Existenz 12.04.2012, 04:10 Uhr 57 32

Eine Bilderbuchbeziehung

Unsere Beziehung ist wie meine Nachttischlampe. Sie hat Wackelkontakt.

Mist. Jetzt habe ich mich doch verliebt.
Eigentlich wollte ich nur noch weg aus Berlin, aus den Liebeskummertrümmern und Saufgelagen, aus dem in-den-Tag-hineinleben und 24-Stunden-Standbye sein. Ich wollte endlich mal abschalten, gute Partys verpassen, weil es nicht mehr möglich ist sie aufgrund der Ferne zu besuchen. Und keine potenziellen Lebenspartner mehr kennen lernen.

Meine neue Heimat heißt nun Frankfurt. Aushängeschild war die Ausbildungsstätte, die ich seit einem Jahr zunehmend sporadischer besuche. Ziel unter anderem: frei sein. Bloß keine Freundschaften aufbauen. Nur sich bilden und Ruhe genießen. Und alle paar Monate in die Heimat fahren. Um „Hallo“ zu sagen. Vor allem wollte ich aber unbeobachtet eine Beziehung führen.

Es ging alles ganz gut. Ich hatte die ersten Monate sehr viele Bekannte. Dann einen Freund. Dann weniger Bekannte. Einige sehr wenige Bekanntschaften entwickelten sich langsam und unterschwellig dann doch zu Freundschaften. Ich kann sie jedoch immer noch an einer halben Hand abzählen. Der Plan geriet ins Wanken, als ich mich in ihn verliebte. Mehr noch als mir klar wurde, dass wir nicht einmal zusammen passen. Der Schwall negativer Gefühle überflutete mich mehr als ich vorbereitet war. Ich liebe ihn. Und er liebt mich. Auch sind wir immer noch und passen immer noch nicht zusammen.

Unsere Beziehung ist wie meine Nachttischlampe. Sie hat Wackelkontakt. Immer wenn sie ausgeht, beschließe ich, bald loszuziehen, um mir eine neue zu kaufen. Rüttele ich an ihr und funktioniert sie dann doch, gibt es nichts Schöneres als unter ihrem Licht zu lesen.

Das Rumschrauben an ihr hat mir nur Stromschläge verpasst. Das tut dem Herzen nicht gut. Jetzt warte ich, bis sie ausgeht oder mich die Spontaneität überkommt und ich mir einfach eine neue anschaffen.

 „Es gehört doch zur Beziehung dazu, dass man sich auch mal zeigt, dass man sich gerne mag.“ Sagte eine Freundin zu mir.

Hm, ja das macht auf jeden Fall Sinn, sonst wäre man ja nicht zusammen, sage ich.

Im Kino will ich nicht neben ihm sitzen, weil ihn meine trivialen Bemerkungen hin und wieder zum Ärgernis anregen. Ich sitze lieber neben jemand anderem, der darüber lacht. Beim Kickerspielen möchte ich nicht Gegner sein, um gegen ihn zu verlieren. Weil ich, wenn ich gegen ihn verliere, eine schlechte Verliererin bin. Ich möchte aber auch nicht im Team spielen als eines dieser Pärchen, welches sich immer als Team bezeichnet. Und wie der Trainer einer Fußballmannschaft vom Spielfeldrand Motivierendes zuruft.

Mit dem Tango Tanzen haben wir aufgehört. Ich will ja doch nur führen und muss einsehen, dass die weibliche Emanzipation beim Tanzen immer noch unterentwickelt ist. Hinzu kommt noch meine Zuversicht, dass Tanzen ja eine gute Paartherapieform sei. Darauf hat er mit Verweigerung reagiert, gerade als ich diesen merkwürdigen Vierecks-Dreh raus hatte. Schade.

Beim Motorradfahren konnte er wieder seine Männlichkeit unter Beweis stellen. Während ich bei 240 auf der Autobahn damit beschäftigt war, die Fäden meines Schals zusammenzurollen, die sich allmählich lösten, brüllte ich aus voller Kehle, er solle langsamer fahren, es sei mein Lieblingsschal. Es war wie freihändig Fahrradfahren bei Orkanböen.

Ich mag ja Wind, deshalb habe ich einen Fallschirmsprung vorgeschlagen.

Schade war im Nachhinein nur, dass ich mit ihm Fallschirmspringen war, jedoch nicht mit ihm zusammen in einem Flugzeug saß, weil ich völlig gelassen meinte, ich könne schon mal vorspringen. So musste sich jeder ein eigenes Video kaufen.

Heute haben wir geredet. Er sagte, er freue sich nicht mehr sonderlich, mich zu sehen. Mir geht es ebenso, nur dass ich noch damit leben muss. Er sagte, wenn du in der Nähe bist, fangen meine Freunde an in verschlüsselten Sprachen zu sprechen. Ich musste lachen. Ich wusste die Antwort und fragte warum. Sie fühlen sich versunsichert.
Ich habe vor einiger Zeit „das Kiffen“, jegliche „harte Droge“ und „übermäßigen Alkoholkonsum“ ohne triftigen Grund für unproduktiv und beziehungstötend erklärt. Dagegen wurde stark protestiert. Seitdem versuchen seine Freunde mir nicht auf dem Präsentierteller zu zeigen, was sie vorhaben oder fragen nach meinem Befinden. Mein Freund tut das nicht. Es lebe die Freiheit! Ich finde, er könnte als Politikstudent durchaus Verfechter der Anomie sein.

