prinzessin_of_chaos 13.01.2007, 12:28 Uhr 2 1

Ein weiterer Grund, nicht U-Bahn zu fahren

Neulich in der schönsten U-Bahnlinie Hamburgs: Die Gräfin sitzt am Fenster, im MP3-Player seufzt Bob Dylan vor sich hin, weil er es nicht ist, Babe.

Die Gräfin schaut hinaus, ohne etwas zu sehen, es regnet, es ist dunkel, im MP3-Player seufzt Bob Dylan und wird immer lauter.

Aus den Augenwinkeln sieht sie, wie sich jemand neben sie setzt, er kommt ihr bekannt vor, sie schaut ins Fenster, um das Spiegelbild des Mannes zu sehen. Zweifel. Ist er es? Kann er es sein?

Der Typ, der neben der Gräfin in der Bahn sitzt, sieht zumindest jemanden sehr ähnlich, mit dem die Gräfin vor eineinhalb Jahren oder so mal ein paar Verabredungen hatte. Und in den sie ganz schön verschossen war. Nennen wir ihn für diese Zwecke den "Waschlappen". Die Gräfin betrachtet das Spiegelbild des zur anderen Seite schauenden Mannes. Ja, eine gewisse Ähnlichkeit ist nicht abzustreiten.

Was nun? Wenn er es ist? Vermutlich erinnert er sich nicht mal an deinen Namen, sagt die Gräfin stumm zu sich selbst. Ihr fällt eine Geschichte ein: Der Waschlappen und die Gräfin hatten eine gemeinsame Bekannte, deren Name mit S begann. Sie unterhielten sich einmal über S., und der Waschlappen nannte sie fälschlicherweise Susanne, was nicht ihr Name ist. Die Gräfin sagte: Mensch, sie heißt S.! Fortan aber wurde S. dann scherzhaft Susanne genannt unter den beiden. Am Ende stellte sich heraus, dass der Waschlappen die ganze Zeit über dachte, sie hieße tatsächlich Susanne. Typisch. Während die Gräfin der Ansicht war, dies sei ihr kleiner Insider-Gag, hat der Waschlappen sich einfach nicht den Namen merken können. Mit Namen hatte er es nicht so.

Die Gräfin sieht noch immer zum Fenster. Ihr wird bei dieser Geschichte ziemlich grummlig im Bauch und sie merkt: Das ist Wut. Bist du immer noch wütend, fragt sie sich selbst. Ja, lautet die unterschwellige Botschaft des Bauches, die der Kopf gleich wieder bereinigen möchte. Nein, schreit er, nein, Wut würde dem Ganzen ja eine Bedeutung beimessen. Er ist ihr egal! Ja, klar, gibt der Bauch sarkastisch zurück.

Die Schuhe des Mannes sehen toll aus. Sein Mantel, den sie aus dem Augenwinkel sieht (Frauen haben ein weiteres Blickfeld als Männer), ist anthrazit und äußerst kleidsam. Er schaut weiterhin zur Seite. Der Gräfin fällt auf, dass sie den falschen Platz hat. Sie kann zur Seite sehen, ihn nicht anschauen, aber wenn er zur Seite, zum Fenster sieht, erkennt er auf jeden Fall ihre Reflexion im Fenster, während die Gräfin keine Chance hat, ihn anzusehen, wenn er sie nicht ansieht. Das ist also mal wieder deine alte Rolle, was, denkt der masochistische Teil ihres Verstandes.

Ihre alte Rolle, wie meinst du das, entgegnet der neutrale Teil des Verstandes. Und dann fällt es ihm ein: Warum das alles nicht funktioniert hat. Und dass es gar nicht unbedingt am Waschlappen lag.

Der Waschlappen übte eine merkwürdige Faszination auf die Gräfin auf, und wenn sie sich das heute mal in der Rückschau überlegt, dann lag es wohl daran, dass er so ganz anders war als die Gräfin. Der Waschlappen war irgendwie großkotzig ("Mein Vater macht dies und das und ist reich und hat ein Boot"), aber nicht mit Absicht. Er erzählte solche Dinge nicht, um damit anzugeben, sondern weil sie für ihn ganz normal waren. Sein Vater hatte eben ein Boot, na und? Trotzdem löste das immer einen gewissen Widerstand in der Gräfin aus. In Worte gefasst: Sie fühlte sich unterlegen. Völlig unbegründet, wahrscheinlich. Dem Waschlappen war das egal. Aber vielleicht war es ihm auch Recht. Vielleicht brauchte er jemanden, dem er überlegen sein könnte? Der Waschlappen erzählte von seiner letzten Russland-/Japan-/Ägypten-/Sonstwo-Reise und die Gräfin fühlte sich unterlegen. Der Waschlappen schlug vor, in einen englischsprachigen Film zu gehen und die Gräfin fühlte sich unterlegen, weil sein Englisch fließend war und auf Dutzenden von Auslandsaufenthalten beruhte.

