julikamel 20.08.2012, 15:50 Uhr 3 3

Ein Wiedersehen

... und warum ist New York eigentlich nicht neben Hamburg?!

Er erkennt sie bevor er sie sieht. Er fühlt sie. Sie ist wie goldene Frühlingsluft nach blauem Winter. Und bevor er sie zwischen kalten Wintermänteln und eisigen Mützen entdeckt wird ihm warm. Er schließt die Augen und atmet tief die Luft seiner Kindheit ein. Und er atmet sie ein. Als er die Augen wieder öffnet strahlt sie auf ihn zu. Auch wenn ihm ihr Gesicht bekannt vorkommt und ihr Lächeln ihn an etwas erinnert, erkennt er sie an dem Gefühl, dass sein Herz durch seinen Körper pumpt. Ein Gefühl von dem er erst nicht glaubte, dass es existieren würde – als er sie nicht kannte. Und dann dachte, es sei nur Einbildung gewesen – als sie wieder verschwand. Aber das Gefühl ist da. Und mit ihm tauchen Bilder in seinem Kopf auf. 

Sie, als er sie zum ersten Mal sieht: Nass getanzt, verwischte Schminke, wildes Haar. Blaue Augen, die ihn über alle Köpfe hinweg anlächeln und nicht mehr loslassen. Auch, als er nur noch ihren Rücken sieht über dem ein zu erahnender Pferdeschwanz im Takt der Musik wippt.

Sie, als sie am selben Abend nebeneinander sein Fahrrad schieben: ohne es zu können singt sie „Teenage Dirtbag Baby“ und hört erst auf zu lachen, als sie die Stufen zu seinem Apartment sieht.

Sie, als sie in derselben Nacht neben ihm in seinem Bett liegt: sie schläft in der Sekunde ein, in der ihr schmaler Körper das Bett berührte; sie atmet leise, ihre Haare fallen über ihr Gesicht. Er streicht sie zur Seite und wünscht sich sie wäre nüchterner. Er würde sie so gerne küssen.

Sie, als sie morgens sein Apartment verlässt ohne ihre Nummer da zu lassen: er wollte sie ja fragen, aber sie war so schnell weg.

Er erinnert sich: das Gefühl er hätte sie verloren ohne sie zu kennen. Er sucht sie. Und findet nichts. Die Freude und Erleichterung darüber, als sie ihn findet. Und die Aufregung, als sie ihre Reise abbricht um einen Abend und eine Nacht bei ihm sein zu können.

Immer mehr Bilder schleichen, stehen auf und breiten ihre Flügel aus.  

Sie, als sie neben ihm durch New Yorker Nachtstraßen wandert: sie erzählt so schön. Eigentlich ist ihm egal, was sie sagt, aber wie sie sagt, macht ihn fünf Jahre alt. Und zum Astronauten.

Sie, als sie schweigend die Skyline von New Jersey betrachtet, die bunt leuchtende Schatten auf den Hudson wirft: ihr leichtes Kleid schwingt mit der Flussbrise.  

Sie, als sie neben ihm im offenen Fenster sitzt und rauchend auf die Hinterhöfe schaut: sie ist ernster geworden; was seine Faszination für sie noch verstärkt.

Die Bilder fliegen und zurück bleibt das Gefühl dieser einen Nacht, das seinen Körper schwach macht und unerfüllt unerträglich schmerzt. Er kann nicht mehr denken. Und wenn er es versuchen würde, es wäre nichts da. Nur sie in einer Seifenblase aus Leere. Sie liegt neben ihm. Nüchtern. Ihre Haut, ihre Haare, ihr Geruch... er dachte „Verstand rauben“ sei nur eine Metapher. Bis ihre Lippen sich berühren vergehen Stunden. Er schläft nicht in dieser Nacht. Er will sie nicht verpassen. Und er weiß, dass sie ebenso schlaflos ist.

Ein vertrautes Bild ploppt auf. Es erscheint immer, wenn er an sie denkt. Ist nie gegangen, nie verblasst: sie, nur in Unterhose, auf seinem Bett sitzend, ihm den Rücken zugewandt. Die Morgensonne vergoldet ihre Haare und lässt ihren Körper mit seiner weißen Bettwäsche verschmelzen. Obwohl sie wie eine surreale Erscheinung wirkt, hat er das Gefühl, dass sie hierher gehört. Das sichere Gefühl, dass sie schon immer da war.

Und dann geht sie. Eigentlich will er, dass sie bleibt. Er weiß, dass sie bleiben würde, wenn er sie bitten würde. Aber er weiß nicht, was dann passieren soll. Er will nicht verantwortlich sein für das Schimmern ihrer Augen. Tränen, die erst später geweint werden. Und sie will das auch nicht. Das wäre übertrieben. Nach zwei Nächten und einem Abend.

