Eine für die Kinder, die Andere fürs Bett.
Für manch Mann bin ich Die, die sie begehren können, die sie an ungestörten Orten für sich wollen, bei deren Anblick sie nie an Familie denken würden.
Zeit, dieser Tag hat viel Zeit. In meinem Hinterkopf waltet eine genüssliche Vorfreude auf die Zeit, die ich nur mit mir verbringen werde – alles fällt von mir ab, alles sowie mein letztes Kleidungsstück bevor ich erwartungsvoll in die Dusche tapse und der eigens dafür in die Repeat-Schleife versetzten Musik lausche. Das heiße Wasser erlöst mich mit einer inneren Genugtuung und so lösen sich mit einer leicht dehnenden Bewegung und dem gewohnten Nachhelfen meiner Hände auch lästige Verspannungen. Ich singe, ich schließe die Augen und drehe das Wasser noch heißer. Der Beginn eines wundervollen und wichtigen Rituals – eines persönlichen Luxus, für den ich mich ab und an bereit fühle. So also auch an diesem Tag, es folgt eine duftende Körperbutterorgie, von dem noch jedes Kleidungsstück ein paar Tage zeugen wird.
Ich ziehe mich an… Unterwäsche – die, die nicht abzeichnet. Die schwarze blickdichte Strumpfhose, mit der sich meine Beine trotz der kurzen Hose nicht so verraten, nicht so nackt fühlen. Die seriöse Wickelbluse, die durchaus Einblicke liefert und dennoch nicht billig anpreisend wirkt. Natürlich nehme ich mir Zeit und gute Musik für das Make-up – ein zartes Gold beim Lidschatten, das in einen dezenten Braunton ausläuft, nicht übertrieben. Diese duftende, bräunliche Flüssigkeit für die Haare, sie fallen lockig, ich lächle den Spiegel entspannt an. Die letzten Stunden vergingen in gefühlt normaler Zeitrechnung ohne Trödelei und nun blinzelt mich eine aufgehübschte Femme fatale mit großen Augen umrahmt von langen schwarzen Wimpern aus dem Spiegel an. Bereits die Körperbutter duftet, doch es folgt Deo… dezentes Schnupperwasser, das eh schnell verfliegt und das schwere Parfum. Bereit auszugehen, bereit zu lächeln – bevor ich allerdings ins Auto steige vergesse ich natürlich nicht meine Stiefel, gewagt, aber freundlich provozierend.. auf die laufunfreundlichen Absätze folgt ein schwarzer Lederschaft, der bis über das Knie reicht und in eine von Frauen knapp geduldete, von Männern gewiss nicht verschmähte Wirkung mündet.
Mir ist klar, dass ich in diesem Outfit wohl kaum den Eindruck erwecke „für etwas Festes“ zu sein, mich selten in ein anderes als das meinige Bett zu legen, es als Genuss zu empfinden auf meiner Seite des Bettes ein Buch zu lesen während mein Partner auf seiner Seite ebenso dem geschriebenen Wort frönt, auch über die Ernsthaftigkeit pädagogischer Fehltritte und die Prognose für das persönliche Gelingen mit Freunden diskutieren zu können, über kein anderes Leben als das monogame nachzudenken. All dies ist mir bewusst und ich nehme die Fehleinschätzung lächelnd hin.
Mit einer Freundin versuche ich den Abend, der mit einem starken Gefühl der Wohligkeit begann in ein entspanntes Treffen auslaufen zu lassen – doch die erste Lokalität versperrt jeglicher Konversation mit schlechter und dazu in den vergangenen Jahren einfach zu oft abgespielter Musik den Weg in mein Ohr, so gesellen wir uns nach dem erfolglosen Abklappern zweier geschlossener Lieblingscafés und wenigen Tastensprüngen meines Mobiltelefons zu zwei Männern in eine wirklich ansprechende Bar. Einer der Männer – genau der, der wenige Sekunden nach meiner Ankunft meinen Stiefeln nahezu unerträglich devot und mit dem Risiko des übermäßigen Speichelverlusts gegenübersitzt, ist meine alte Affäre. Seine 13 erfolglosen Jahre Altersunterschied lassen diese bizarr logische Situation nur noch trauriger erscheinen – erobert langweilig erscheint mir der Moment, sein Begehren ist mir schon lange sicher und mittlerweile auch über dieses Maß hinaus unangenehm. Meine Freundin kennt ihn nun auch schon ein Weilchen und so fallen unsere Hüllen der Empathie, auch über ihn kann gelacht werden, die zwei jungen Dinger zügeln ihre Zungen keineswegs. Es existiert kein Schongang, dessen er würdig wäre.
Sein Begleiter sieht gut aus, hoch gewachsen, dunkles Haar, wirklich gut angezogen – dezent und dennoch ein wenig über die Barmode hinaus… passende Brille, verschmitzt abwartendes Lächeln. Wir kommen ins Gespräch, die Verbindung scheint interessant – vielleicht lässt sich über ihn mein gewünschter Apfel-Laptop günstiger erstehen. So verbucht er also meine Aufmerksamkeit (von mir gestattet) für sich, ich spiele.