 Einmal wollte ich mit in diese kunterbunte Kiffer-Welt eintauchen, beim stillschweigenden Tatortabend. Ich saß zwischen einem Bekannten und meinem Freund, neben dem ich allgemein nicht gerne sitze. Vollständig zugedröhnt. Während die Freunde trocken dreinschauten, öffnete sich mir die farbenfrohe Palette der Mattscheibe. Ich kommentierte mehr als sonst, aber das störte ihn scheinbar weniger als sonst. Es war eben der pure Seelenfrieden.

Niemand hatte mehr Lust auf unsere On-Off-Beziehung, und auch wenn mir Drama sehr am Herzen liegt, ging dieses allmählich daran zugrunde. So trafen wir uns zum Reden.
Ich schwieg.

Nach einigem Chai-Tee war das Eis gebrochen.

Im Gespräch wurden wir uns über unseren gemeinsamen Nenner klar. Er bemängelte meine permanente schlechte Laune, oder gute Laune, wodurch er schlechte Laune bekam. Ich bekam diese jedoch nur durch seine Anwesenheit. Ich freute mich nicht mehr über Treffen mit ihm und umgekehrt.

Trotz all seiner Anschuldigungen sah auch er seine Schwächen. „Meine größte Schwäche ist Sex“. Mir fiel da womöglich alles andere ein als das.

Nun ja, ich wollte ja nicht alles „zerreden“, wie er es immer nannte, und fasste noch mal trocken, dennoch mit einem unterdrücktem Lachen zusammen: „Also, ich habe Lust dich zu sehen und du mich. Allerdings kriegen wir beide schlechte Laune voneinander und freuen uns nicht im Geringsten auf ein Treffen.“

"Du glaubst nicht an mich, kannst mir keine Komplimente machen, und Anerkennung muss ich mir schon selbst geben…",füge ich hinzu und frage:" Warum bist du eigentlich noch mit mir zusammen?" "Weil ich dich liebe", sagt er.

Liebe ist weder das Fundament einer Beziehung noch der Retter, smse ich ihm, während ich eines Nachts betrunken im Bus nach Hause fahre und die Erkenntnis mich wie ein Donnerschlag trifft. Er nimmt es zur Kenntnis.

Ich möchte ja keine Hasipupsi-Beziehung, trotzdem wäre es doch ganz schön, mal eine kleine Aufmerksamkeit zu bekommen, rebelliere ich - immer noch betrunken.

Er hat mir nicht mal ein Foto von uns geschenkt, so wie ich ihm. Stattdessen habe ich selbst eines gemacht, bei Rossmann ausgedruckt und an die Wand geklebt. Ist eigentlich auch günstiger, da ich es hin und wieder zerreiße, wenn wir uns streiten. Da wir uns so oft streiten, lohnt es sich aber nicht mal mehr bei Rossmann. Dafür lösche ich regelmäßig seine Telefonnummer, um ihn vor meinen Wutausbrüchen nach seinen stumpfsinnigen Phrasen zu schützen.
"Das ist doch echt Kindergarten" sagt sein Freund zu mir. Wahrscheinlich, aber hin und wieder ist es wohl hilfreich, sich Erfahrungen aus dem Kindergarten in diesem Beziehungstheater und Gesellschaftsdrama zu nutze zu machen.
Er ist seit 8 Monaten nicht mehr eingespeichert, und die Nummer werde ich wohl leider noch bis zu meinem Lebtagsende auswendig können.

Wir kamen überein, nicht mehr beieinander zu schlafen. Und uns zunächst nur zugedröhnt zu sehen. Vielleicht sieht dann die Welt gleich besser aus, und wir verspüren wieder die Lust, etwas zusammen zu unternehmen.

Auf längere Sicht kann das natürlich so nicht funktionieren, das flackernde Licht beim Lesen nervt allmählich, und ausgehen wird sie früher oder später eh. Spätestens wenn ich sie ausknipse.

Die Quintessenz ist, dass ich mir schon wieder eine neue Stadt suchen muss. Diese ist liebesdurchnässt und hassdurchwachsen. Traurig, ich mochte Frankfurt.

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57 Antworten

Kommentare

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    stimmt nummer vergisst man früher oder später...

    15.04.2012, 21:50 von amoka1992
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    guter text. du wirst die nummer irgendwann vergessen ;)

    15.04.2012, 12:13 von emii89
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      Danke, jedoch nicht all zu schnell. Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis.

      16.04.2012, 13:16 von Existenz
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  • 1

    irgendwie fehlt mir hier der texfluss. ließt sich nicht angenehm. ich kann mich leider nicht ganz reinfinden, tut mir leid!