Das war also deine alte Rolle, die des Verlierers. Nicht Neues eigentlich, dachte die Gräfin, noch immer trotzig aus dem Fenster schauend. Die Speicherstadt huschte ungesehen vorbei, die Bahn ruckelte sich ihren Weg am Hafen entlang. Nein, nichts Neues, aber das wolltest du dann doch nicht: Sein Vergleich sein.

Interessanterweise passierte es in diesen Wochen recht häufig, dass die Gräfin sich eine gemeinsame Zukunft mit dem Waschlappen ausmalte. Er würde zweifellos die Firma seines Vaters übernehmen wollen, und warum auch nicht. Ein hübsches kleines mittelständisches Unternehmen ihr Eigen nennen zu können, hätte der Gräfin durchaus gefallen. Sie könnte das Büro neben ihrem Gatten haben und sie müsste ja nicht jeden Tag ins Büro kommen, denn dann könnte sie sich an einigen Tagen um die Kinder kümmern. Halt. Wie bitte? Es war, als hätte die Gräfin einen Gehirntumor gehabt - wie damals in dieser Folge von Chicago Hope, als ein grummeliger alter Mann plötzlich total nett wurde, bloß weil er einen Tumor hatte, und die Tochter wollte dann nicht, dass er rausoperiert wird... Aber auch hier gab es keine Gnade: Dr. Aaron Shutt hat dem Spuk ein Ende bereitet. Im Falle der Gräfin war es wohl eher die Realität.

Wie tiefsinnig, sagte der sarkastische Teil des Verstandes der Gräfin. Du bist wohl einfach eine ziemlich Niete in Beziehungen, meinst du nicht?

Vermutlich hast du Recht, entgegnet der melancholische Teil des Verstandes. Und der Bauch der Gräfin sagt: Scheiß auf den Kerl.

Die Bahn wird immer voller, aber der Mann dreht sich einfach nicht um. Er sieht genauso stur wie die Gräfin selbst in eine Ecke, in der es nichts zu sehen gibt. Die Bahn fährt nun in den Tunnel ein, der Blick auf den Hafen geht flöten. Die Gräfin wünscht sich einen Augenblick, der Zug möge immer tiefer und tiefer in den Tunnel fahren, so wie in dieser Dürrenmattschen Parabel.

Wie konntest du deine Ideale so schnell für so jemanden verraten, du bist ja keinen Deut besser als die, die du verachtest, wirft der feministische Teil des Verstandes der Gräfin vor. Kommt nie, nie, nie wieder vor, antwortet der Bauch. You live, you learn, summt der sarkastische Teil des Verstandes vor sich hin.

An der Sternschanze steigt der Typ aus. Nun endlich traut sich die Gräfin, ihn anzusehen, sich umzudrehen, den starren Blick endlich auf etwas wirklich Vorhandenes zu lenken. Sie sieht ihn nur noch von hinten. Ein hübscher Mantel, denkt der Verstand unisono. Und der Bauch denkt: Beruhige dich wieder.

Ob er es war, denkt der neutrale Teil des Verstandes. Spielt es eine Rolle, fragt der masochistische Teil des Verstandes. Ich habe mein Ziel erreicht.

Die Gräfin bleibt noch zwei Stationen sitzen, ratlos. Wie kann eine einzige Bahnfahrt so ein Gefühlschaos verursachen? Wie kann sie so schwach sein? Und eines bleibt: Bob Dylans Seufzer.

1

Diesen Text mochten auch

2 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Schön, dass es dir gefallen hat. :) Mir hat es auch gut getan, das mal loszuwerden.... Und ich hab auch einen Ohrwurm.

    13.01.2007, 15:21 von prinzessin_of_chaos
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare