Ein Wochenende in London
Ich liege auf deinem Bett. Neben dir. Ohne Hintergedanken.
Ich betrachte die Decke des alten Hotelzimmers. Sie ist sehr hoch und das Zimmer ist durch die großen Fenster hell erleuchtet. Ich liege auf deinem Bett. Neben dir. Ohne Hintergedanken.
Ich beobachte dich aus den Augenwinkeln: Du liegst da, ganz still, nahezu regungslos und deine Augen sind geschlossen. Du bist erschöpft, wir sind ja auch den ganzen Tag durch die Stadt gelaufen.
Zusammen haben wir alle Sehenswürdigkeiten abgeklappert und hatten zum Schluss sogar noch Zeit für einen Abstecher in einen der benachbarten Pubs. Mein Blick schweift von der Decke erneut zu dir. Deine blonden Haare sind wieder gewachsen und du hast nicht genug Gel benutzt. Eine goldene Strähne hat sich auf deine Stirn verirrt. Dein Gesichtsausdruck ist vollkommen entspannt, nicht wie sonst, wenn du versuchst, ernst zu schauen.
Wie vorhin im Pub, als ich es dir eigentlich endlich sagen wollte, du mich aber mit deinem Blick sofort zum Lachen gebracht hast. Ja, ich wollte es dir endlich gestehen. Ich wollte dir mein Herz ausschütten, ich dachte, jetzt oder nie. Obwohl der Zug schon vor zwei Jahren abgefahren ist. "Besser spät als nie!", sagt man doch im Volksmund. Ich dachte, wenn wir beide unter Alkoholeinfluss stehen, wäre es einfacher. Es wäre einfacher, dir nach so langer Zeit endlich zu beichten, wie ich fühle, und falls die Zurückweisung käme, würde ich alles auf den Alkohol schieben, und wir würden uns am nächsten Tag an nichts mehr erinnern.
Wir wären dann immer noch Freunde, so wie wir es schon seit über zwei Jahren sind, und meine Beichte hätte nichts an unserer Freundschaft geändert. Du hast heute wieder dieses gestreifte Hemd an, darüber trägst du den passenden Pullover. Der Pullover ist aus Merinowolle. Ich weiß das, weil du es jedes Mal betonst, wenn ich darüber streife.
Zwei Jahre lang hast du nichts gemerkt, nicht im geringsten ist dir irgendetwas aufgefallen. Die vorsichtigen Berührungen, die von mir immer stets durchdacht waren und Stunden vorher schon geplant wurden. Du hast nichts gemerkt. Die Geburtstagsgeschenke. Du hast nichts gemerkt. Die SMS aus dem Nirgendwo. Du hast nichts gemerkt. Die Andeutungen und die intimen Gespräche. Du hast nichts gemerkt. Die Sehnsucht in meiner Stimme. Du hast es nicht gemerkt.
Merinowolle ist ein sehr empfindlicher Stoff, ebenso empfindlich wie Du. Immer wieder sagst du mir, wie wichtig dir meine Meinung ist. Du bist sehr unsicher, wenn es um dein Erscheinungsbild geht, obwohl es für andere nicht so wirken mag. Nach außen hin wirkst du ekelhaft arrogant, in Wirklichkeit bist du unglaublich unsicher. Du machst dir Sorgen, du seist zu dünn, du seist kein richtiger Mann. Dein Hemdkragen verschwindet fast unter deinem Pullover, ich verspüre den Drang ihn zu richten und über den Pullover zu stülpen. Ich lasse es und genieße den Moment, dich so zu betrachten. Bereits nach einem Guinness versichertest du mir, dass zwischen uns auch noch irgendwann einmal was laufen wird. Was für eine Aussage!
Daraufhin war mein ganzer Mut verschwunden. Nichts mehr mit, ich sag es ihm sicher heute Abend. Verschwunden der Anflug von Selbstbewusstsein und Waghalsigkeit. Was bleibt, ist das kleine verliebte Mädchen, dass sich falsche Hoffnungen macht, anstatt endlich Klarheit zu schaffen und dafür eine Ablehnung in Kauf nimmt. Draußen ist es schon längst dunkel geworden und du bist bereits im Traumland versunken. Es ist kalt. Ich rutsche ein Stück näher. Ich kann deinen Atem riechen. Du hast immer diesen süßlichen Atem.
Vorhin im überfüllten Pub, als wir ganz dicht aneinander gedrängt dastanden mit unserem Guinness in der Hand und wir über alte Liebschaften sprachen, wollte ich deinen Atem schmecken. Dich endlich küssen. Ohne Vorwarnung, lediglich aus dem Moment heraus. Doch ich konnte es nicht, ich starrte wie versteinert auf deine Lippen und hörte deinen Geschichten zu, so wie ich es immer tat. Die Sonne ist schon aufgegangen und ich liege immer noch neben dir. Ich habe heute Nacht kein Auge zu getan, wie jede Nacht, die ich neben Dir geschlafen habe.