Das Spiel, welches ich seit Monaten brach gelegt hatte, dieses Spiel, welches mich nach Jahren müde gemacht und dennoch nie im Ansatz so befriedigt hatte, wie die auf den Entschluss der Aufgabe folgenden Monate. Das Katz und Maus der Hormone, des sozialen Interesses, das simple Abklopfen der Platzierung der eigenen Ansprüche auf Begehren.
Dieses Spiel erfordert Stolz, Disziplin, Selbstsicherheit und ein fast narzisstisches Maß an gekonntem Bluffen.
Mit 17 entdeckte ich, dass ich ein Mädchen bin. Ich entschied mich bewusst für mein Geschlecht, damit zusammenhängende Ungleichheiten und dessen klare Vorzüge, die es zu nutzen galt… ich begann auch wie Eines auszusehen und mir dennoch, bei aller Weiblichkeit eine aber immerhin berechnende Unkompliziertheit zu bewahren, zumindest auf den ersten männlichen Blick. Berechnung spielt eine zentrale Rolle, einen anderen Menschen so schnell wie möglich so perfekt – nein, nicht gut, perfekt! – wie möglich einschätzen zu können. Das Glauben über das Vorhersehen seiner Reaktionen und Wünsche beziehungsweise Bedürfnisse mit Wissen darüber zu ersetzen, nach dieser Sicherheit mit Aufmerksamkeit und Gedächtniskräften streben. Auf die Varianz des eigenen Vorteils bedacht. Der Mensch ist manipulativ.
So kalt und doch so wahr. Sind wir ehrlich – in zwischenmenschlichen Beziehungen spielt Berechnung eine große Rolle. Auch wenn diese nicht so kühl aufgeschlüsselt ist und man sich auf Grund von simpler Sympathie gegen diese Erkenntnis zu wehren versucht… „Gerechtigkeit“ oder sagen wir auch die Balance von einer einfachen Kontaktaufnahme ist der kleine Bruder der fiesen, großen Schwester „Berechnung“.
Dank dieser Erkenntnisse und deren recht ausgefeilten Anwendungen lag ich also Jahre später in dem Bett des Mannes zu meinen Füßen in der Bar. Seltsam. Er war und ist immer noch umschwärmt – damals für mich auch noch attraktiver als heute, meine Augen reiften, vielleicht beeinflusste sie aber auch einfach nur der Blick hinter die Kulissen – ein gebundener Mann, der sich ebenso auf die Feinheiten von Worten verstand. Vertraut mit einem Humor der Zwischentöne, einer Sprache des Einbettens und einem betörenden Sinn für das Schöne. So gehörte auch ich irgendwann zu dem Schönen in seinem Leben. Nun sitze ich ihm gegenüber und erfühle für dieses aufsteigende Mitleid betroffenen Ekel, nackte Ignoranz.
Sein Begleiter allerdings weiß noch um die Vorzüge eleganten Schnupperns und lässt mich in meiner ausgekosteten Abweisung bittersüß lächeln. Es folgen belanglose Kurzmitteilungen und zumindest im Gespräch ehrlich ausgemachte Sympathiebekenntnisse – auch sein Zugeständnis, dass ich mich an diesem Abend durchaus auf das Wirken verstand: keineswegs überraschend.
In den folgenden Tagen quälte mich ein stechender Gedanke… auf den ersten Blick für Andere eher die Erbse - auf der ich allerdings nicht schlafen konnte:
Ich befinde mich in einer festen Beziehung. Mein Freund lebt tausende Kilometer von mir entfernt und hätte mir dennoch nie näher sein können als in den letzten Monaten – er befindet sich nahezu jeden Augenblick in meinen Gedanken und wenn nicht, wandern meine inneren Augen über Dinge, die ich ihm schreiben oder schicken könnte. Ich rede viel von ihm und gebe mir Mühe mich mit dem zahlreichen Erwähnen nicht selbst zu nerven, aber so nimmt er an meinem Tag teil. Er weiß, dass ich mit Kindern gearbeitet habe, diese kleinen Geschöpfe sehr verehre und sie gern um mich habe, wenn es auch nicht gleich die Eigenen sein müssen. Doch wir planen unser gemeinsames Leben.
Ich fühlte mich nach diesem so genossenen Abend wie eine Verräterin an der Loyalität, an seiner und meiner Treue und letztendlich auch an der Liebe. An dem Ideal der Liebe. So konstant unromantisch wie ich in all den Jahren meines Lebens war, so strikt hielt meine eigentliche Auffassung von Liebe doch an kindlichen Idealen fest…. Und nun sah sich ein Fundamentales gekränkt: Wenn es Liebe ist, wenn es die Liebe ist – dann brauchst du so etwas nicht.
Nicht?