Einmal noch dreht sie sich um. Ihre Lippen formen schwer die Worte „Weihnachten“ und „Hamburg.“ Er nickt. Dann ist sie weg.

Und irgendwie auch nicht. Er kann nicht ohne sie, aber er weiß nicht wie es mit ihr gehen soll. Er weiß nicht, was sie will und noch weniger weiß er, was er will. Er weicht ihr aus; weicht sich selbst aus. Es ist ein Dilemma: sie ist in Hamburg, er in New York.

Und trotz der Entfernung ist sie bei ihm. Sie hat etwas da gelassen. In ihm. Er fühlt sich wie eine gestempelte Briefmarke, wie ein gebranntmarktes Pferd. Nicht negativ. Sondern faktisch. Sie ist wie eine spontane Tattoowierung, die trotzdem glücklich macht; wie das Versprechen von einem alten Freund. Egal, ob er nachdenkt, oder arbeitet, oder feiert, oder Wäsche wäscht. Sie ist da.

Sie surft neben ihm am Strand von Venice. Er und sie und die Wellen. Sie steht neben ihm in den Rockys. Er atmet dieselbe klare Regenbogenluft. Sie schlendert neben ihm durch die Straßen von New York. Er hört ihr Lachen. Sie sitzt neben ihm im Central Park. Er öffnet ihr ein Bier. Sie tanzt nachts neben ihm. Er ist glücklich. Sie ist Leben. Und so oft sitzt sie morgens nur in Unterhose auf seinem Bett und strahlt. Manchmal ist sie so dicht, dass er glaubt sie anfassen zu können. Dass er glaubt sie zu riechen. Dass er sich sicher ist sie könnte sich jeden Moment umdrehen und ihn anlächeln. Er würde ihr durch die Haare fahren und ihre Stirn küssen und aufstehen, um ihr einen Kaffee ans Bett zu bringen.

Irgendwann meldet sie sich nicht mehr. Er meldet sich auch nicht. Obwohl er gerne würde. Aber er weiß nicht, wie er eine Nachricht an sie beginnen soll. Oder wie er eine Nachricht an sie beenden soll. Vielleicht will sie ja auch gar nicht, dass er sich meldet. 

Er weiß, dass die ungeklärte Situation schwer für sie ist. Dass sie versucht damit umzugehen. Dass sie an ihm hängt, aber seine Unsicherheit nicht ertragen kann. Sie will ihm keinen Druck machen, aber sie will auch nicht abhängig sein. Sie ist mutig. Sie hat keine Angst. Sie hat nur Angst, dass er sie vergisst. Dass er vergisst, dass sie sich wieder sehen wollten.

Er weiß, dass sie kommen würde. Ein Wort von ihm würde reichen. Aber er kann nicht. Er ist nicht mutig. Nicht mehr. Er hat Angst. Angst was nach diesem einen Wort passieren würde. Angst vor ihren Erwartungen. Angst vor diesem Gefühl.

Aber er kann nicht aufhören an sie zu denken. Er hofft, dass sie noch da ist, wenn seine Angst kleiner ist. Dass sie nicht verschwunden ist, wenn er bereit ist ein Wort zu sagen. Dass alles was passiert ist keine Einbildung ist und sie ihm irgendwann eine Chance gibt. Er muss sie wieder sehen. An Weihnachten in Hamburg. Und dann, nimmt er sich vor, dann wird sich entscheiden, ob dieses Gefühl echt ist.

Jetzt ist es kurz vor Weihnachten. Er steht in Hamburg. Auf einem Bahnsteig und bewegt sich nicht. Sie ist fast bei ihm. Ihre Haare sind so wild wie damals, als er sie zum ersten Mal sah. Ihre Augen sehen nur ihn. Sie lächelt. Nicht so herausfordernd wie in der Nacht in der sie tanzten. Nicht so liebevoll wie an dem morgen als sie golden auf seinem Bett saß. Nicht so traurig wie bei ihrem Abschied. Alles liegt in ihrem Lächeln. Die Wärme in ihm ist leicht und schwer zugleich. Er erkennt das Gefühl. Ohne sie ist sein Leben leer.

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3 Antworten

Kommentare

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    Weil mein Herz heute so sehr weich ist...

    21.08.2012, 22:11 von lalina
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    feine sache.

    20.08.2012, 21:10 von zehnmomente
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    wunderschön.

    20.08.2012, 19:52 von waitress
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