    14.04.2012, 21:49 von Wortgestalt
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      nicht schlimm.

      16.04.2012, 13:16 von Existenz
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      wenn das das ausschlaggebene Bild ist den Text zu mögen, warum nicht.

      16.04.2012, 12:58 von Existenz
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      hm, das ist dann schade, aber stört mich nicht. Dich?

      16.04.2012, 13:19 von Existenz
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      Hm, schade dass du meinen Comment gelöscht hast,
      da stand was gaaaanz anderes als üblich- hast aber bestümmt nicht vergessen, bei deinem Gedächtnis...


      18.04.2012, 13:19 von Dalek
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      Na, ick mein doch die Existenz- is doch die einzige, die hier was löschen kann...

      19.04.2012, 11:47 von Dalek
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    • 2

      Das schafft die Stadt auch gut allein.

      14.04.2012, 12:18 von CornflakesTime
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      Ich muss Frankfurt verlassen, weil ich in Wien studieren werde, nicht aufgrund meines Freundes. ;)

      16.04.2012, 12:59 von Existenz
  • 2

    Ich würd das mal unter Luxusproblemchen zusammenfassen. Er hat kein Foto geschenkt, uiiii...er macht Spässken im Kino, Skandal...er will seinen Fallschirmsprung wahrscheinlich einfach nur alleine (die Freiheit beim Springen und so) genießen, man man man...der Knaller ist aber überhaupt 'der Lieblingsschal', na ja, hauptsache, man sieht auf der Maschine gut aus.^^

    Und eine neue Stadt suchen, um vor einem IHM zu fliehen, also bitte, diese Lösung finde ich mit Verlaub gesagt recht naiv. Du kannst vielleicht einige Kilometer von ihm wegfliehen, aber vor deiner Erinnerung & deinen Gedanken? So ein schnelles Gefährt gibt es gar nicht! Und Kilometer machen das nie und nimmer wett.

    14.04.2012, 08:43 von topfbluemchen
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      "der Knaller ist aber überhaupt 'der Lieblingsschal', na ja, hauptsache, man sieht auf der Maschine gut aus"

      Na klar was denkst du denn, Schönheit geht vor.^^

      16.04.2012, 13:02 von Existenz
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  • 4

    Also nee, ich musste mich wirklich zusammenreißen, um das bis zum Schluss zu lesen. Das ist echt Kinderkram und typisch für den heutigen Beziehungsquatsch: Ich denke einfach so lange über alles nach, bis es scheiße ist. Soll ich im Kino neben ihm sitzen oder nicht? Hallo? Das ist dein Freund?! Wenn du nicht bei ihm sein willst, dann lass es halt. "Aber ich liebe ihn doch!" Wenn du ihn liebst, dann magst du in seiner Nähe sein. Schluss aus.

    Die Leute können sich einfach nicht entscheiden: Einerseits wollen sie sich selbst verwirklichen, frei sein, das tun können, was sie wollen. Andererseits aber brauchen sie die Anerkennung und Nähe von anderen. Aber nur nicht zu arg, sonst wird es zu eng, dann können sie sich nicht mehr entfalten.
    Tipp an alle: Überlegt euch einfach mal was ihr wollt. Wenn ihr das wisst, dann zieht es durch, mit allen Konsequenzen. Dazu gehört nunmal auch, dass man zurücksteckt und Kompromisse eingeht. Und wenn es eben doch nicht geht, muss man eben die Reißleine ziehen. Aber nicht, ohne darum zu kämpfen...

    13.04.2012, 22:33 von kate88
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      Man darf diesen Text nicht zu ernst nehmen, es sei denn wenn man vorhat sich darüber aufregen. Er strotzt nur so vor Selbstironie und klatscht einem die Oberflächlichkeit vor die Füße. Ich stimme im übrigen auch deinen Tipps zu. ;)

      16.04.2012, 12:56 von Existenz
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  • 0

    Unsere Beziehung ist wie meine Nachttischlampe. Sie hat Wackelkontakt.

    Ich habe den Text noch nicht gelesen, aber dieser Untertitel gefällt mir. "Wackelkontakt" muss ich mir merken :)




    13.04.2012, 15:09 von Jackie_Grey
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    irgendwann vergisst man jede telefonnummer!

    13.04.2012, 13:06 von Palina
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      ok, dann kann ich mich vllt glücklich schätzen, dass ich ein schlechtes gedächtnis habe.

      14.04.2012, 18:03 von Palina
    • 0

      ich kann sogar einige Haustelefonnummern von Freunden aus meiner Grundschule, obwohl die sicher schon lange keinen Anschluss mehr haben...

      16.04.2012, 12:50 von Existenz
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  • 3

    Puh, hab ja selten das Gefühl, mir beim Lesen die Hände vor die Augen zu halten, aber das hab ich nicht bis zum Ende hier gepackt...
    Fehlte nur noch, dass du von den braunen Streifen in seiner Unnerbux geschrieben hättest...

    "
    Sie hat Wackelkontakt."


    EINEN ?

    12.04.2012, 19:24 von Surecamp
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