Wir reisen heute ab. Unsere Koffer sind schon gepackt, und das Taxi zum Flughafen wartet schon. Der Rezeptionist wünscht uns einen guten Heimflug und fragt, ob wir auch nichts in unseren Zimmern zurück gelassen haben. Ich höre schon nicht mehr hin, als Du dich von ihm verabschiedest und ihm versicherst, dass wir alles hätten was wir brauchen. Meinen Mut brauche ich, den habe ich zurück gelassen. Als wir im Taxi sitzen, blickst du mich mit einem zufriedenen Grinsen an und sagst, dass wir das bald wiederholen sollten. Du dankst mir für meine nette Gesellschaft und klopfst mir, wie einem Kumpel, auf die Schulter.
Der Flieger hebt ab. Wir verlassen die wunderbare Weltmetropole London, mit ihrer Tradition, ihrer modernen Hektik und meinem Mut, der irgendwo dazwischen verloren ging.
Es bleibt der Funke Hoffnung, an den ich mich verzweifelt klammere. Seit zwei Jahren.


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Kommentare
Toller Text - spielend in einer tollen Stadt. Ich werde im Mai/Juni auch dort sein und werden dann wohl die selbe Situation haben. Man will einfach nicht die Freundschaft aufs Spiel setzen - so geht es mir zumindest...
07.02.2012, 23:36 von MayTillNowNochmal: Wirklich super geschrieben!!! :)
sehr schön geschrieben.
05.11.2010, 07:25 von Milkanoisettemir kommt diese situation sehr bekannt vor.. bei mir sinds 3 jahre und er weiß bestens bescheid.
dennoch erfordert's immer wieder sehr viel mut .. und sei es zu fragen, ob wir uns sehen.
@Milkanoisette Ob es ihm genauso geht? :
09.11.2010, 19:30 von curlywurlygirl"Das Schlimmste ist, dass wir die einfachsten Fragen mit Tricks zu lösen versuchen, darum machen wir sie auch so kompliziert. Man muss nach einfachen Lösungen suchen." Anton Tschechow
- frag ihn.
ach. man nimmt sich ständig vor das ganze nicht mehr mitzumachen und endlich auf den tisch zu hauen, in deinem fall die wahrheit vorn latz knallen - aber dann versagt der mut und die verlustängste lassen einen einfach verstummen. been there, done that. aber irgendwann kann man die kompliziertheit einfacht nich mehr ab, und wenn du an dem punkt bist - glückwunsch - dann kannst du dich befreien und es ihm sagen :)
Guter Text. Auch wenn ich mich nicht in dich reinversetzen kann. Wenn einen jemand so nah ranlässt: Ach was solls und fallen lassen.
03.11.2010, 21:47 von painispleasureDeswegen kommen zwei Schüchterne auch so selten zusammen.
Ich erkenne mich darin wieder.. dein Text gefällt mir!
02.11.2010, 21:58 von Isabellisabellalso: Männer haben bei so was ja wohl IMMER tomaten auf den augen, die kapieren gar nichts, da musst du so deutlich sein, wie geht, also wenn reden nicht hilft, dann knutsch ihn ab.
01.11.2010, 17:49 von Menschensammlerinp.s.:wenn er dich nicht will, kann er eh scheißen gehen.
pps:männer sind scheiße, die die ich kenne zumindest (mit ausnahme von vielleicht vier?)
viel glück
@Menschensammlerin Janee... is klaar.
02.11.2010, 11:03 von sailorJungs mit Rehaugen angaffen ist KEINE klare Aussage.
Vielleicht ist er wirklich so bräsig und merkt nichts. Aber dann kannst du dir auch fast sicher sein, dass er auch nicht merken würde, wenn es dir in einer möglichen Beziehung scheiße geht. Wenn er das nicht rafft, dann rafft er gar nichts. Und wenn du deinen Arsch nicht hochbekommst, sowieso nicht.
01.11.2010, 12:41 von MistressOfHateLondon weckt mehr Sehnsucht, als ohnehin schon da ist. Da kann man nur aus Erfahrung sprechen!
31.10.2010, 12:21 von julia-Ich versteh dich so gut. Ob mit oder ohne Mut, frag ihn, küss ihn, sag es ihm.
ich hatte genau denselben fall. ich hab's ihm nach gefühlten ewigkeiten auch gesagt und es beruhte auf gegenseitigkeit. hat leider doch nicht geklappt, weil er als partner vollkommen anders war als als bester freund. schwierige angelegenheit. ich hoffe du machst das richtige ;)
30.10.2010, 12:59 von epiceve