scheu, nur eine kurze Begrüßung. Doch ich sah bei jeder Begrüßung Freude in seinen Augen strahlen.

Und so gehe ich heute wieder an ihm vorbei. 

Jedoch winkt er mich dieses mal zu sich.

Er hat mich nie um Geld gebeten, nie nach einer Zigarette gefragt und auch nie um Essen gebettelt.

Ich habe ihm auch nie mehr als mein Lächeln geschenkt.

Und auch heute bittet er mich um nichts, sondern streckt seinen Arm aus und drückt mir einen Zettel in die Hand.

Eine Liebeserklärung.





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