So treffe ich den Herrn ein paar Tage später und rede mit ihm offen über meine Erbsen. Wir haben uns ja zu keiner Sekunde angeflunkert – er weiß von meiner Beziehung und er erzählt mir schon bei Gelegenheit von seiner mittlerweile 8-Jährigen. Wir sind uns beide einig, dass wir für keine der bestehenden Beziehungen irgendeine Gefahr darstellen. Dessen war ich mir auch immer sicher. Es gibt Zusammenhänge, in denen ich ein „nie“ für mich verbuchen möchte und dank Willensstärke und Wissen um meinen Charakter auch kann. Ich werde nie eine Bank überfallen, ich werde nie Pink zu meiner Lieblingsfarbe ernennen und ebenso wenig werde ich je fremdgehen. So ist klar, dass wir uns durchaus unschuldig, einfach als zwei Menschen begegnen können, uns in diesem Rahmen treffen und vielleicht irgendwann freundschaftlich mögen dürfen. Was hat mich dann allerdings so beunruhigt?
Die Erkenntnis glättet jedes der aufgeschäumten Gewässer:
Ich bin eine geliebte Schwester, ich bin eine geliebte Tochter.. eine geliebte und geschätzte Freundin – ich bin eine geliebte Frau, eben auch die Geliebte.
Manchmal möchte ich aber nicht gekannt und dafür geliebt werden, manchmal oder vielleicht selten möchte ich - und sei es ein noch so oberflächliches Verlangen und eine Oberflächliche Erfüllung – einfach nur begehrt werden. Mit dem leidenschaftlichen Blick der Begierde, aber ohne das weich zeichnende Gefühl der Zuneigung betrachtet. Unerreichbar begehrt.
Unerreichbar - denn irgendwie erreicht mich nach all dem Begehren jetzt doch nur noch Liebe, das Weiche ohne jede Berechnung.. in ihrem Ideal. Die Liebe der Personen, die mich kennen und verstehen – eines Mannes, der mich begehren und als umsorgenden Menschen kennen darf.
So laufe ich auf unbequemen Absätzen – die Ahnung, dass die bloße Idee meiner Person in den Köpfen anderer spielt und mit dem abgekühlten Begehren in der Tasche aus diesem Abend. Allein schlafe ich angekommen in und mit dem Wunsch von meinem Freund gehalten zu werden ein.


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Kommentare
yeah rockt
18.03.2011, 18:47 von EliasRafaelWunderbarer Sprachstil!
06.02.2009, 15:31 von IkarosPuh. Sehr sehr guter Text.
31.01.2009, 21:54 von aless89Mehr fällt mir momentan dazu nicht ein.
Lob!
@aless89
31.01.2009, 21:56 von mezzanine*knicks*
@[Benutzer gelöscht] .. und nun glücklichst getrennt.
12.10.2008, 15:21 von mezzanineNun sitzt das Herz noch rechter am rechten Fleck und die Femme Fatale dürfte sich einbilden menschlicher geworden zu sein.
Außergewöhnlich berechnend und wahr! Danke sehr!
29.08.2008, 10:40 von OnestoneIrgendwie findest du genau die richtigen Worte. Ab und zu fehlt einem einfach die Bestätigung immer noch anziehend zu sein, was in einer langen Beziehung etwas verschüttet wird. Erobert wird nicht mehr, man ist ja eh da. Insofern kann ich sehr nachvollziehen, dass man auf die Piste geht, und sich austestet. Die Prinzipien, die du erwähnst im Verbund mit deiner Charakterstärke geben dir das Bewußtsein, nie zuweit zu gehen dabei. Insofern bin ich eh der Meinung, dass fremdgehen einem selbst oft mehr schadet, als dem Partner.
23.08.2008, 09:27 von Tanea@[Benutzer gelöscht]
18.10.2008, 23:40 von mezzanineAnregendes Unbehagen?
Ungewöhnliche Aussage.. ehrt mich, sie angestoßen zu haben ;)
Sorry, der Satz oben sollte heissen "ist zur zeit in Australien", hat sich irgendwie verdreht.
13.03.2008, 16:17 von fro-yoWahnsinnig schöner Artikel..Bin durch Langeweile und Zufall irgendwie über diesen Text gestolpert und habe ein paar eigene Gedanken darin entdeckt.
13.03.2008, 16:16 von fro-yoIch bin auch in einer festen Fernbeziehung, mein Freund ist in zur Zeit. Australien. Es ist schön wenn andere Leute in ähnlichen Situationen sind,da ich von meinen Freunden leider mehr Missverständnis als Unterstützung für meine Beziehung erhalte.
Dein Artikel hat mir nochmal einen Schubs Mut gegeben, danke.
@fro-yo
13.03.2008, 16:23 von mezzanineDanke für die Blumen - freut mich zu lesen, dass er dir gefällt. Noch viel mehr freut es mich allerdings, dass er dir den kleinen Schubs Mut gegeben hat.. - den brauchen "wir" ab und an.
Liebe Grüße
@[Benutzer gelöscht] Ich danke dir.. für den Kommentar und die Beihilfe zur inneren Ruhe ;)
13.03.2008, 11:07 von mezzanine