nain 26.06.2008, 18:46 Uhr 2 0

Eine kleine Schönheitsoperation am Rande

Die Anderen und Ich, Wir schaffen neues: Seine Nase, Deine schönen langen Beine und ein Spritzer von ihrem Humor.

Gestern morgen wachte ich auf und musste weinen. Ich wollte immer Kinder, obwohl ich schwul bin, die Nacht ist kalt und windig, alles stürzte ein.
Einfach so.
Plötzlich hatte ich eins. Kein einziger Stern macht sich die Mühe, am tintenblauen Himmel zu erscheinen.
Als ich 11 Jahre alt war und meine neue Schule zum ersten Mal betrat, erinnerten mich die langen, weißen Gänge, die in jedem Stockwerk so verirrend gleich aussahen, und die klinisch reine Atmosphäre an ein Krankenhaus. Mein so sorgfältig aufgebautes Gerüst, meine Burg, meine kleine, unsichtbare Mauer um meine Gesichtszüge brach in sich zusammen, als du vor meiner Tür standest.
Ich saß auf einem weißen Stuhl in der Küche und guckte aus dem Fenster. Weißer Putz und blauer Himmel und davor eine dreckige Scheibe. Jemand machte das Fenster auf und ich hörte Straßenlärm, Stimmen und Musik von irgendwoher.
Ich starrte weiter in das Blaue.
Auch wenn mir der Begriff „Vater“ sehr schwer über meine Lippen kommt, da er leider in meinem Fall keine Bedeutung haben durfte und schmerzende Erinnerungen hervorruft, bin ich einer.
Auf dem Bahnhof stinkt es nach Pisse und keine Menschenseele ist zu sehen, aber ich war so behütet aufgewachsen, dass ich davor noch nie ein Irrenhaus von innen gesehen hatte. Es war im Februar, es war kalt und ich krank. Wobei ich mich nicht direkt krank fühlte - ich wollte krank sein, wollte mich schlecht fühlen können.
Jemand riss mich hoch und zog mir eine Jacke an und sagte "es ist heute kalt", nahm meine Hand und ging mit mir durch die Stadt.
Die Mutter meines Kindes war eine Freundin meines damaligen Freundes: Er friert.
Ein paar Regentropfen klatschen ihm ins Gesicht, und er zieht den Kragen seiner Jacke so weit wie möglich nach oben.

Die Umstellung von der Volksschule auf dem Berg mit ihren muffigen Holztreppen, auf denen man die Fußabdrücke von Generationen von Schülern zu erkennen meinte, und meiner ungestümen Klasse mit acht Schülern, auf den unpersönlich-steifen Betrieb des Gymnasiums und die glatten, verfliesten Stufen ohne Profil war an sich schon wie ein Schubser in den kalten Fuschlsee.
Meine schriftliche Arbeit, die zu erledigen war, lag noch zu über drei Vierteln vor mir und auch das T-Shirt, das ich damals trug, das nicht einmal mir gehörte, sondern einem Menschen, mit dem ich innerlich schon lange abgeschlossen hatte, fühlte sich krankmachend an.
Vor den Cafes saßen Menschen auf der Straße. Alle jung und schön angezogen, mit großen Brillen auf den Augen.
Gerade 17 Jahre alt, habe ich mein Schwulsein, oder besser, meine sexuelle Neugier ausgelebt und wie es so im Leben sein kann, landete ich irgendwann auch mit dem Mädel in der Kiste, nachdem ich mit dem Typen Schluss hatte, einer wie er ist schon lange tot, nur eben noch nicht umgefallen.

Nun herrschte plötzlich ein vom schrillenden Pausenläuten begleitetes Kommen und Gehen von beeindruckend exzentrischen Gestalten aus dem österreichischen Beamtengruselkabinett, ihnen fehlten Haare, gleichfarbige Socken und Gutmütigkeit.
Doch ich war zu faul, um mich unter die Dusche zu stellen, noch zur dritten Stunde in die Schule zu gehen und den Mädchen aus der sechsten Klasse dabei zuzusehen, wie sie gegenseitig die an diesem Tag ausgeteilten Rosen, Liebesbriefchen und Herzen der jeweils anderen bestaunten.
Und ich, ich weinte wieder. Und als es nicht mehr zu verbergen war, kam es zu einem Familienstreit vom Feinsten. Er geht weiter und schaut beim Gehen auf seine Schuhe. Ich vermute, mein Musiklehrer feierte das mit einem Nasenbärenfestmahl.
Ich kann mich nicht auf Anhieb mit dem Gedanken anfreunden, dass mir etwas Gutes passiert; fast zwangahft suche ich nach einem Haken, nach einem Haar in der Suppe. Sie war vier Jahre älter und sexuell reifer als ich und es war schön und aufregend, mit ihr diese neuen Erfahrungen zu machen, auch wenn es letztlich nicht mein Ding gewesen ist.

Einige Neonröhren flackern unruhig an der Decke. Das erste meiner Gefühle war entblüffte Ungläubigkeit. Das TShirt hätte ich zerreißen, zurückschicken können, ich tat es nicht.
Du hast mir eine CD in die Hand gedrückt.
Trotzdem, wir verstanden und mochten uns und hatten immer wieder mal Sex miteinander. Die ersten paar Stunden, in denen er nicht auftauchte, genossen wir die unerwartete Freiheit, nach einigen Wochen gingen wir ihn dann doch suchen.
Ich weiß, dass alles gut ist.
Die Sonne geht spät auf an diesem Morgen. Ein schöner Tag, aber das sieht er nicht mehr.
Und dann küsst du mich.
Aber das ist eine andere Geschichte.

2 Antworten

Kommentare

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    danke, ich finde es aber eher traurig. das hat mich lange beschäftigt, aber wenn du es so auffasst ist es auch ok. dann lachen wir eben drüber :)

    26.06.2008, 19:50 von nain
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